vollständigen Friedensoder eine Rückkehr zur harten Hand gegen bewaffnete Gruppen nötig ist.
Die gescheiterte Vision des paz total
Vier Jahre nachdem Kolumbien mit seinem ersten linken Präsidenten Geschichte schrieb, steht das Land an einem gefährlichen Wendepunkt. Der zentrale Streitpunkt des Wahlkampfs ist das Versprechen von Gustavo Petro, einen sogenannten paz total
zu erreichen. Wie Tagesschau berichtet, zielte dieser Ansatz darauf ab, mit allen bewaffneten Gruppierungen im Land gleichzeitig zu verhandeln, um den jahrzehntelangen Konflikt endgültig zu beenden.
Die Realität vor Ort zeichnet jedoch ein düsteres Bild. Das Friedensabkommen von 2016, das einst als Meilenstein galt, hinterließ tiefe Lücken. Viele Guerilleros schlossen sich dem Pakt nie an. Stattdessen bildeten Dissidenten der linken Guerillabewegung FARC neue Gruppierungen. Diese kämpfen heute dort, wo der Staat nach dem Rückzug der FARC keine Präsenz zeigte, primär um die Vorherrschaft im lukrativen Kokainhandel.
Die Sicherheitslage hat sich massiv verschlechtert. Die Mordzahlen steigen seit Jahren kontinuierlich an, und Menschenrechtsorganisationen warnen vor der schlimmsten Binnenflucht seit Jahrzehnten. Die Gewalt ist zwar nicht auf dem Niveau der 1990er-Jahre, aber die Intensität der Angriffe bleibt hoch.
Die Eskalation zeigt sich in einer Serie von gezielten Attentaten:
Paloma Valencia und der Kurs der harten Hand
In diesem Vakuum aus Gewalt und politischer Frustration positioniert sich Paloma Valencia als Gegenentwurf zu Petros Reformkurs. Sie tritt für ein Mitte-Rechts-Bündnis an und bezeichnet sich selbst als Anti-Establishment
-Figur. Ihr Programm ist eine radikale Abkehr von der Verhandlungstaktik der aktuellen Regierung.
Valencia sieht in den Friedensverhandlungen keine Lösung, sondern ein Problem. Sie kritisiert scharf, dass Vertreter bewaffter Gruppen bei Verhandlungen wie legitime politische Akteure behandelt werden und politische Forderungen stellen dürfen. Besonders die garantierten Sitze im Kongress für ehemalige FARC-Kämpfer lehnt sie ab.
Als Präsidentin wolle sie Haftbefehl gegen alle erlassen, die mit Kriminellen verhandeln.

Paloma Valencia, Präsidentschaftskandidatin, via Tagesschau
Diese Positionierung ist ein kalkuliertes Signal an eine Wählerschaft, die den Anstieg der Kriminalität und die Instabilität der letzten Jahre als direktes Resultat der Nachgiebigkeit gegenüber bewaffneten Gruppen wertet.
Abelardo de la Espriella und die politische Rechtsverschiebung

Das politische Feld hat sich zu einem Dreikampf entwickelt. Während das linke Regierungslager versucht, das Erbe Petros zu sichern, drängen zwei rechte Herausforderer in den Vordergrund. Neben Valencia ist Abelardo de la Espriella der prominenteste Akteur auf der rechten Seite.
De la Espriella, ein Anwalt mit einer klaren rechten Ausrichtung, konkurriert mit Valencia um die Gunst der Wähler, die eine strikte Sicherheitsstrategie fordern. Laut aktuellen Umfragen liegt er auf dem zweiten Platz, während Valencia den dritten Rang belegt. Diese Konstellation zeigt, dass die Sehnsucht nach Ordnung und staatlicher Autorität derzeit ein dominantes Motiv in der kolumbianischen Gesellschaft ist.
Wirtschaftliche Weichenstellungen zwischen Steuern und Rohstoffen

Neben der Sicherheit ist die Wirtschaft ein zentraler Trenner im Wahlkampf. Paloma Valencia verfolgt einen konsequent wirtschaftsliberalen Kurs, der in direktem Gegensatz zu den sozialen Reformen der Petro-Ära steht. Ihr Ziel ist eine Entlastung der Wirtschaft durch niedrigere Steuern und eine Förderung des privaten Sektors.
Besonders brisant ist ihre Haltung zu den fossilen Brennstoffen. Während die linke Regierung den Übergang zu grüner Energie vorantreiben wollte, will Valencia die Förderung fossiler Rohstoffe beibehalten. Dies ist nicht nur eine ökonomische Entscheidung, sondern eine strategische Wette auf die kurzfristige Stabilität der Staatseinnahmen gegenüber langfristigen Klimazielen.
Die Wahl am heutigen Sonntag ist somit mehr als nur ein Wechsel im Präsidentenpalast. Sie ist ein Plebiszit über die Strategie der Konfliktbewältigung. Kolumbien muss entscheiden, ob es den riskanten Pfad des Dialogs mit allen Gruppen weitergeht oder ob die Rückkehr zur militärischen Härte der einzige Weg ist, um die staatliche Kontrolle über das Territorium zurückzugewinnen.