Ein junges ukrainisches Paar sucht auf Facebook eine Wohnung in Winterthur und wird mit massiven Anfeindungen konfrontiert. Während die Finanzierung über die Sozialhilfe abgesichert ist, reagieren Nutzer in den Kommentaren mit offener Feindseligkeit, Aufforderungen zur Rückkehr und beleidigenden Reaktionen.
Eine schmale Strasse zieht sich zwischen kleinen Gärten und niedrigen Häusern durch ein grünes Winterthurer Wohnquartier, eine Kirchturmspitze ragt in den bewölkten Augusthimmel. Mitten in diesem Idyll steht ein unscheinbarer grauer Wohnblock, in dem für Maksym Rusanov ein neues Kapitel beginnen könnte. Seit der 21-Jährige und seine 22-jährige Freundin Nikol vor wenigen Monaten aus Charkiw in die Schweiz geflüchtet sind, leben sie getrennt in Zimmern einer Asylunterkunft. Das Ziel des Paares ist ein ruhiges Alltagsleben, wie Watson berichtet.
Wohnungssuche in Winterthur und Reaktionen auf Facebook
Um die Chancen auf eine gemeinsame Bleibe zu verbessern, veröffentlichte Maksym einen Aufruf auf Facebook. Darin schilderte er, dass das Paar ruhig und ordentlich sei, keine Partys veranstalte und eine Wohnung in Winterthur für höchstens 1600 Franken plus Nebenkosten suche. Zudem wies er darauf hin, dass die Miete durch die Sozialhilfe abgesichert ist. Der Beitrag löste in der Gruppe «Wohnungen Schweiz» eine Welle von Reaktionen aus, die weit über das übliche Mass hinausgingen. Während Beiträge dort trotz über 20’000 Mitgliedern selten viele Kommentare erhalten, zählte der Post von Maksym über 200 Reaktionen.
Sozialhilfe???
Kommentar unter dem Facebook-Beitrag, dokumentiert von Watson
Unter den Kommentaren fanden sich zahlreiche hasserfüllte Aussagen. Jemand fragte: Arbeiten ist keine Option?
, eine andere Person schrieb: Die sollen zurück. Keiner hat die gerufen.
Eine Nutzerin behauptete zudem, in drei Vierteln der Ukraine herrsche gar kein Krieg, und forderte das Paar auf, nach Hause zu gehen. Über 150 Personen likten die Forderung, Maksym und Nikol sollten in jenes Land zurückkehren, vor dessen Bombenangriffen sie geflohen waren.
Haltung der Gruppenadministration und Flucht aus Charkiw
Die Administration der Facebook-Gruppe stellte sich klar hinter das betroffene Paar. Niemand habe das Recht, jemanden zu beleidigen oder aufzufordern, nach Hause zu gehen, nur weil dieser Mensch Sozialhilfe beziehe. Hasserfüllte und rassistische Kommentare wurden gelöscht, und Wiederholungstäter wurden aus der Gruppe entfernt. Dieser Aufruf der Administration erhielt über 700 Likes.
Maksym und Nikol stammen aus Charkiw im Nordosten der Ukraine, unweit der russischen Grenze. Als der Krieg begann, war Maksym noch ein Teenager. Er erlebte den Tod von Gleichaltrigen und sah Bomben in der Nähe seines Arbeitsplatzes einschlagen, wodurch er den Entschluss fasste, das Land zu verlassen. Seine Eltern und Grosseltern sowie die Familie seiner Freundin leben weiterhin vor Ort, da sie ihre Heimat nicht verlassen wollten oder – wie sein Vater – wegen gesundheitlicher Probleme kaum fliehen konnten. Während Nikol sich zu Gesprächen in Konstanz aufhielt, um ihre aus Charkiw angereiste Mutter zu treffen, setzt Maksym seine Wohnungssuche in Winterthur fort.
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