Ukrainische Langstreckenangriffe auf russische Energieinfrastruktur haben Raffineriekapazitäten stark eingeschränkt.
Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hat sich in den vergangenen Monaten massiv in den Luftraum verlagert, wobei beide Seiten strategisch wichtige Infrastruktur ins Visier nehmen. Ukrainische Drohnen attackieren systematisch die russische Ölindustrie, während russische Streitkräfte ukrainische Tankstellen und Verkehrsknotenpunkte beschießen.
Einbruch der russischen Raffineriekapazitäten durch ukrainische Distanzschläge
Die ukrainische Kampagne gegen die russische Ölindustrie zeigt spürbare Auswirkungen auf die Produktionszahlen. Nach Daten des britischen Branchenspezialisten Energy Aspects fiel die durchschnittliche tägliche Rohölverarbeitung in Russland im Juli auf ein Mehrjahrestief von landesweit rund 3,6 Millionen Barrel. Dies entspricht einem Rückgang von etwa 150.000 Barrel pro Tag im Vergleich zum Vormonat Juni. Im langjährigen Mittel lag die Kapazität zwischen fünf und sechs Millionen Barrel täglich.
Hinter den Angriffen steht ein gezieltes technisches Kalkül. In diesen Destillationsanlagen wird zähflüssiges Rohöl unter Druck und Hitze aufgespalten. Bauteile dieser Anlagen sind für Betreiber in Russland aufgrund westlicher Sanktionen nur schwer zu beschaffen, weshalb Reparaturen nach Bränden oft Wochen oder Monate beanspruchen.
Berechnungen der russischsprachigen Plattform Vot Tak zufolge hat die Ukraine seit Beginn des Krieges mindestens 158 Angriffe gegen russische Raffinerien durchgeführt und dabei 24 der insgesamt 33 größten Anlagen attackiert, die jeweils eine jährliche Verarbeitungskapazität von über einer Million Tonnen aufweisen. Lediglich die Anlagen in Omsk und Angarsk jenseits des Urals blieben bislang außerhalb der Reichweite. Die Raffinerien in Rjasan und Saratow wurden mit jeweils 15 Angriffen am häufigsten ins Visier genommen.
Milliardenschäden und Angriffe auf russische Nachschublinien
Die wirtschaftlichen Folgen für Russland sind erheblich. Laut Angaben des russischen Versicherungsmaklers Mains erlitt die Ölindustrie im Jahr 2025 durch ukrainische Drohnenangriffe mehr als 13 Milliarden US-Dollar an kombinierten direkten und indirekten Verlusten. Evgeny Borovikov, der stellvertretende Vorstandschef von Mains, bezifferte den direkten Schaden an Öl- und Gasanlagen auf über 100 Milliarden Rubel (etwa 1,1 Milliarden US-Dollar). Unter Einberechnung sekundärer Effekte wie Produktionsausfällen steigt die Gesamtsumme demnach auf über eine Billion Rubel (rund 11,5 Milliarden US-Dollar).

Parallel dazu hat die Ukraine Sabotageaktionen gegen russische Versorgungswege verstärkt. Am 13. September stoppten der ukrainische Nachrichtendienst HUR und Spezialkräfte den Verkehr auf der Bahnstrecke Orjol–Kursk. Bei Räumungsarbeiten kam es zu einer Explosion, die zwei Soldaten der Rosgvardia tötete, wie der Gouverneur der Oblast Orjol, Andrey Klychkov, bestätigte.
Russische Angriffe auf ukrainische Tankstellen und den Bahnverkehr
Auf ukrainischem Gebiet reagieren russische Streitkräfte mit einer Zunahme von Drohnen- und Raketenangriffen auf zivile Tankstellen und das Schienennetz. Laut dem Analysten Oleksandr Sirenko vom Energie-Thinktank Nafto Rynok hat Russland bislang mindestens 246 Tankstellen in der Ukraine attackiert (BBC News). Während anfangs kleinere Drohnen eingesetzt wurden, verwendet das russische Militär inzwischen iranisch hergestellte Shahed-Drohnen, deren Stückkosten auf 20,000 bis 50,000 US-Dollar geschätzt werden.

Zivile Tankstellen geraten zunehmend unter Beschuss. Im Juli verzeichnete das Recherchekollektiv Centre for Information Resilience 114 russische Angriffe auf Tankstellen, verglichen mit 66 im Vormonat. Behörden haben daraufhin spezielle Sicherheitsvorgaben erlassen.
Auch das ukrainische Schienennetz ist ins Visier geraten. Oleksandr Pertsovskyi, Vorstandschef der staatlichen Eisenbahngesellschaft Ukrzaliznytsia, erklärte gegenüber Railtarget.eu, dass Russland gezielt zivile Transportknotenpunkte angreift, um bei den Fahrgästen Panik zu erzeugen und die Wirtschaft zu treffen. Angriffe mit jeweils sechs oder sieben Drohnen können den Bahnverkehr demnach für sechs bis zwölf Stunden lahmlegen und zwingen das Unternehmen zu kostspieligen Umstellungen auf Diesellokomotiven.
Strategische Einschätzungen der Staatsführung in Kyjiw
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bewertete die Fernangriffe der Ukraine als präzise Instrumente zur Durchsetzung von Sanktionen gegen den russischen Kriegsapparat. Russland müsse seine eigenen Raffinerien und Industrieanlagen schützen, anstatt Nachbarländer zu destabilisieren. Unterdessen dauern die gegenseitigen Angriffe auf Treibstoffinfrastrukturen an, wie etwa ein gemeldeter Brand an der Raffinerie in Sysran in der russischen Oblast Samara im Mai zeigt.