Kanada hat am Dienstag spürbare Vergeltungszölle von bis zu 50 Prozent auf US-Waren im Wert von rund 20 Milliarden Dollar in Kraft gesetzt. Dieser Schritt folgt auf das Scheitern der bilateralen Handelsgespräche Ende August und verschärft den Zollstreit zwischen den beiden langjährigen Partnern erheblich.
Der Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Nachdem die Verhandlungen zwischen den beiden Regierungen im August kollabierten, setzte Ottawa am frühen Dienstagmorgen umfassende Gegenmaßnahmen in Gang.
Zölle im Umfang von rund 20 Milliarden Dollar
Die kanadischen Gegenmaßnahmen entsprechen nach Angaben der Regierung in Ottawa exakt dem Volumen und den Sätzen der jüngsten US-Maßnahmen. Die Abgaben staffeln sich je nach Warengruppe zwischen 15 Prozent und 50 Prozent. So werden auf amerikanische Milchprodukte, Golfschläger, Stahl, Aluminium sowie bestimmte Bekleidungsstücke wie Jacken und T-Shirts Zölle von 50 Prozent erhoben. Käse, Toilettenpapier und Klimaanlagen treffen Zölle von 25 Prozent, während Gabelstapler und industrielle Formen mit 15 Prozent belastet werden.
Ursprünglich hatten auch frischer Fisch und Hummer auf der kanadischen Liste gestanden. Nach heftigem Gegenwind aus der heimischen Fischereiindustrie strich die Regierung diese Produkte jedoch wieder von der Liste, um der eigenen Wirtschaft nicht zu schaden. Die US-amerikanischen und kanadischen Hummerindustrien sind stark voneinander abhängig, da in den USA gefangener Hummer traditionell oft zum Verarbeiten nach Kanada geschickt wird.
Rechtliche Unsicherheiten bei US-Präsident Trump und Section 338
Auf US-Seite stützt sich der Handelskonflikt auf ein historisches und juristisch umstrittenes Instrument. Präsident Donald Trump griff auf Section 338 des Tariff Act von 1930 zurück, um im August einen Zollsatz von 50 Prozent auf kanadische Importe zu erheben. Das Gesetz stammt aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise und war vor Trumps zweiter Amtszeit weitgehend in Vergessenheit geraten.

Rechtsexperten bezweifeln, dass diese historische Maßnahme einer gerichtlichen Überprüfung standhalten wird. Zudem argumentieren Juristen wie Sara Albrecht von der Liberty Justice Center, dass das Gesetz durch modernere Handelsgesetze aus den Jahren 1962 und 1974 längst abgelöst worden sein könnte.
Mark Carney und Jamieson Greer über den Stillstand der Gespräche
Die politische Führung beider Länder zeigt sich derweil unnachgiebig. Der kanadische Premierminister Mark Carney betonte, dass Ottawa weiterhin nach einem dauerhaften Abkommen suche, das im besten Interesse beider Staaten liege.
Die US-Regierung schiebt die Verantwortung für die Blockade derweil nach Ottawa. Greer warnte zudem vor einer weiteren Eskalation und schloss nicht aus, dass die USA als Reaktion Importe bestimmter kanadischer Produkte verbieten könnten.
Drohungen gegen den Flugzeugbauer Bombardier
Zusätzlich zu den bestehenden Zöllen auf Autos, Stahl, Aluminium und Holz hat die US-Regierung den kanadischen Luftfahrtriesen Bombardier ins Visier genommen. US-Präsident Trump drohte damit, dem Unternehmen den Verkauf von Flugzeugen in den USA zu untersagen, sofern die Produktion nicht in die Vereinigten Staaten verlagert wird.

Bombardier ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für Kanada und trug im Jahr 2024 laut einer Untersuchung von PwC mehr als C$7bn kanadische Dollar zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei. Gleichzeitig unterhält das Unternehmen Verbindungen zur US-Wirtschaft: Es beschäftigt etwa 3.500 Mitarbeiter in den Vereinigten Staaten und arbeitet mit 2.800 US-Lieferanten zusammen.
Wirtschaftliche Folgen und offene Fragen
Die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Nachbarn gehören mit einem Volumen von fast $900bn im Jahr 2025 zu den größten der Welt. Während Umfragen zufolge eine Mehrheit der kanadischen Bevölkerung die Gegenmaßnahmen unterstützt, warnen Ökonomen vor steigenden Preisen für Verbraucher bei Alltagsgütern wie Lebensmitteln, Kleidung und Möbeln.
Die kanadische Handelskammer erklärte über ihre CEO und Präsidentin Candace Laing, dass Unternehmen zwar Vergeltungsmaßnahmen nachvollziehen könnten, jedoch eine endlose Eskalation vermeiden möchten. Man stelle sich jedoch darauf ein, dass der Handelsstreit länger anhalten werde. Die Verhandlungen zwischen Washington und Ottawa bleiben vorerst ausgesetzt, während die betroffenen Branchen auf beiden Seiten des Grenzverlaufs nach Anpassungswegen suchen.