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Gesundheit

Wissenschaftler haben eine bestehende Zahnfleischentzündung den kognitiven Verfall bei Patienten massiv beschleunigen können

Wissenschaftler haben einen alarmierenden Zusammenhang zwischen chronischer Parodontitis und dem Verlauf von Alzheimer festgestellt. Eine in Southampton durchgeführte Studie mit 60 Teilnehmern zeigte, dass eine bestehende Zahnfleischentzündung den kognitiven Verfall bei Patienten massiv beschleunigen kann. Auch Greifswalder Forscher sehen substanzielle Evidenz für diese Verbindung.

Chronisches Zahnfleischbluten, empfindliches Zahnfleisch und im fortgeschrittenen Stadium lockere Zähne oder Zahnverlust: Parodontitis ist eine weitverbreitete Erkrankung des Zahnhalteapparats. Lange Zeit galt sie primär als lokales Problem im Mundraum. Doch die medizinische Forschung blickt längst über die Mundhöhle hinaus und untersucht die massiven Auswirkungen auf den gesamten Organismus. Insbesondere Verbindungen zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer rücken dabei in den Fokus der Wissenschaft.

Sechsfacher kognitiver Verfall durch Parodontitis

Wie stark die Entzündung im Mund die geistige Leistungsfähigkeit beeinflussen kann, belegt eine Beobachtungsstudie aus dem Vereinigten Königreich. Zwischen August 2012 und August 2013 untersuchten Forscher in Southampton 60 immundefiziente, nicht rauchende Teilnehmer mit einer leichten bis mittelschweren Alzheimer-Erkrankung sowie deren Pflegepersonen. Alle Patienten verfügten über mindestens zehn eigene Zähne und hatten in den vorausgegangenen sechs Monaten keine Parodontitis-Behandlung erhalten. Eine von den kognitiven Tests unabhängige Zahnarzthygienikerin übernahm die zahnmedizinische Begutachtung.

Das Ergebnis nach einer sechsmonatigen Nachbeobachtung war eindeutig: Obwohl eine Parodontitis zu Beginn der Untersuchung keinen direkten Einfluss auf den aktuellen kognitiven Zustand der Patienten zeigte, war sie mit einer sechsfachen Steigerung des kognitiven Verfalls – gemessen am ADAS-cog-Test – verbunden. Die Forscher führen diesen beschleunigten Abbau auf einen messbaren Anstieg systemischer Entzündungsmarker im Blut während des beobachteten Zeitraums zurück.

Bakterien auf dem Weg ins Gehirn: Die Rolle von P. gingivalis

Zu ähnlichen Befunden gelangte ein Forschungsteam um Hans Jörgen Grabe, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Greifswald und Mitautor einer viel beachteten Studie zur Hirnalterung. Unsere Befunde sind von großer Bedeutung für das Verständnis neurodegenerativer Prozesse im Gehirn, betont Grabe. Die Greifswalder Forscher konnten einen direkten Zusammenhang zwischen der Taschentiefe im Zahnfleisch – einem klassischen Indikator für den Schweregrad der Parodontitis – und dem Alzheimer-typischen Verlust von Gehirnsubstanz nachweisen.

In den Zahnfleischtaschen von Betroffenen entstehen dauerhafte Bakterienkolonien. Diese Mikroorganismen greifen das Gewebe an und sorgen dafür, dass winzige Bakterienpartikel in die Blutbahn übergehen. Ein besonders kritischer Keim ist Porphyromonas gingivalis. Wissenschaftler diskutieren hierzu zwei Hauptpfade: Entweder überwinden die Bakterien die Blut-Hirn-Schranke, oder sie wandern direkt entlang der Nervenbahnen im Mund-, Nasen- und Rachenraum in Richtung Gehirn. Interessanterweise beginnt der neurodegenerative Prozess bei zahlreichen Alzheimerpatienten im Riechhirn, was diese These stützt.

Amyloid-Plaques als antimikrobielle Schutzreaktion?

Im Gehirn von Alzheimerpatienten lagern sich pathologische Eiweißstrukturen ab, die sogenannten Amyloid-Plaques. Sie stören den Informationsfluss zwischen den Nervenzellen empfindlich. Die Forschung bringt diese Plaques nun in einen überraschenden Kontext zu den eingewanderten Mundbakterien. Diese Ablagerungen haben interessanterweise antimikrobielle Eigenschaften, erklärt Grabe. Demnach produziert der Körper diese Proteine möglicherweise gezielt, um eingedrungene Bakterien zu neutralisieren. Amyloid könnte demnach ursprünglich eine gesunde Immunreaktion darstellen, die erst im Laufe der Zeit zu den zerstörerischen neurodegenerativen Prozessen führt.

Wissenschaftler haben eine bestehende Zahnfleischentzündung den kognitiven Verfall bei Patienten massiv beschleunigen können

Zusätzlich führt das Kauen auf entzündeten Zähnen dazu, dass bakterielle Lipopolysaccharide in den Blutkreislauf gelangen. Dies verstärkt den allgemeinen proinflammatorischen Zustand im Körper. Da Alzheimerpatienten im fortgeschrittenen Stadium aufgrund nachlassender kognitiver Fähigkeiten oft Schwierigkeiten haben, ihre eigene Mundhygiene aufrechtzuerhalten, entsteht häufig ein schwer durchbrechbarer Teufelskreis aus mangelnder Zahnpflege, fortschreitender Parodontitis und verstärkter Entzündungsaktivität im Gehirn.

Konsequente Zahnpflege als präventiver Ansatz

Angesichts dieser Ergebnisse gewinnt die zahnmedizinische Prophylaxe eine völlig neue Dimension im Kampf gegen Demenz. Die Greifswalder Untersuchungen zeigten, dass sich die Hirnalterung der Probanden durch ein gezieltes Zahnhygieneprogramm wieder normalisieren konnte. Mundgesundheit lässt sich durch konsequente Zahnpflege und professionelle Behandlungen gut kontrollieren. Wer Parodontitis hat, sollte sie behandeln lassen, unterstreicht Grabe.

Wissenschaftler haben eine bestehende Zahnfleischentzündung den kognitiven Verfall bei Patienten massiv beschleunigen können

Dennoch mahnen die Experten vor allzu großen Hoffnungen bei bereits ausgeprägten Krankheitsbildern. Wenn die Alzheimer-Pathologie erst einmal voll im Gange ist, befindet sich bereits so viel Nervengewebe im Zerfall, dass sich die Erkrankung durch eine Sanierung des Zahnfleischs allein nicht mehr komplett zurückdrängen lässt – auch wenn moderne Medikamente den Verlauf bei manchen Betroffenen inzwischen bremsen können. Das Hauptgewicht liege daher auf der Vorbeugung. Zünftige Studien der Greifswalder Forscher sollen nun klären, welche spezifischen Keime im Mund exakt für die beschleunigte Hirnalterung verantwortlich sind.

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Dr. Lena Hartmann

Über den Autor

Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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