Das Schmidt Ocean Institute veröffentlichte erstmals Aufnahmen bisher unbekannter Tiefseearten an den Nazca- und Juan-Fernández-Rücken vor der Küste Chiles. Die Expedition nutzte das ferngesteuerte Fahrzeug SuBastian, um über 100 neue Arten zu dokumentieren. Die Bilder liefern erste visuelle Belege für die biologische Vielfalt in diesen extremen Tiefen.
Einsatz des ROV SuBastian in chilenischen Gewässern
Die Identifizierung der neuen Arten erfolgte durch den Einsatz des ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugs (ROV) SuBastian. Das Institut setzte das System ein, um die Nazca- und Juan-Fernández-Rücken zu kartieren, die sich als unterseeische Gebirgsketten vor der chilenischen Küste erstrecken. Diese vulkanischen Strukturen bilden wichtige biologische Hotspots im ansonsten sedimentreichen Tiefseebecken des Pazifiks.
Das ROV SuBastian wird vom Forschungsschiff Falkor (too) aus gesteuert. Die Technik ermöglichte es den Forschern, hochauflösende Bilder und Videoaufnahmen in Tiefen zu machen, die für bemannte Tauchboote kaum zugänglich sind. Das Fahrzeug ist mit 4K-Kameras und präzisen Beleuchtungssystemen ausgestattet, um die absolute Dunkelheit der Bathypelagial- und Abyssalsphäre zu überwinden.
Die Mission konzentrierte sich auf die Erfassung von Ökosystemen, die bisher kaum untersucht waren. Durch die Kombination aus präziser Navigation und optischen Sensoren konnten die Wissenschaftler Organismen in ihrer natürlichen Umgebung filmen, bevor sie mit mechanischen Greifarmen für die taxonomische Analyse entnommen wurden. Diese visuellen Daten sind laut Institutsangaben essenziell, da viele Tiefseelebewesen bei der Bergung an die Oberfläche ihre Form oder Farbe verändern, was eine spätere Identifizierung erschwert.
Dokumentation von Glasschwämmen und Tiefseekorallen
Unter den dokumentierten Lebewesen befinden sich zahlreiche Vertreter von Glasschwämmen, Tiefseekorallen und Xenophyophoren. Die Aufnahmen zeigen Strukturen, die in dieser Form zuvor nicht fotografiert wurden. Besonders die Glasschwämme, die ihre Skelette aus Siliziumdioxid (Kieselsäure) aufbauen, bilden komplexe Riffstrukturen, die als Lebensraum für kleinere Krebstiere und Fische dienen.
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Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Xenophyophoren. Dabei handelt es sich um riesige Einzeller aus der Gruppe der Foraminiferen, die oft eine entscheidende Rolle bei der Strukturierung des Meeresbodens spielen, indem sie Sedimente binden und so Mikrohabitate für andere Organismen schaffen.
Die Forscher stellten fest, dass die biologische Dichte an den Rücken deutlich höher ist als in den umliegenden Tiefseeebenen. Die erste visuelle Dokumentation dieser Arten erlaubt es der Wissenschaft, die morphologischen Merkmale direkt mit den genetischen Proben abzugleichen. Die Analyse der Aufnahmen zeigt, dass viele der entdeckten Arten hochspezialisierte Anpassungen an den extremen Druck und die Dunkelheit der Tiefsee entwickelt haben.
Die Entdeckung dieser Arten unterstreicht, wie wenig wir über den tiefen Ozean wissen und warum sein Schutz so dringend ist.Jyotika Virmani, CEO des Schmidt Ocean Institute
Die taxonomische Einordnung der über 100 neuen Arten dauert an. Die Bilder dienen dabei als primärer Referenzpunkt, um die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Tiefsee-Fauna zu klären.
Auswirkungen auf die Regulierung des Tiefseebergbaus
Die Veröffentlichung der ersten Fotos hat direkte Auswirkungen auf die Debatte über den Tiefseebergbau. Die Nazca- und Juan-Fernández-Rücken liegen in Regionen, die für die Gewinnung von Metallen aus Manganknollen und Massivsulfiden von Interesse sind. Diese mineralischen Ablagerungen enthalten oft wertvolle Metalle wie Kobalt, Nickel und Kupfer, die für die Energiewende nachgefragt werden.
Die Dokumentation einer so hohen Artenvielfalt widerspricht der Annahme, dass die Tiefsee weitgehend biologisch karge Zonen umfasst. Internationale Regulierungsbehörden, darunter die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) mit Sitz in Kingston, Jamaika, nutzen solche visuellen Belege, um Umweltverträglichkeitsprüfungen zu bewerten. Die ISA ist gemäß dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) für die Verwaltung des Meeresbodens in internationalen Gewässern, dem sogenannten „Gebiet“, zuständig.
Wenn eine Region nachweislich eine hohe Anzahl an endemischen Arten beherbergt, steigen die Hürden für die Genehmigung von Bergbaukonzessionen. Die Bilder belegen, dass die Zerstörung des Meeresbodens zum unwiederbringlichen Verlust von Arten führen würde, die noch nicht einmal wissenschaftlich beschrieben wurden. Die wissenschaftliche Gemeinschaft fordert daher eine Ausweitung der Meeresschutzgebiete. Die Aufnahmen des Schmidt Ocean Institute werden als Beweismittel angeführt, um die Notwendigkeit eines präventiven Schutzes zu begründen, bevor kommerzielle Aktivitäten in diesen Zonen beginnen.
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Status der taxonomischen Analyse 2026
Die Auswertung der während der Expedition gesammelten Daten dauert bis heute an. Während die ersten Fotos bereits veröffentlicht wurden, befinden sich viele der physischen Proben noch in der Analyse in spezialisierten Laboren. Dabei wird ein Ansatz der integrativen Taxonomie verfolgt, bei dem die äußere Form (Morphologie), die genetische Sequenzierung (DNA-Barcoding) und die ökologischen Daten kombiniert werden.
Die Herausforderung besteht darin, die visuellen Merkmale der Fotos mit den DNA-Sequenzierungen zu synchronisieren, um sicherzustellen, dass jede fotografierte Art auch korrekt benannt wird. Da viele Tiefseeorganismen eine geringe Populationsdichte aufweisen, ist jede einzelne Probe von hohem wissenschaftlichem Wert.
Es bleibt unklar, wie viele weitere Arten in den noch nicht befahrenen Abschnitten der Rücken existieren. Die aktuelle Strategie der Forschung sieht vor, die kartierten Gebiete mit weiteren Sensordaten zu unterlegen, um die Wanderungsmuster der Tiefseelebewesen zu verstehen. Die Veröffentlichung der Bilder markiert damit nicht den Abschluss, sondern den Beginn einer langfristigen ökologischen Überwachung dieser Regionen.
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