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Gesundheit

Frauenherzen: Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Herzuntersuchung

Prof. Dr. Nadine Abanador-Kamper wurde am 24. Juni 2026 an die Universität Witten/Herdecke berufen, um geschlechtsspezifische Unterschiede in der Kardiologie zu erforschen. Da Frauen oft untypische Herzinfarktsymptome zeigen und ein höheres Risiko für Herzinsuffizienz aufweisen, fordern Experten wie das Deutsche Herzzentrum der Charité eine Abkehr von männlich orientierten medizinischen Standards.

Die Diagnosefalle: Warum untypische Symptome Zeit kosten

Herz-Kreislauf-Erkrankungen bilden die häufigste Todesursache bei Frauen. Dennoch basieren viele medizinische Standards weiterhin auf dem männlichen Patienten. Das führt in der Praxis dazu, dass Frauen bei einem Herzinfarkt oft andere Symptome zeigen als Männer. Statt des klassischen Brustschmerzes treten häufig Übelkeit, Erschöpfung oder Rückenschmerzen auf. Da diese Beschwerden lange als atypisch eingestuft wurden, verlieren Patientinnen wertvolle Zeit bis zur endgültigen Diagnose. Die Folgen sind gefährlich: Bei Frauen unter 60 Jahren ist das Sterberisiko bei einem schweren Herzinfarkt höher als bei gleichaltrigen Männern. Zudem werden Frauen bei einem Herzstillstand im öffentlichen Raum seltener reanimiert, was oft auf Unsicherheiten oder falsch gedeutete Symptome zurückzuführen ist. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat das Deutsche Herzzentrum der Charité (DHZC) am 28. Mai die Initiative Klartext Frauenherzen ins Leben gerufen. Ziel ist es, über diese geschlechtsspezifischen Unterschiede aufzuklären und spezialisierte Behandlungsangebote sichtbarer zu machen.

Frauen sind keine weiblichen Männer: Sie erkranken anders, zeigen andere Symptome, haben andere Risikoprofile und durchlaufen mit Schwangerschaft und Menopause Lebensphasen, die sich besonders auf das Herz-Kreislauf-System auswirken können.

Dr. Julia Lueg, Kardiologin am Deutschen Herzzentrum der Charité

Statistische Risiken: Die Daten zur Mortalität nach einem Infarkt

Statistische Risiken: Die Daten zur Mortalität nach einem Infarkt
Photo: mgo medizin
Die Diskrepanz in der Versorgung zeigt sich auch in harten Daten. Eine kanadischen Studie unter Leitung von Dr. Justin A. Ezekowitz von der University of Alberta belegt ein erhöhtes Risiko für Frauen in den fünf Jahren nach einem Myokardinfarkt. Unabhängig davon, ob es sich um einen ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) oder einen Nicht-ST-Hebungs-MI (NSTEMI) handelt, ist die Wahrscheinlichkeit für Tod oder die Entwicklung einer Herzinsuffizienz (HF) bei Frauen höher. Die Studie untersuchte eine Kohorte von 45.064 Patienten im Zeitraum vom 1. April 2002 bis zum 31. März 2016. Dabei fielen signifikante Unterschiede in der Patientenstruktur und der diagnostischen Rate auf:
Merkmal Frauen (n=13.878) Männer
Medianes Alter 72 Jahre 61 Jahre
Diagnostische Angiographien 74 % 87 %
HF-Entwicklung nach STEMI 22,5 % 14,9 %
HF-Entwicklung nach NSTEMI 23,2 % 15,7 %
Frauen wiesen zudem seltener eine Hauptstammstenose oder eine 3-Gefäß-Erkrankung auf (33,4 % gegenüber 40,9 % bei Männern), litten aber häufiger an einer 1-Gefäß-Erkrankung oder einer nicht obstruktruktiven koronaren Herzkrankheit. Trotz dieser Befunde blieb die adjustierte Sterberate bei STEMI für Frauen signifikant höher (OR 1,42).

Risikofaktoren: Schwangerschaft, Menopause und Krebstherapien

Zentrum für Frauen-Herzen: Unterschiede der Symptome bei Frauen und Männern
Die kardiovaskuläre Gesundheit von Frauen ist eng mit biologischen Lebensphasen verknüpft. Komplikationen während der Schwangerschaft, wie Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes oder Bluthochdruck, gelten heute als ernsthafte Frühwarnzeichen für ein dauerhaft erhöhtes Risiko. PD Dr. Kun Zhang, Oberärztin am DHZC Campus Virchow-Klinikum, betont die Notwendigkeit einer interdisziplinären Betreuung vor, während und nach der Geburt, um Komplikationen zu vermeiden. Auch die Menopause verändert das Risikoprofil massiv. Sinkende Östrogenspiegel beeinflussen den Stoffwechsel, die Gefäße und den Blutdruck. Mehr als jede zweite Frau entwickelt in den ersten Jahren nach der Menopause Bluthochdruck. Ein oft übersehener Faktor ist die Kardioonkologie. Viele Frauen überleben Brust- oder Gebärmutterhalskrebs über viele Jahre, doch die Therapien können das Herz schädigen. PD Dr. Hannah Woopen, Leiterin der AG Cancer Survivorship an der Charité, weist darauf hin, dass kardiovaskuläre Langzeitfolgen Frauen mit nahezu allen Krebserkrankungen betreffen können und teils schwerwiegender sind als die ursprüngliche Krebserkrankung.

Präzisionsdiagnostik: MRT und KI beim Broken-Heart-Syndrom

Präzisionsdiagnostik: MRT und KI beim Broken-Heart-Syndrom
Photo: Biermann Medizin
Ein spezifisches Beispiel für die Notwendigkeit geschlechtsspezifischer Forschung ist das Broken-Heart-Syndrom, medizinisch als Takotsubo-Syndrom bekannt. Diese Erkrankung wird durch extremen emotionalen oder körperlichen Stress ausgelöst und führt zu einer akuten Funktionsstörung des Herzmuskels. Die Symptome ähneln stark einem klassischen Herzinfarkt, doch die Ursache ist eine andere. An der Universität Witten/Herdecke erforscht Prof. Dr. Nadine Abanador-Kamper nun, wie diese Erkrankung, die überwiegend Frauen betrifft, frühzeitig erkannt werden kann. Der Schlüssel liegt in der modernen kardialen Bildgebung. Mithilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) lässt sich das Takotsubo-Syndrom präzise von anderen lebensbedrohlichen Herzerkrankungen unterscheiden. Abanador-Kamper setzt zudem auf künstliche Intelligenz (KI), um die Auswertung komplexer Bilddaten zu unterstützen. Da die Herzmedizin über Jahrzehnte an männlichen Verläufen orientiert war, werden Erkrankungen bei Frauen teilweise noch immer zu spät erkannt oder falsch eingeordnet. Die Integration von KI und MRT-Bildgebung in die medizinische Ausbildung soll diesen Gap schließen. Die medizinische Erkenntnis ist eindeutig: Frauenherzen folgen anderen Mustern. Ob durch die Berücksichtigung der Menopause, die Analyse von Krebstherapie-Folgen oder den Einsatz von KI-gestützter Bildgebung – die Kardiologie muss geschlechtsspezifisch werden, um die Sterblichkeitsrate und die Häufigkeit von Herzinsuffizienzen bei Frauen nachhaltig zu senken. Bitte konsultieren Sie Ihren Arzt oder Gesundheitsdienstleister für eine individuelle medizinische Beratung.

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Dr. Lena Hartmann

Über den Autor

Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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