Eine junge Frau erlitt während der Sonnenfinsternis am 21. August 2017 eine dauerhafte Netzhautschädigung, nachdem sie nur wenige Sekunden ohne zertifizierten Schutz in die Sonne geblickt hatte. Ärzte des Mount Sinai stellten fest, dass sich die exakte Sichelform der Finsternis als blinder Fleck in ihr Sichtfeld gebrannt hatte.
Es dauerte nur sechs Sekunden. Für Nia Payne, eine damals 26-jährige Bewohnerin von Staten Island, New York, war dieser kurze Moment ausreichend, um ihr Sehvermögen dauerhaft zu beeinträchtigen. Während der partiellen Sonnenfinsternis am 21. August 2017, bei der etwa siebzig Prozent der Sonnenscheibe hinter dem Mond verborgen waren, blickte sie ohne Schutz in die Sonne, gefolgt von weiteren 15 bis 20 Sekunden durch eine Brille, die laut spätere Einschätzung von Augenärzten nicht den erforderlichen ISO-12312-2-Zertifizierungen entsprach, vor denen die American Astronomical Society monatelang gewarnt hatte, und keine ausreichende Filterung bot.
Zunächst bemerkte Payne lediglich einen verschwommenen Bereich im Zentrum ihres Sichtfeldes. Innerhalb der nächsten zwei Tage kristallisierte sich dieser Bereich zu einer präzisen Form heraus: einer Sichel. Diese entsprach exakt der Position des Mondes während der Finsternis, die nun als permanenter blinder Fleck über allem lag, was sie zu lesen oder zu fokussieren versuchte.
Die medizinische Analyse: Solar Retinopathie am Mount Sinai
Die Untersuchung an der New York Eye and Ear Infirmary des Mount Sinai und der Icahn School of Medicine at Mount Sinai ergab, dass die Sehschärfe im linken Auge auf 20/25 sank, während das rechte Auge bei 20/20 blieb. Trotz dieser klinisch als mild eingestuften Verschlechterung war die subjektive Beeinträchtigung massiv, da das sogenannte Skotom – der blinde Fleck – zentral positioniert war.
In einem im Dezember 2017 in JAMA Ophthalmology veröffentlichten Fallbericht mit dem Titel „Acute Solar Retinopathy Imaged With Adaptive Optics, Optical Coherence Tomography Angiography, and En Face Optical Coherence Tomographybeschreiben die Forscher Chris Y. Wu, Michael E. Jansen, Jorge Andrade, Toco Y.P. Chui, Anna T. Do, Richard B. Rosen und Avnish Deobhakta die Zerstörung der Photorezeptorschicht der Netzhaut.
Die Netzhaut ist eine dünne Schicht spezialisierten neuralen Gewebes, deren äußere Schicht aus Photorezeptoren besteht. Während Stäbchen für das Sehen bei schwachem Licht und das periphere Sehen zuständig sind, verarbeiten Zapfen Farben und feine Details. Diese sind am dichtesten in einer kleinen zentralen Region, der Fovea, konzentriert. Die Schädigung erfolgt durch zwei Mechanismen:
- Thermische Verletzung: Die Linse des Auges fokussiert das Sonnenlicht so stark, dass die Gewebetemperatur an der Netzhaut ein kritisches Niveau überschreitet, das die Zellen nicht tolerieren können.
- Photochemischer Prozess: Ultraviolettes und kurzwelliges sichtbares Licht bricht molekulare Bindungen in den lichtempfindlichen Proteinen der Photorezeptoren auf. Dies erzeugt freie Radikale, die das Gewebe auch unterhalb der thermischen Schwelle schädigen.
Da Photorezeptoren nicht regenerieren, ist das Gewebe unwiederbringlich verloren.
Die Übereinstimmung von Zeichnung und Bildgebung
Um das Ausmaß der Schädigung zu verstehen, baten die Ärzte Payne nicht um eine Beschreibung, sondern um eine Zeichnung ihres Sichtfeldes. Mit gewöhnlichem Stift und Papier reproduzierte sie die Form des blinden Bereichs. Das Ergebnis war eine Sichel, deren Ausrichtung exakt mit der der partiellen Finsternis vom 21. August übereinstimmte.
Die anschließende bildgebende Untersuchung des Augenhintergrunds bestätigte, dass die physischen Schäden an der Netzhaut exakt der von Payne gezeichneten Form entsprachen. Die konkave Kurve der Mondscheibe war somit physisch in ihr Auge gebrannt worden.
Risiken für die Sonnenfinsternis am 12. August 2026
Die Warnungen aus dem Fall von 2017 gewinnen morgen, am 12. August 2026, erneut an Bedeutung. Eine totale Sonnenfinsternis wird einen schmalen Schatten über Ostgrönland, Westisland, den Atlantik, Nordspanien und einen kleinen Teil Portugals ziehen. In weiten Teilen der Nordhalbkugel, einschließlich Nordamerikas, wird die Finsternis nur partiell sichtbar sein.

Besonders in Nordamerika sind die Sichtungen in Ostkanada und im Nordosten der USA am stärksten. Laut Angaben von NASA’s Scientific Visualization Studio wird St. John’s, Newfoundland und Labrador eine Bedeckung von 53% erleben. In Grönlands Scoresby Sund, wohin Expeditionsschiffe voller Finsternisjäger steuern, sowie in Reykjavik, Island, und Nordspanien wird die totale Finsternis sichtbar sein, wobei sie in Spanien niedrig am Himmel nahe dem Sonnenuntergang auftreten wird.
Diese Ereignisse sind Teil einer „Finsternis-Saison“, einer Periode von 34 bis 35 Tagen, in der die Sonne nahe einem der beiden Mondknoten erscheint – den Punkten, an denen die Mondbahn die Bahnebene der Erde kreuzt. Da die Mondbahn um etwa fünf Grad gegenüber der Erdbahn geneigt ist, kommt es normalerweise nicht zu einer Sonnenfinsternis.”
