Trotz der Belastungen durch Rekord-Niedrigwasser am Rhein und anhaltende geopolitische Krisen hat die deutsche Industrie im August ein überraschend starkes Wachstum verzeichnet. Der von S&P Global erhobene Einkaufsmanager-Index kletterte auf 54,1 Punkte und erreichte damit den höchsten Stand seit mehr als vier Jahren, wie aktuelle Daten zeigen.
Die deutsche Wirtschaft zeigt sich robust gegenüber externen Belastungen. Im August ist der Industrie-Index überraschend um knapp zwei Zähler gestiegen, während Ökonomen zuvor mit einem leichten Rückgang gerechnet hatten. So ist der Einkaufsmanagerindex um 1,9 Zähler auf 54,1 Punkte gestiegen, wie der Finanzdienstleister S&P Global am Freitag zu seiner monatlichen Unternehmensbefragung mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten dagegen einen leichten Rückgang auf 52,0 Punkte erwartet. Damit notiert das Konjunkturbarometer deutlich über der entscheidenden Wachstumsschwelle von 50 Punkten, ab der es Wachstum signalisiert.
Industrielle Erholung trotzt Niedrigwasser und geopolitischen Risiken
Die positive Entwicklung wird maßgeblich von der Exportwirtschaft und dem verarbeitenden Gewerbe gestützt. Nach Angaben von S&P Global sind Produktion, Auftragseingänge und Exporte in der Industrie so stark gewachsen wie seit Anfang 2022 nicht mehr – also vor dem Vollangriff Russlands auf die Ukraine. Verantwortlich für diesen Aufschwung sind unter anderem Aufholeffekte nach Monaten der Verunsicherung durch den Iran-Krieg und den Ölpreisanstrieb im Zusammenhang mit dem Krieg im Nahen Osten sowie spürbare Impulse durch steigende Verteidigungsausgaben.
Das ist der beste Wert seit mehr als vier Jahren. Für den Index befragt S&P Global Einkaufsmanager in der Industrie und bei Dienstleistern unter anderem zu Produktion, Auftragseingängen und Beschäftigung, weshalb er als einer der wichtigsten Frühindikatoren für die Wirtschaftsentwicklung gilt. In der Industrie hat die Erholung wieder an Schwung gewonnen, nachdem es im zweiten Quartal Anzeichen für eine Stagnation gehabt hatte, erklärte Phil Smith, Ökonom bei S&P Global Market Intelligence.
Phil Smith, Ökonom bei S&P Global Market Intelligence
Smith betonte zudem: Es bleibt zwar abzuwarten, ob dieses Wachstumstempo aufrechterhalten werden kann – nicht zuletzt angesichts der anhaltenden Versorgungsrisiken. Die bemerkenswerte Aufhellung der Geschäftsaussichten unter den Herstellern deute jedoch darauf hin, dass der Aufschwung auf soliden Beinen steht.
Dienstleistungssektor kämpft mit dem Sommer-Blues
Während die Industrie einen Boom erlebt, präsentiert sich der Dienstleistungssektor verhaltener. Weniger gut schlugen sich die Dienstleister: Deren Barometer fiel um 1,3 auf 48,5 Punkte und rutschte damit unter die Wachstumsschwelle.
Elmar Völker, Analyst bei der LBBW
Der Dienstleistungssektor scheint in einem Sommer-Blues zu sein, resümiert Elmar Völker von der LBBW. Dennoch gibt es auch im Servicebereich positive Signale. „Obwohl der Dienstleistungssektor das Wachstum weiter belastet hat, deuten der zweite leichte Auftragszuwachs in Folge und der neuerliche Stellenaufbau in diesem Sektor darauf hin, dass sich auch hier die Geschäftsaktivität bald verbessern könnte“, sagte Phil Smith.
Wirtschaftlicher Ausblick und Stabilisierung an den Finanzmärkten
Experten werten die aktuellen Wirtschaftsdaten als Zeichen dafür, dass die deutsche Konjunktur robuster ist als befürchtet. Für Michael Herzum von Union Investment zeigen die Ergebnisse, dass die deutsche Wirtschaft widerstandsfähiger ist als gedacht, auch wenn die Unternehmensstimmung in den vergangenen Monaten unter anderem durch den Irankonflikt belastet war: Ein deutlicher realwirtschaftlicher Einbruch ist jedoch ausgeblieben. Für den weiteren Jahresverlauf sei verhaltender Optimismus angebracht. Dennoch bleiben Risiken bestehen, darunter anhaltende Versorgungsengpässe, die ungeklärte Lage am Persischen Golf und die niedrigen Wasserstände wichtiger Transportwege wie das Rekord-Niedrigwasser im Rhein.
Handelsblatt Deutsche Industrie mit stärkstem Auftragsplus seit zwei Jahren #WasBedeutetDas
„Die Tatsache, dass die weltwirtschaftliche Nachfrage trotz der Folgen des Iran-Kriegs robust ist, überwiegt offenbar die inländische Belastung durch die Niedrigwasserkrise.“
Unternehmensvertreter und Ökonomen betonen jedoch, dass die Bäume für die deutsche Wirtschaft nicht in den Himmel wachsen. Voraussetzung für eine kräftigere Erholung ist laut Michael Herzum eine anhaltende Verbesserung der Unternehmensstimmung: Erst dann dürften aus höheren Auftragseingängen auch spürbare Produktionsausweitungen und zusätzliche Investitionen des Privatsektors folgen.
An den Finanzmärkten hat sich der DAX nach einer viertägigen Verlustserie stabilisiert. Nach Handelsstart übersprang der deutsche Leitindex erneut die psychologisch wichtige Marke. Am frühen Nachmittag rangierte der DAX gut ein Viertel Prozent im Plus. Auf Wochensicht steuerte der Index auf ein Minus von 1,5 Prozent zu, nachdem in den vergangenen Tagen vor allem der Anstieg der Renditen an den Anleihmärkten infolge steigender Inflationssorgen und massiv steigender Staatsverschuldung – wie etwa dem auf über 40 Billionen Dollar angestiegenen Schuldenberg der USA – die Kurse belastet hatte.
Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.
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