Der aufsehenerregende Fall um Lindsay Clancy hat nach dem Scheitern des Prozesses vor dem Plymouth Superior Court eine überraschende politische Wendung genommen. Ihr Verteidiger, Kevin Reddington, trat in der Sendung Good Morning America auf und richtete einen direkten Appell an den Präsidenten.
Die juristische Wende und der unerwartete Vorstoß
Die damals 36-jährige ehemalige Entbindungspflegerin war nach den Ereignissen im Januar 2023 wegen dreifachen Mordes angeklagten. Sie hatte nicht bestritten, ihre drei Kinder Cora, Dawson und Callan in ihrem Haus getötet zu haben. Die Verteidigung argumentierte jedoch durchgehend, dass Clancy zum Zeitpunkt der Taten an den Folgen einer schweren Wochenbettpsychose litt und daher wegen Unzurechnungsfähigkeit nicht schuldfähig sei. Die Staatsanwaltschaft hingegen warf ihr vor, rational gehandelt zu haben.
Reaktionen auf den Fehlprozess und die Haltung des Weißen Hauses
Nach einem rund sechswöchigen Verfahren erklärte Richter William Sullivan einen Fehlprozess, da sich die Geschworenen nach langwierigen Beratungen nicht auf ein einstimmiges Urteil einigen konnten. Berichten zufolge soll das Gremium in der Tendenz elf zu eins für einen Freispruch wegen Unzurechnungsfähigkeit gestanden haben, bevor der Stillstand eintrat. Präsident Donald Trump hatte sich kurz nach dem Abbruch des Verfahrens geäußert und die Taten als schreckliche Tragödie bezeichnet. Gegenüber Reportern im Oval Office erklärte Trump, dass sie zwar eine schreckliche Tat begangen habe, die nicht schlimmer sein könne, man aber herausfinden werde, was der zu zahlende Preis sei, da es einen Preis geben werde – eine psychiatrische Anstalt, ein Gefängnis oder etwas Ähnliches.

Das von Reddington geforderte Gnadengesuch stößt jedoch auf verfassungsrechtliche Hürden. Da das Verfahren nach den Gesetzen von Massachusetts geführt wurde, fällt der Fall unter die einzelstaatliche Gerichtsbarkeit. Eine präsidiale Begnadigung gilt grundsätzlich nur für Bundesverbrechen. Beobachter verweisen in diesem Zusammenhang auf Präzedenzfälle wie die Begnadigung der früheren Wahlleiterin Tina Peters aus Colorado durch Trump, die ebenfalls wegen staatlicher Anklagen verurteilt worden war – ein Schritt, der damals vor allem politischen Druck auf den dortigen Gouverneur ausübte. Im Fall Clancy blieben Reaktionen des Weißen Hauses auf den direkten Begnadigungsaufruf zunächst aus, während das Weiße Haus auf frühere Äußerungen des Präsidenten verwies, wie Reuters anmerkte.
Anwaltliche Selbstkritik und Aussichten auf ein neues Verfahren
Neben dem Vorstoß in Washington äußerte sich der 75-jährige Verteidiger auch zu seinen eigenen umstrittenen Äußerungen nach dem Prozessabbruch. Bekannt geworden war insbesondere ein Kommentar, in dem er erklärte, das Verteidigungsteam habe den Bezirksstaatsanwalt Timothy J. Cruz im Gerichtssaal crushed
. Gegenüber Stamford Advocate räumte Reddington ein, dass es sich dabei um reines bravado
gehandelt habe. Er bereue die Aussage zwar nicht völlig, räumte jedoch ein, dass er im Umgang mit dem Staatsanwalt womöglich etwas vorsichtiger hätte sein können.

Kevin Reddington erklärte, er hoffe jedoch, dass er nach der Teilnahme an diesem Prozess und der Sichtung der Beweise hoffentlich in der Lage sein werde, eine Lösung zu erarbeiten, die für beide Seiten akzeptabel ist.
Ob die Staatsanwaltschaft tatsächlich einen neuen Prozess anstrebt oder ob andere Wege beschritten werden, ist derzeit noch offen. Die Behörden haben sich noch nicht endgültig zu ihren weiteren Schritten geäußert, und Gouverneurin Maura Healey bliebe als Exekutive des Bundesstaates die zuständige Instanz für eventuelle Gnadengesuche auf Landesebene.