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Technik und Wissenschaft

Forscher entdecken: Homo-naledi-Bestattungsstätte könnte rein weiblich gewesen sein

Die Entdeckung eines möglichen rein weiblichen Bestattungsplatzes der Art Homo naledi wirft neue Fragen über die Sozialstruktur und Bestattungsrituale unserer frühen Vorfahren auf. Forscher haben in der Rising-Star-Höhle in Südafrika Zahnproteine analysiert, die auf ein Fehlen männlicher Individuen hindeuten.

Seit der Entdeckung der ersten Fossilien von Homo naledi im Jahr 2013 in der Rising-Star-Höhle in Südafrika haben Paläoanthropologen gerätselt, wie und warum diese frühen Menschen ihre Toten in einer so schwer zugänglichen Kammer bestatteten. Jetzt deutet eine aktuelle Studie darauf hin, dass die dort gefundenen Überreste möglicherweise ausschließlich weiblich sind. Diese Erkenntnis könnte die bisherige Vorstellung von Bestattungsritualen bei Homo naledi grundlegend verändern – und wirft die Frage auf, ob es sich um eine gezielte Praxis handelte oder ob die Männer dieser Art woanders beigesetzt wurden.

Ein Rätsel aus der Höhle: Warum fehlen die Männer?

Die Rising-Star-Höhle ist berüchtigt für ihre engen, nur mit Atemnot zu durchquerenden Gänge. Seit 2013 haben Forscher dort Überreste von mindestens 20 Individuen von Homo naledi entdeckt, die zwischen 236.000 und 335.000 Jahren alt sind. Jetzt haben Wissenschaftler der Universität Kopenhagen und des Globe Institute in Zusammenarbeit mit dem ScienceAlert Proteine aus den Zahnschmelzproben dieser Fossilien untersucht. Dabei stießen sie auf eine überraschende Erkenntnis: In keinem der untersuchten Zähne fanden sie Spuren des männlichen Amelogenin-Y-Proteins, das auf das Vorhandensein eines Y-Chromosoms hinweist.

Ein Rätsel aus der Höhle: Warum fehlen die Männer?
Photo: Archaeology Magazine
Ein Rätsel aus der Höhle: Warum fehlen die Männer?
Photo: Smithsonian Magazine

„Das Fehlen von Beweisen ist nicht der Beweis für deren Abwesenheit“, betont die Studie – doch die statistische Analyse spricht eine deutliche Sprache: Die Wahrscheinlichkeit, dass alle untersuchten Individuen weiblich waren, ist extrem hoch. „Entweder waren die Männer dieser Population systematisch an einem anderen Ort beigesetzt, oder es gibt eine biologische Besonderheit, die das Fehlen des Y-Chromosoms erklärt“, sagt Palesa Madupe, Evolutionsanthropologin an der Universität Kopenhagen.

Die Forscher betonen, dass die fehlenden männlichen Spuren mehrere Erklärungen zulassen: Entweder waren die Männer dieser Population tatsächlich nicht in der Rising-Star-Höhle beigesetzt, oder es gibt eine bisher unbekannte genetische Besonderheit, die das Fehlen des Y-Chromosoms erklärt. Sollte letztere Theorie zutreffen, wäre das eine bahnbrechende Entdeckung für die Paläoanthropologie. „Das wäre großartig“, sagt Madupe.

Warum ist das ein Problem für die Wissenschaft?

Die Frage, warum es in der Rising-Star-Höhle scheinbar keine männlichen Individuen von Homo naledi gibt, wirft grundlegende Fragen zur Sozialstruktur und den Bestattungsritualen dieser Art auf. „Wenn es sich um eine gezielte Bestattungspraxis handelte, könnte das darauf hindeuten, dass Homo naledi bereits komplexe soziale Strukturen und möglicherweise sogar eine Form von Ritualen besaß“, erklärt Lee Berger, der Leiter der Ausgrabungen, gegenüber National Geographic.

Die Entdeckung wirft auch die Frage auf, ob die Männer dieser Art woanders beigesetzt wurden – oder ob es sie überhaupt gab. „Es muss Männer gegeben haben, sonst hätte die Art nicht überlebt“, sagt Berger. „Also: Wo sind sie?“ Die Antwort könnte in weiteren Ausgrabungen liegen. Berger schätzt, dass es in der Höhle noch Dutzende weiterer Skelette geben könnte.

Interessanterweise wurde die Rising-Star-Höhle ursprünglich von einem rein weiblichen Forschungsteam erkundet – eine ironische Parallele, die Berger als „eine der schönsten Ironien der Wissenschaft und Erforschung“ bezeichnet. „Dass die Fossilien von Frauen entdeckt wurden, die selbst Frauen waren, ist fast schon poetisch“, so Berger.

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Die neue Studie wurde im Fachmagazin Cell veröffentlicht und hat die Paläoanthropologie in Aufruhr versetzt. „Als die Ergebnisse herauskamen, waren viele Wissenschaftler sehr nervös“, berichtet Berger. „Das war nicht das, was wir erwartet hatten.“ Die Forscher führten die Analysen in zwei unabhängigen Laboren durch, um Fehler auszuschließen. „Wir haben die Daten zweimal überprüft, nur um sicherzugehen, dass es kein interner Fehler war“, sagt Berger.

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Enrico Cappellini, Paläoproteomiker an der Universität Kopenhagen, betont, dass es zwar theoretisch möglich wäre, dass einige männliche Individuen das AMELY-Gen verloren haben – aber nicht für eine ganze Population. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Hälfte der 20 Individuen oder gar die gesamte Population dieses Gen verloren hat“, sagt Cappellini. „Entweder gab es keine Männer in der Rising-Star-Höhle, oder es gibt eine systematische Deletion des AMELY-Gens.“ Beide Szenarien hätten tiefgreifende Auswirkungen auf unser Verständnis der Evolution von Homo naledi.

Die Studie zeigt auch, wie wertvoll Proteine aus Zahnschmelz für die Paläoanthropologie sind. „Zahnschmelz ist das härteste Gewebe des menschlichen Körpers und schützt Proteine vor Umweltkontamination über Millionen von Jahren“, erklärt Madupe. „Das macht sie zu idealen Trägern genetischer Informationen aus der Urzeit.“ Diese Methode könnte auch bei anderen Fossilienfunden in Ostafrika, wie etwa bei Paranthropus boisei, neue Erkenntnisse liefern.

Was bedeutet das für unser Verständnis der Evolution?

Die Entdeckung wirft neue Fragen über die Sozialstruktur und Reproduktionsstrategien von Homo naledi auf. Wenn es sich tatsächlich um eine rein weibliche Population handelt, könnte das darauf hindeuten, dass Männer und Frauen dieser Art unterschiedliche Bestattungsrituale hatten – oder dass die Männer möglicherweise in anderen Höhlen beigesetzt wurden. „Das wäre eine faszinierende Entdeckung“, sagt Madupe.

Was bedeutet das für unser Verständnis der Evolution?
Photo: National Geographic

Die Forscher hoffen, dass weitere Ausgrabungen in der Rising-Star-Höhle mehr Klarheit bringen werden. „Es gibt noch Dutzende Skelette in der Höhle, die darauf warten, entdeckt zu werden“, sagt Berger.

Die neue Studie unterstreicht auch, wie wichtig es ist, neue Methoden wie die Analyse von Zahnproteinen zu nutzen, um das Rätsel unserer Vorfahren zu entschlüsseln. „Es ist wunderbar zu sehen, wie Proteine aus der Urzeit uns ein Stückchen näher an unsere homininen Verwandten bringen“, sagt Katerina Douka, eine der führenden Forscherinnen.

Was kommt als Nächstes?

Die nächsten Schritte sind klar: Die Forscher werden weiter in der Rising-Star-Höhle nach weiteren Skeletten suchen, um das Rätsel der fehlenden Männer zu lösen. Sollten sich weitere männliche Individuen finden lassen, könnte das die Theorie der rein weiblichen Bestattung widerlegen – oder aber bestätigen, dass es sich um eine gezielte Praxis handelte. „Wir wissen einfach nicht, was wir erwarten sollen“, sagt Berger.

Die Frage, warum es in der Rising-Star-Höhle scheinbar keine männlichen Individuen von Homo naledi gibt, bleibt vorerst unbeantwortet. Doch eines ist klar: Diese Entdeckung zeigt, wie viel wir noch über unsere eigenen Ursprünge lernen können – und wie viel Raum für neue Überraschungen bleibt.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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