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Welt

Ukrainischen Frauen zogen freiwillig vor die Front

Ukrainische Frauen ziehen vermehrt freiwillig als Drohnenpionierinnen und Sanitäterinnen an die Front, während gleichzeitig in Kiew Familien für eine begrenzte Dienstzeit und strengere Truppenrotationen protestieren. Präsident Wolodymyr Selenskyj verwies in einer Antwort auf eine Petition auf die verfassungsmäßige Verteidigungspflicht des gesamten Volkes.

Frauen als Drohnenpionierinnen an der Ostfront

In der Ukraine melden sich kaum noch Männer freiwillig zum Dienst. An ihrer Stelle ziehen vermehrt Frauen in den Krieg. Sie bergen Verletzte, steuern unbemannte Panzer und jagen Russen mit Drohnen. Vier Soldatinnen erzählen. Katharina Bracher (Text) und Nikoletta Stoyanova (Bilder) veröffentlichten dies am 12.09.2026 um 05.30 Uhr.

Zu diesen Soldatinnen gehört Alina, deren Kampfname Ananda lautet. In einer Nachricht vom 2. September 2026 erklärte sie: «Meine Soldaten vertrauen mir ihr Leben an. Ich setze alles daran, sie zu schützen – wenn mir ein Entscheid der Leitung zu riskant ist, diskutiere ich mit meinen Vorgesetzten. Und darum glaube ich: Ja, ich bin besonders gut für die Front geeignet. Dank meinem kritischen Denken habe ich vier Jahre überlebt.» Alina ist in der Armee als Drohnenpionierin bekannt. Sie kommandiert ein Dutzend Soldaten in der Ostukraine und testet neue Waffensysteme.

Der Alltag in den Schützengräben ist von permanenter Anspannung geprägt. Im Schützengraben, der ein paar Meter im Erdreich eines Waldes liegt, erkennt man nicht, ob es draussen Nacht oder Tag ist. Der Tag beginnt mit einem Anruf des diensthabenden Funkers im Morgengrauen: Er nennt das Rufzeichen unserer Position, und ich antworte als Erste, da die anderen tief und fest schlafen, während ich selbst immer nur döse. Ein feindliches Ziel wird gemeldet, und ich gebe die genaue Zeit in Minuten an, bis wir startbereit sind. Die Vögel, so nennt man Kamikazedrohnen, werden am Vorabend startklar gemacht und mit Sprengstoff beladen. Man schätzt, dass die Russen jeden Tag ungefähr 1000 bis 1500 Kleinstdrohnen an die Front senden, während ukrainische Teams versuchen, dagegenzuhalten.

Die Morgendämmerung wird als die «graue Zeit» bezeichnet. Sie ist durch intensive Aktivität geprägt: In der Rotation werden Männer ausgetauscht und der Nachschub gesichert. Das macht die Truppen angreifbar, weshalb es die Zeit ist, in der auf sie gezielt und in der sie selbst jagen. Nach zwei bis drei Stunden tritt eine kurze Feuerpause ein, in der die Männer im Gang des Schützengrabens rauchen, während Instant-Porridge oder Instant-Nudeln zubereitet werden.

Proteste in Kiew für die Heimkehr erschöpfter Soldaten

Seit mehr als einem Jahr versuchen sie, ihre Männer wieder heimzuholen. Sie fordern eine bessere Regelung zur Rotation. Mehr Ukrainer sollen eingezogen werden, damit jene, die seit Beginn des Krieges gegen Russland kämpfen, zur Ruhe kommen. Dafür protestieren sie – und fühlen sich von Präsident Selenskyj betrogen. «Soldaten sind nicht aus Eisen», rufen die Frauen und Kinder, während sie ukrainische Flaggen umgehängt haben, auf halb geschmolzenem Schnee am Platz der Unabhängigkeit in der ukrainischen Hauptstadt Kiew stehen und zwischendurch die Nationalhymne singen. Die Stadt ist nass und grau an diesem Freitag. Doch die Anwesenden halten an ihrem Protest fest, heben Schilder in die Höhe, auf denen etwa die Anzahl der Tage steht, die ihr männlicher Familienangehöriger bereits an der Front gegen russische Soldaten kämpft. Seit einigen Monaten formiert sich in der Ukraine, vor allem in der Region Kiew, eine Widerstandsbewegung. Auch am 2. Dezember waren sie schon auf der Strasse, um eine Demobilisierung in Verbindung mit einer neuen Mobilmachung und einer strengeren Rotation zu fordern. Wenn überhaupt, sind es vielleicht knapp einhundert Personen auf der Strasse.

Ukrainischen Frauen zogen freiwillig vor die Front
Photo: berliner-zeitung.de

Unter ihnen ist Tetyana Fominikh. Die 42 Jahre alte Mutter macht sich Sorgen um ihren Ex-Mann und Vater ihres Sohnes. Dieser habe sich im März 2022 freiwillig zum Militärdienst gemeldet und sei noch immer an der Front. Die Facebook-Seite hat bisher gerade einmal 693 Follower. Als Hauptgrund für die geringe Unterstützung auf der Strasse nennt sie die Angst der Familien, dass ihre Angehörigen eingezogen würden, sowie die Tatsache, dass die Menschen in der Ukraine nicht daran gewöhnt seien, für ihre Rechte einzutreten, was ein Überbleibsel aus den Zeiten in der Sowjetunion sei, als Fremdbestimmung und Autokratie das Leben prägten. Die Frauen haben sich über Facebook organisiert; weder eine politische Partei noch eine andere Interessensvertretung stehen hinter der Planung, und sie sind ausdrücklich nicht gegen die zuständigen Behörden.

«Wir fordern nicht das Ende des Krieges! Unsere Existenz als Nation steht auf dem Spiel.»Tetyana Fominikh

Sie sagt weiter: «Die Rotation wird früher oder später durchgeführt werden müssen. So wie es jetzt läuft, ist es eine Verhöhnung der Soldaten und ihrer Familien und demotivierend für die Gesellschaft.» Niemand wolle dienen, ohne die Dienstzeiten zu kennen.

Forderung nach Demobilisierung nach 18 Monaten

Sie wollen für die Rechte der Soldaten eintreten. Nach 18 Monaten sollen ihre Ehemänner, Söhne und Väter wieder heimkommen. Für diese Forderung haben sie im August bereits zum dritten Mal eine Petition gestartet, die mit mehr als 25.000 Unterschriften erfolgreich zum Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, getragen wurde. Am Tag vor ihrem erneuten Protest erhielten die Frauen eine Antwort.

Ukrainischen Frauen zogen freiwillig vor die Front
Photo: NZZ

Überlegungen zur Anpassung des Wehrpflichtalters im Generalstab

Reicht die Zahl der Soldaten aus, um die Front im Donbass zu halten? Diese Frage treibt die ukrainische Militärführung seit Monaten um, und offenbar wird nun über eine neue Option nachgedacht: eine Anhebung statt einer Senkung der Altersgrenze. Wie Roman Kostenko, Sekretär des Verteidigungs- und Sicherheitsausschusses der Werchowna Rada, der Ukrajinska Prawda sagte, werde im Generalstab derzeit erwogen, den Kreis der Wehrpflichtigen auf Männer bis 50 oder 55 Jahre zu begrenzen. Ausgenommen blieben demnach Reservisten mit Mangelberufen oder für die Armee besonders wichtigen Qualifikationen.

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Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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