Eine neue, auf dem Jahreskongress der European Society of Cardiology in München vorgestellte Studie zeigt, dass künstliche Intelligenz Routine-Mammografien nutzen kann, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen frühzeitig zu erkennen. Die Technologie analysiert Gefäßverkalkungen im Brustgewebe und ermöglicht so eine präzisere Risikobewertung ohne zusätzliche Untersuchungen.
Künstliche Intelligenz macht Brust-Screenings zum doppelten Nutzen
Herzerkrankungen gelten weltweit als die häufigste Todesursache bei Frauen, werden jedoch im medizinischen Alltag nach wie vor oft spät erkannt oder fehldiagnostiziert.
Im Mittelpunkt des Verfahrens steht die Analyse von Kalkablagerungen in den Arterien der Brust, der sogenannten Brustarterienverkalkung oder BAC. Obwohl diese Verkalkungen Radiologen schon lange auf Röntgenaufnahmen auffallen, blieben sie meist ein Nebenbefund, da sie in keinem bekannten Zusammenhang mit Brustkrebs stehen. Mithilfe von hochentwickelten Algorithmen gelingt es der Technologie jedoch, die subtilen Muster auf Standard-2D-Mammografien zuverlässig zu quantifizieren, was selbst für erfahrene Experten mit bloßem Auge kaum möglich ist.
Datenanalyse von über 120.000 Frauen offenbart deutliche Risikostufen
Die im European Heart Journal veröffentlichte retrospektive Studie untersuchte Daten von 123.762 Frauen im Alter zwischen 40 und 79 Jahren aus großen Gesundheitssystemen wie Emory Healthcare, die zum Zeitpunkt des Screenings keine bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufwiesen. Die Forscher unter Leitung von Dr. Hari Trivedi von der Emory University sortierten die gemessenen Arterienablagerungen in vier Kategorien: keine, milde, moderate und schwere Verkalkung.
Die anschließende Nachbeobachtung über einen Zeitraum von rund sieben Jahren zeigte einen gravierenden Zusammenhang zwischen dem Verkalkungsgrad und schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen wie Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Schlaganfall und Tod. Frauen mit miesen Ablagerungen wiesen ein um etwa 30 Prozent höheres Risiko für schwere Herzerkrankungen auf als Frauen ohne Verkalkungen laut den von Emory University veröffentlichten Studienergebnissen.
| Ausprägungsgrad der Verkalkung | Erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse |
|---|---|
| Keine Verkalkung | Referenzwert (geringstes Risiko) |
| Milde Verkalkung | Etwa 30 Prozent höherer Risiko |
| Moderate Verkalkung | Mehr als 70 Prozent höherer Risiko |
| Schwere Verkalkung | Zwei- bis dreifaches Risiko |
Fortschreiten der Verkalkung und neue Perspektiven für jüngere Patientinnen
Ergänzende Untersuchungen verdeutlichen zudem, dass sich der Verkalkungsprozess über die Zeit dynamisch verändern kann. Eine von Dr. Matthew Nudy von der Penn State College of Medicine geleitete Studie mit mehr als 10.000 Frauen zeigte, dass eine Progression der Arterienverkalkung bereits innerhalb eines Jahres messbar ist. Patientinnen, die von keinen Ablagerungen zu einem positiven Befund wechselten, trugen ein um 41 Prozent höheres Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis. Bei einem Übergang von moderaten zu schweren Werten stieg dieses Risiko um bis zu 93 Prozent.


Weil Mammografien bereits weit verbreitet sind, könnte die Analyse von Brustaufnahmen im Hinblick auf die Herzgesundheit einen skalierbaren Ansatz bieten, ohne dass eine zusätzliche Bilduntersuchung erforderlich ist. Elena Arbelo, Experteneditorin des Komitees für Kommunikation der European Society of Cardiology, via The Guardian
Besonders für jüngere Frauen unter 50 Jahren eröffnen sich durch den Einsatz der KI neue Wege der Prävention. In dieser Altersgruppe wird das Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko oft unterschätzt, und routinemäßige Herzuntersuchungen sind unüblich. Da Frauen in der Lebensmitte jedoch regelmäßig an Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen teilnehmen, bietet sich hier ein effektives Zeitfenster zur Risiko-Stratifizierung.
Klinische Integration und kommende regulatorische Schritte
Einige medizinische Zentren bieten bereits optionale KI-gestützte Analysen des Brustkalks als Zusatzservice bei Mammografien an. Die Technologie erzeugt automatisch einen Wert, der den Verkalkungsgrad beziffert. Dennoch betonen Mediziner, dass die Methode klassische Untersuchungen wie Blutdruck- oder Cholesterintests nicht ersetzt, sondern als zusätzliches Warnsignal fungieren soll.
Interdisziplinäre Teams in den Bereichen Kardiologie, Primärversorgung und Radiologie an Standorten wie der Mayo Clinic arbeiten parallel daran, die Technologie fest in die klinische Praxis zu integrieren und einen standardisierten Rahmen für eine breitere Anwendung zu schaffen.
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