Während offizielle Berichte von Kosten bis zu 43 Milliarden Franken ausgehen, werfen ETH-Forscher den Akademien der Wissenschaften in einem gemeinsamen Brief irreführende Methoden und mangelnde Transparenz vor.
Der Streit um die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Ein am 21. August veröffentlichter Bericht der Akademien der Wissenschaften Schweiz löste eine breite Debatte aus, nachdem darin Gesamtkosten von bis zu 43 Milliarden Franken für ein neues Atomkraftwerk genannt wurden. Nun widersprechen namhafte Forschende dieser Darstellung heftig.
Kritik an den Akademien der Wissenschaften
Wie die «NZZ am Sonntag» berichtet, liegt der Zeitung ein Brief von sieben Forschenden der ETH Zürich, der EPFL Lausanne und des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) vor. Die Wissenschaftler werfen darin der Akademien der Wissenschaften Schweiz vor, irreführend gearbeitet zu haben, monieren fehlende Transparenz sowie methodische Schwächen und nicht nachvollziehbare Annahmen. Ein unabhängiger Gegencheck durch Fachexperten habe nicht stattgefunden. In ihrem Brief bezweifeln die Forschenden, dass die im Bericht genannten Baukosten von 43 Milliarden Franken richtig berechnet worden sind, da es nicht transparent sei, welche Annahmen zu einer solchen Zahl geführt hätten.
Das Bundesamt für Energie soll bis zum Ende des Jahres einen Bericht über den Finanzierungsweg neuer Anlagen präsentieren, wie Bundesrat Albert Rösti gegenüber dem Parlament versprach. Ein Referendum wurde gegen die Entscheidung des Parlaments bereits lanciert, und das Volk soll voraussichtlich im Laufe einer Volksabstimmung im Jahr 2027 das letzte Wort haben. Das Thema ist vor dem Hintergrund des im Sommer vom Parlament gefassten Beschlusses, die vom Volk 2017 beschlossene Verbotsregelung für den Bau neuer Atomkraftwerke zu kippen, hochemotional besetzt. Der Conseil fédéral möchte dieses Verbot aufheben.
Unterschiedliche Szenarien und Kostenberechnungen
Der am 21. August veröffentlichte Bericht der Akademien der Wissenschaften zeigt, dass der Bau eines neuen Atomkraftwerks in der Schweiz zwischen 14 und 43 Milliarden Franken kosten könnte, je nach Grösse und Bauverlauf. Als Ausgangspunkt nahmen die Forschenden der Akademien die aktuellen Angebotskosten für grosse Reaktoren, die derzeit bei etwa 11’500 bis 12’000 Franken pro Kilowatt (kW) Leistung liegen, und berechneten darauf aufbauend die Kostenentwicklung unter verschiedenen Bedingungen inklusive der Finanzierungskosten während der Bauzeit.
Die Forschenden betrachteten zwei verschieden grosse Reaktoren, die in der Schweiz gebaut werden könnten: Ein Modell des US-Herstellers Westinghouse mit 1250 Megawatt sowie ein weiteres Modell, wobei die Studie auch die Kosten für die Beschaffung des notwendigen Kapitals berücksichtigt. Laut Studien könnten die Kosten für die Kapitalbeschaffung die Rechnung einer neuen Anlage um 20 bis 30 Prozent verteuern. Urs Neu, der Leiter der Kommission der Energie der Akademien suisses des sciences, erklärte zu den Kosten: «Die Kosten haben sich von einer Zentrale zur anderen erhöht, während die Branche eine Senkung erwartet.»
Axpo und die ETH Zürich (EPFZ) gehen in ihren Schätzungen von geringeren Werten aus und schätzen, dass in günstigen Bedingungen auch Kosten von etwa 8 Milliarden Franken möglich wären, da sie davon ausgehen, dass gesammelte Erfahrungen den Bau vereinfachen könnten. Die Akademien stehen dieser Annahme jedoch skeptisch gegenüber. Das günstigste Szenario der Akademien liegt bei 14 Milliarden Franken. Im schlechtesten Fall müsste das Staatswesen nach Angaben der Analysen ein beträchtliches Risiko auf sich nehmen.
Energiepolitische Debatte und Mühleberg als Symbol
Der Ausstieg aus der Kernkraft prägt die Schweizer Energiepolitik weiterhin stark. Etwas ausserhalb des Dorfes Mühleberg an der Aare liegt das stillgelegte Kernkraftwerk Mühleberg, das keinen Strom mehr produziert und derzeit von Experten Brennstab für Brennstab abgebaut wird. Der Gemeindepräsident Andreas Menzi betont die Identifikation der Gemeinde mit dem Werk, das das Gebiet geprägt hat, und merkt an, dass der Atomausstieg aus seiner Sicht keine gute Idee war und ohne die Reaktorkatastrophe von Fukushima nun ein neuer Meiler entstehen würde.

Die Frage nach der Zukunft der Kernkraft wird die Stimmberechtigten im Rahmen der anstehenden Abstimmung im Jahr 2027 beschäftigen, bei der der Kostenfaktor eine gewichtige Rolle spielen wird.
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