Anleihemärkte und Analysten wetten auf eine erste Zinserhöhung der Reserve Bank of India seit fast vier Jahren. Angesichts einer hartnäckig über dem Zielwert liegenden Inflation von 4,82 Prozent im August und einer robusten Konjunktur rechnen fast 60 Prozent der von Reuters befragten Volkswirte mit einem Zinsschritt um 25 Basispunkte.
Erwartungen an die Zinswende der Reserve Bank of India
An den Finanzmärkten wächst der Druck auf die indische Notenbank, im Kampf gegen den steigenden Preisdruck nachzuziehen. Swap-Märkte haben eine Zinserhöhung bereits vollständig eingepreist, während knapp 60 Prozent der von Reuters befragten Volkswirte (genauer gesagt 35 von 61 befragten Experten) einen Zinsschritt um 25 Basispunkte bei der anstehenden Sitzung erwarten. Sollte die Notenbank die Zinsen anheben, wäre dies der erste Schritt nach oben seit knapp vier Jahren. Bislang verharrt der Leitzins bei 5,25 Prozent, wo er seit rund zehn Monaten stabil geblieben war, nachdem der geldpolitische Ausschuss im Laufe des Jahres 2025 die Zinsen schrittweise um insgesamt 125 Basispunkte von 6,5 Prozent gesenkt hatte.

Hintergrund der veränderten Markterwartungen ist eine Teuerung, die sich spürbar über das von der Notenbank anvisierte mittelfristige Ziel von 4 Prozent geschoben hat. Im August lag die Teuerungsrate bei 4,82 Prozent und damit den dritten Monat in Folge über der Zielmarke. Zugleich zeigt sich die Wirtschaft mit einem Wachstum von 7,8 Prozent im Quartal von April bis Juni äußerst widerstandsfähig.
Rahul Bajoria, Indien- und ASEAN-Volkswirt bei BofA Global Research, sagte, wir hätten inzwischen den Eindruck, dass die RBI wenig Gründe habe zu warten, da die Wachstumsaussichten weiterhin gut erkennbar seien, sich die Inflation offenbar ausweite und der Bedarf abzuwarten, bis mehr Klarheit an der globalen Front herrsche, abnehme.
Bajoria führt dazu aus, dass es im Grunde nicht mehr nur darum geht, die zusätzliche Zinssenkung vom vergangenen Dezember zurückzunehmen, sondern tatsächlich die Liquiditätsunterstützung zu entziehen, bevor sich die Inflationsrisiken verfestigen. Während das Wirtschaftswachstum im August mit einer Steigerung der Industrieproduktion um 8 Prozent gegenüber 4,7 Prozent im Vorjahresmonat robust blieb, verwies das indische Finanzministerium in seinem Monatsbericht für September 2026 darauf, dass die festliche Nachfrage, höhere Vorleistungskosten, geopolitische Spannungen und hohe Rohölpreise den Preisdruck und den Import der Inflation kurzfristig verstärken könnten. Zudem führte der Umstand, dass in den vergangenen zwei Jahren der Leistungsbilanzdefizitüberschuss hinter dem Saldo zurückblieb, zu einer negativen Zahlungsbilanz von rund 5 Milliarden US-Dollar im Fiskaljahr 2024/25, die im darauffolgenden Jahr auf 23,6 Milliarden US-Dollar ansteigen dürfte.
Globale Einflüsse und Risiken für die indische Rupie
Während die indische Wirtschaft mit starken Fundamentaldaten glänzt, belasten externe Faktoren den Wechselkurs und die Kapitalmärkte. Mehrere große Notenbanken, darunter die US-Notenbank Federal Reserve und die Bank von Japan, hatten ihre Zinsen angehoben, seit der US-israelische Krieg gegen den Iran vor sieben Monaten begann. Die Ölpreise bewegen sich seither in einer Spanne oberhalb der Marke von 100 US-Dollar je Barrel. Die indische Rupie steht vor diesem Hintergrund spürbar unter Druck, und das Land sieht sich trotz Devisenzuflüssen über ein spezielles Swap-Fenster der Zentralbank anhaltenden Herausforderungen bei der Zahlungsbilanz ausgesetzt. Das staatliche Swap-Programm verschafft Indien zwar kurzfristigen Spielraum, kann jedoch keine dauerhafte Lösung sein.

Finanzexperten warnen deshalb vor den Konsequenzen eines Zinspausierens. Laut Vivek Rajpal, Asien-Makrostratege bei JB Drax Honore, würde eine Beibehaltung der Zinsen am Devisenmarkt nicht positiv aufgenommen, und auch das lange Ende des Anleihemarktes könnte unter Druck geraten, wie Marketscreener berichtete.
Unterschiedliche Prognosen zum Umfang des Straffungszyklus
Obwohl die Marktteilnehmer einhellig mit einer Zinswende rechnen, gehen die Meinungen über die künftige Dynamik des Zyklus auseinander. Während Institute wie Nomura und Barclays eher einen flachen Zinserhöhungszyklus von 25 bis 50 Basispunkten erwarten, kalkulieren ANZ, BofA Global Research und Goldman Sachs mit Schritten zwischen 75 und 100 Basispunkten. An den Swap-Märkten sind auf Sicht der kommenden zwölf Monate Anhebungen um rund 100 Basispunkte und über die kommenden 24 Monate etwa 140 Basispunkte eingepreist. Volkswirte von Goldman Sachs gehen davon aus, dass sich die Haltung der Notenbank in Richtung einer maßvollen Straffung oder eines Abbaus der geldpolitischen Unterstützung verschieben könnte.
| Prognoseinstitut / Markt | Erwarteter Zinsschritt (Zeitraum) |
|---|---|
| Nomura / Barclays | 25 bis 50 Basispunkte |
| ANZ / BofA / Goldman Sachs | 75 bis 100 Basispunkte |
| Swap-Märkte (12 Monate) | ca. 100 Basispunkte |
| Swap-Märkte (24 Monate) | ca. 140 Basispunkte |
Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen daher neben der konkreten Zinsentscheidung vor allem die aktualisierten Inflations- und Wachstumsprognosen der Notenbank sowie die Frage, ob der geldpolitische Ausschuss seine bisher neutrale Haltung aufgibt. Das indische Finanzministerium wies in seinem Monatsbericht darauf hin, dass insbesondere die saisonale Nachfrage, höhere Vorleistungskosten und geopolitische Risiken die Inflation kurzfristig weiter antreiben könnten.
