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Technik und Wissenschaft

Forscher widerlegen Mythos über längere Schlafdauer in vorindustrieller Zeit

Eine neue Auswertung von Schlafgewohnheiten moderner Jäger- und Sammlerkulturen widerlegt die verbreitete Annahme, dass Menschen in vorindustrieller Zeit deutlich länger schliefen als heute.

Der vermeintlich moderne Schlafmangel erweist sich bei genauerem Hinblick als hartnäckiger Mythos. Obwohl elektrische Beleuchtung und Bildschirme unseren Abend prägen, schlafen Menschen im industrialisierten Raum im Durchschnitt nicht kürzer als unsere Urahnen. Zu diesem Schluss kommt ein internationales Forschungsteam, das bestehende Daten von Naturvölkern mit historischen Quellen und genetischen Erkenntnissen verknüpfte und im Fachjournal Brain Medicine vorstellte.

Jäger und Sammler im Fokus: Was die Hadza, San und Tsimane verraten

Um herauszufinden, wie der menschliche Körper vor der Industrialisierung ohne künstliches Licht ruhte, blickten Wissenschaftler auf heute noch existierende Gesellschaften. Die Hadza in Tansania, die San im südlichen Afrika und die Tsimane in Bolivien leben weitgehend ohne elektrischen Strom. Ihre tägliche Routine orientiert sich am natürlichen Wechsel von Tag und Nacht nach dem natürlichen Hell-Dunkel-Zyklus.

Genau diese Gruppen dienen der Schlafforschung als verlässlicher Anker. Das beste verfügbare Fenster in die Schlafgewohnheiten früherer Menschen öffnet sich durch diese Gemeinschaften, da sie den Zustand vor technologischen Einflüssen widerspiegeln. Wenn jedoch drei völlig isolierte Kulturen in unterschiedlichen Regionen und mit abweichender Genetik ein stark übereinstimmendes Muster zeigen, lässt das tief blicken.

Gandhi Yetish von der University of New Mexico in Albuquerque bringt es auf den Punkt: Man hat geglaubt, wir müssten alle acht bis neun Stunden pro Nacht schlafen und dass wir ohne die modernen Technologie dies auch alle tun würden. Doch jetzt zeigt sich, dass das nicht stimmt.

Abendliche Aktivitäten und der natürliche Wecker am Morgen

Nicht nur die Schlafdauer überrascht, sondern auch das Verhalten rund um die Nachtruhe. Entgegen gängiger Vorstellungen krochen unsere Vorfahren keineswegs mit den letzten Sonnenstrahlen unter die Decke. Die Mitglieder dieser Naturvölker blieben abends im Durchschnitt noch gut drei Stunden nach Sonnenuntergang wach.

Am Morgen erwachten die Menschen hingegen meist kurz vor dem ersten Sonnenlicht. Als biologischer Wecker fungierte dabei offenbar die Temperatur. Sobald die nächtliche Luft ihren kältesten Punkt erreicht hatte, setzte der Aufwachprozess ein. Dieser Effekt hat einen entscheidenden evolutionären Vorteil, denn so erhaschten die Menschen sofort das erste, für die innere Uhr wichtige Tageslicht.

Ebenfalls ins Reich der Mythen verweist die neue Auswertung das tagsüber so beliebte Nickerchen. Der sogenannte Power-Nap gilt in modernen Leistungsgesellschaften als vermeintlich urtümliche Gewohnheit, um dem biologischen Tiefpunkt zu begegnen. Bei den beobachteten Jäger- und Sammlergruppen kommt ein solches Tagschlafen jedoch extrem selten vor.

Das historische Rätsel um den Zweischlaf

Neben den Felddaten bei lebenden Naturvölkern untersuchte das Forscherteam historische Dokumente. Im Zentrum stand dabei die populäre Hypothese, wonach Menschen in vorindustrieller Zeit ihre Nachtruhe in zwei Blöcke aufteilten und dazwischen eine längere Wachphase verbrachten, die für Gebete oder Meditation genutzt wurde.

Die aktuelle Übersichtsarbeit dämpft diese Annahme. Die ausgewerteten Quellen aus der Frühen Neuzeit erlauben unterschiedliche Deutungen. Der oft genannte Begriff des ersten Schlafs besaß damals mehrere Bedeutungen und lässt keinen zwingenden Rückschluss auf ein festes, flächendeckendes Ritual des Zweischlafs zu. Ein universelles, von großen Bevölkerungsgruppen getragenes Muster dieser Art gab es demnach nicht.

Künstliches Licht verschiebt den Rhythmus und gefährdet die Gesundheit

Wenn die Schlafdauer sich seit der Steinzeit kaum verändert hat, wo liegt dann das Problem moderner Schlafprobleme? Die Antwort liegt im Rhythmus. Während Naturvölker mit der Dunkelheit zur Ruhe kommen und früh aufwachen, gerät die innere Uhr im industrialisierten Alltag durch äußere Reize stark unter Druck.

Als Haupttreiber für diese Entwicklung gilt das späte künstliche Licht, insbesondere das blaue Licht von Smartphones, Bildschirmen und Energiesparlampen. Nelson warnt, dass diese Strahlung die Ausschüttung des schlaffördernden Hormons Melatonin blockiert: Tagsüber möchte man helles Licht – aber nachts eben nicht. Und leider produzieren all unsere Geräte blaues Licht, mit dem wir uns abends regelrecht bombardieren.

Ein gestörter Schlafrhythmus hat weitreichende Konsequenzen für den Organismus. Dauerhafte Abweichungen vom natürlichen 24-Stunden-Zyklus des Körpers werden immer wieder mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen in Verbindung gebracht, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein geschwächtes Immunsystem. Nelson bezeichnet diesen Trend als ein massives Problem für die öffentliche Gesundheit.

Warum Schlafstörungen zu einer sozialen Frage werden

Während in der modernen westlichen Welt bis zu 20 Prozent aller Menschen unter chronischen Schlafstörungen leiden, kennen die untersuchten Naturvölker dieses Leiden Berichten zufolge kaum – sie besitzen nicht einmal ein eigenes Wort dafür. Die Gründe dafür sind in den Umweltbedingungen zu suchen.

Der Zugang zu erholsamer Nachtruhe entwickelt sich zunehmend zu einem sozialen Spaltpilz. In urbanen Regionen erschweren Lärm, Hitze und nächtliche Lichtverschmutzung den Schlaf massiv. Von diesen Faktoren sind ärmere Bevölkerungsschichten meist am stärksten betroffen, da sie sich kaum bauliche Abhilfe oder Klimaanlagen leisten können. Wenn sich die Klimaerwärmung in den kommenden Jahren fortsetzt, dürfte sich diese Diskrepanz zwischen Arm und Reich beim gesunden Schlaf weiter verschärfen.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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