Die Schweizer Stiftung Pro Specie Rara kämpft derzeit mit einem massiven Spendenschwund und rechtlichen Hürden bei der Erhaltungszucht. Innerhalb von fünf Jahren verlor die Organisation rund 1.500 Gönner, was die langfristige Ernährungssicherheit der Schweiz gefährdet, da die Vielfalt an Nutzpflanzen und Nutztierrassen zunehmend bedroht ist.
Der finanzielle Erosionsprozess der Stiftung
Die Zahlen zeichnen ein besorgniserregendes Bild. Seit dem Pandemiejahr 2020 ist die Zahl der Gönner von über 14.000 auf heute rund 12.800 gesunken. Wie Pro Specie Rara berichtet, beschränkt sich die verbleibende Unterstützung zunehmend auf den Mindestbeitrag von 70 Franken. Die großen Zuwendungen, die einst das finanzielle Rückgrat bildeten, nehmen spürbar ab.
Die Stiftung, die bereits 1982 gegründet wurde, konnte das Budget für 2025 noch durch einzelne Legate ausgleichen. Für 2026 zeichnet sich jedoch ein gefährliches Vakuum ab: Vergleichbare Zuflüsse sind nicht in Sicht. Die sinkenden Einnahmen treffen die Organisation in einer Phase, in der die Kosten für die Verwaltung des Saatgut-Archivs und die Unterstützung der Zuchtbetriebe steigen.
Es ist kein bloßes Fundraising-Problem. Es ist ein systemisches Risiko für die biologische Absicherung der Schweizer Landwirtschaft.
Ein lebendiges Archiv gegen die industrielle Monokultur
Was auf dem Spiel steht, ist weit mehr als nostalgische Gartenarbeit. Pro Specie Rara verwaltet ein Archiv, das in dieser Form nirgendwo sonst existiert. Die Bestände sind beeindruckend:

- Über 1.600 Schweizer Garten- und Ackerpflanzen
- 2.500 Obstsorten
- 400 Beerensorten
- 38 Nutztierrassen
Die Stiftung betreibt ein Netzwerk von Saatgut-Vermittlern und Gärtnern, die die Sorten aktiv anbauen, um sie an aktuelle Umweltbedingungen anzupassen. Im Gegensatz zu statischen Genbanken, wie sie etwa von Agroscope betrieben werden, setzt Pro Specie Rara auf die sogenannte „dynamische Erhaltung“. Dabei werden die Pflanzen jährlich ausgesät und geerntet, wodurch eine natürliche Evolution und Anpassung an den Klimawandel ermöglicht wird.
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Die Bedeutung dieser Vielfalt wird erst in Krisenzeiten deutlich. Béla Bartha, der Geschäftsführer der Stiftung, sieht in diesen Sorten eine notwendige Rückversicherung.
In den vielen Sorten schlummern viele Eigenschaften, die wir heute noch nicht kennen.
Béla Bartha, Geschäftsführer von Pro Specie Rara
Hätte man in der Vergangenheit konsequent alle Pflanzen eliminiert, die bei damaligen Prüfungen auf Ertrag oder Krankheitsresistenz nicht perfekt abschnitten, fehlten heute die genetischen Bausteine, um auf die zunehmende Trockenheit zu reagieren. Die aktuelle industrielle Landwirtschaft setzt auf Effizienz, ignoriert dabei aber die biologische Resilienz.
Die Gefahr der genetischen Verarmung und staatliche Hürden
Die globale Ernährung basiert auf einer beängstigend geringen Anzahl an Arten. Die Geschichte liefert hierfür drastische Warnungen: Die irische Hungersnot zwischen 1845 und 1849 wurde durch den Befall einer einzigen, flächendeckend angebauten Kartoffelsorte ausgelöst. Heute wiederholt sich dieses Muster in der globalen Bananenwirtschaft, die ebenfalls an einer einzigen Sorte hängt.

Im Gemüsesektor – bei Karotten, Tomaten, Mais oder Zucchini – dominieren Hybridsorten. Diese befinden sich fast ausschließlich in der Hand weniger Züchtungsfirmen. Wenn ein Konzern entscheidet, eine Sorte nicht mehr zu führen, verschwindet sie unwiderruflich. Weder Genbanken noch Pro Specie Rara können sie retten, da die notwendigen Elternlinien fehlen.
Zusätzlich zu der finanziellen Notlage erschwert eine neue Tierzuchtverordnung des Bundes die Erhaltungszucht. Die vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) verantworteten Richtlinien fordern strengere Dokumentations- und Registrierungspflichten für Zuchttiere. Diese Anforderungen sind auf kommerzielle Zuchtbetriebe zugeschnitten und stellen für die oft kleinen, ehrenamtlich geführten Erhaltungsbetriebe eine unverhältnismäßige bürokratische Belastung dar.
Die neuen Vorgaben betreffen insbesondere die Gesundheitszertifikate und die Herkunftsnachweise, die für seltene Rassen oft schwerer zu erbringen sind als für Standardrassen. Dies führt dazu, dass einige Züchter die Aufgabe der Erhaltungszucht erwägen, da der administrative Aufwand die finanziellen Entschädigungen übersteigt. Bürokratische Hürden treffen auf schrumpfende Ressourcen.
Der entscheidende Unterschied: Die Sorten von Pro Specie Rara sind frei vermehrbar. Das bedeutet, dass jeder das Saatgut gewinnen und im nächsten Jahr erneut aussäen darf. Damit entzieht sich die Vielfalt der kommerziellen Kontrolle und bleibt ein öffentliches Gut.
Wenn die finanzielle Basis weiter erodiert, riskiert die Schweiz den Verlust eines genetischen Gedächtnisses. In einer Zeit des Klimawandels ist die Bewahrung dieser „unperfekten“ Sorten keine Liebhaberei, sondern eine strategische Notwendigkeit für die Ernährungssicherheit. Die Frage ist nicht, ob wir diese Vielfalt brauchen, sondern wer bereit ist, den Preis für ihre Erhaltung zu zahlen, bevor die Optionen endgültig verschwinden.