Wissenschaftler untersuchen den Zusammenhang zwischen Parodontitis und Alzheimer. Jüngste Befunde der Universitätsmedizin Greifswald zeigen eine Korrelation zwischen Zahnfleischtaschen und dem Verlust von Gehirnsubstanz, während eine Studie aus Southampton auf eine beschleunigte kognitive Verschlechterung bei Patienten hinweist.
Zahnfleischbluten, empfindliches, zurückgehendes Zahnfleisch – in einem späteren Stadium lockere Zähne oder sogar Zahnverlust: Parodontitis ist eine verbreitete chronische Entzündung des Zahnhalteapparats. Inzwischen geht man davon aus, dass sie nicht nur Zähne gefährdet, sondern Folgen für die Gesundheit des gesamten Körpers hat. Die Forschung widmet sich zunehmend der Frage, wie Erkrankungen des Zahnhalteapparats mit neurodegenerativen Prozessen im Gehirn zusammenhängen. Dabei rückt insbesondere die chronische Entzündung der Parodontitis in den Fokus von Medizinern und Neurologinnen.
Erkenntnisse der Universitätsmedizin Greifswald zur Hirnalterung
Periodontitis and Cognitive Decline in Alzheimer’s Disease
In Greifswald untersuchten Forschende die Verbindung zwischen dem Zustand des Zahnfleischs und Alzheimer-typischen Veränderungen im Gehirn. „Es gibt substanzielle Evidenz dafür, dass eine Keimreduktion im Mund dazu beiträgt, das Gehirn gesund zu halten“, sagt Hans Jörgen Grabe. Grabe ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Greifswald und Mitautor einer viel beachteten Studie, die vor einigen Jahren dort durchgeführt wurde. Zahnfleischschwund fördert das Demenzrisiko, heißt es darin. „Unsere Befunde sind von geradezu zentraler Bedeutung für das Verständnis neurodegenerativer Prozesse im Gehirn, ist Grabe überzeugt.
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„Wir konnten einen Zusammenhang zwischen der Taschentiefe im Zahnfleisch am Zahnhals – ein Marker für den Schweregrad der Parodontitis – und dem Alzheimer-typischen Verlust von Gehirnsubstanz feststellen“, schildert Grabe. Bei Betroffenen bilden sich in den Spalten zwischen Zähnen und Zahnfleisch dauerhafte Bakterienkolonien, die zu einer ständigen Entzündung führen. Das greift Zahnfleisch und Zahnhälse an und führt dazu, dass Mikropartikel von Bakterien ins Blut gelangen. Als ein potenziell schädlicher Erreger gilt dabei der Keim P. gingivalis. Wissenschaftler diskutieren zwei Hauptwege für die Ausbreitung: „Eine Theorie ist, dass die Keime aus dem Mund, wie etwa P. gingivalis, die Blut-Hirn-Schranke überwinden und im Hirn eine spezifische Entzündung auslösen. Oder dass die Bakterien entlang der Nervenbahnen im Mund-, Nasen- und Rachenbereich dorthin wandern.Für letztere These spricht, dass neurodegenerative Prozesse bei vielen Alzheimerpatientinnen und -patienten im Riechhirn beginnen.
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Beobachtungen aus Southampton zur kognitiven Verschlechterung
Parallel zu den Greifswalder Untersuchungen liefert eine in Southampton durchgeführte Beobachtungsstudie Einblicke in den Verlauf der Erkrankung bei bereits diagnostizierten Patienten. In einer sechsmonatigen observationalen Kohortenstudie wurden 60 nicht rauchende, im Umkreis von Southampton lebende Teilnehmende (und ihre caregivers) mit milder bis moderater Alzheimer-Demenz, einem Minimum von 10 Zähnen und ohne Behandlung für Parodontitis in den vergangenen sechs Monaten begleitet. Die Teilnehmenden wurden im Zeitraum von August 2012 bis August 2013 aus klinischen Überweisungen an Gedächtnissprechstunden rekrutiert. Alle Teilnehmenden in dieser Studie hatten die Kapazität, selbständig die Einwilligung nach den Vorgaben des United Kingdom Medical Research Council zu erteilen.
Parodontitis: Begünstigt die Entzündung im Mund Alzheimer
Das Ergebnis der Untersuchung zeigte, dass das Vorhandensein von Parodontitis bei Baseline zwar nicht mit dem Baseline-Kognitionszustand in Verbindung stand, jedoch mit einer sechsfachen Erhöhung der Rate des kognitiven Abbaus – bewertet über den ADAS-cog über einen sechsmonatigen Nachbeobachtungszeitraum – assoziiert war. Periodontitis at baseline was associated with a relative increase in the pro-inflammatory state over the six month follow up period, während gleichzeitig systemische Entzündungsmarker anstiegen.
Die Rolle von Amyloid-Plaques und Immunreaktionen
Ein zentrales neuropathologisches Merkmal von Alzheimer sind Amyloid-Plaques, bei denen es sich um krankhafte Eiweißablagerungen handelt, die den Informationsfluss der Nervenzellen behindern. „Diese Ablagerungen haben interessanterweise antimikrobielle Eigenschaften, sagt Grabe. „Das heißt, sie können vom Körper produziert werden, um Bakterien zu neutralisieren. Amyloid könnte eine gesunde Reaktion des Körpers sein, die später Probleme in Richtung Neurodegeneration verursacht.

Die Forschung sieht in der konsequenten Mundhygiene und der Behandlung von Zahnfleischerkrankungen daher einen wichtigen Hebel. „Wer Parodontitis hat, sollte sie behandeln lassen“, betont Grabe. Mundgesundheit lässt sich durch konsequente Zahnpflege und professionelle Behandlungen gut kontrollieren, und Grabe merkt an, dass sich die Hirnalterung der Greifswalder Probanden durch ein Zahnhygieneprogramm wieder normalisierte. Die Relevanz seiner Forschungen sieht Grabe primär im Bereich der Vorbeugung: „Wenn die Alzheimer-Pathologie bereits ins Rollen gekommen ist, ist schon so viel Nervenzellgewebe zerstört, dass man – zumindest aktuell – keine Möglichkeit hat, die Erkrankung vollständig zurückzudrängen. Wenngleich neuere Medikamente den Verlauf inzwischen bei manchen Patientinnen und Patienten bremsen können.”
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