Sechs Monate nach den Luftangriffen von US- und israelischen Streitkräften im Iran hat sich der Konflikt zu einer festgefahrenen, kostspieligen Pattsituation entwickelt. Während Washington auf verschärfte Sanktionen und einen neuen Wirtschaftskrieg setzt, kämpft Teheran ums Überleben und arabische Golfstaaten blicken mit tiefer Sorge auf die wachsende regionale Instabilität.
Ein halbes Jahr nach den überraschenden Angriffen auf den Iran am 28. Februar befinden sich die Vereinigten Staaten und Teheran in einem schleichenden Abnutzungskrieg berichtet Al Jazeera. Entgegen den ursprünglichen Erwartungen der US-Führung hat der militärische Druck weder zu einem Zusammenbruch des Regimes noch zu einer strukturellen Wende im Iran geführt. Stattdessen hat die Region eine neue Phase erreicht, in der die militärische Intensität zwar nachgelassen hat, aber die strategischen Spannungen unvermindert weiterwirken.
Das Scheitern des schnellen Sturzes und die Folgen für Teherans Führung
Die militärische Kampagne, die im Frühjahr mit massiven Luftschlägen und der gezielten Tötung des obersten Führers Ayatollah Ali Chamenei begann, sollte nach den damaligen Vorstellungen von US-Präsident Donald Trump nur wenige Wochen dauern. Doch die Realität sah anders aus: Das iranische Regime erwies sich als widerstandsfähiger als kalkuliert. Der türkische Politologe Karabekir Akkoyunlu, der an der Universität Oxford forscht, weist darauf hin, dass die politische Entwicklung im Iran eine unerwartete Wendung genommen hat. Aus politischer Sicht hat es tatsächlich einen Regimewechsel gegeben, aber genau in eine andere Richtung, als Washington und möglicherweise Israel es wollten, erklärt Akkoyunlu, wie tagesschau.de anmerkt. An die Macht kam demnach eine Clique extremer Hardliner, die den früheren Kurs noch weiter verschärfen.
Auch die von Teheran unterstützten Verbündeten wie die Huthi im Jemen, die Hisbollah im Libanon und diverse Milizen im Irak stehen laut Einschätzung des regimenahen Kolumnisten Nadar Karimi nach wie vor eng an der Seite des Irans.
Operation Economic Outcast: Washingtons neue Sanktionswelle
Nachdem militärische Optionen wegen der Gefahr von Vergeltungsschlägen gegen US-Basen und Verbündete in der Golfregion nur eingeschränkt tragfähig schienen, verlagert sich der Konflikt nun auf die wirtschaftliche Ebene. US-Finanzminister Scott Bessent kündigte am Montag die Fortsetzung des Drucks unter der Bezeichnung Operation Economic Outcast
an. Das Ziel ist es, die verbliebenen Einnahmequellen des Regimes konsequent abzuschneiden, wie der Council on Foreign Relations dokumentiert.
Bessent zog beim Start der Massnahmen Vergleiche mit der historischen Landung der Alliierten in der Normandie, doch Beobachter bewerten diesen Schritt skeptisch.

Aaron David Miller, ehemaliger US-Diplomat und Senior Fellow bei der Carnegie Endowment, erklärte zitiert von Reuters, die Regierung tappe auf fast schon verzweifelte Weise im Dunkeln, um einen Ausweg aus dieser Situation zu finden.
Miller fügte hinzu, dass dieser Ansatz für ihn eher nach Desperation Day
als nach einer strategischen Wende klinge, meldet Reuters. Ein zentrales Problem der neuen US-Strategie sind die sogenannten Sekundärsanktionen. Experten warnen, dass diese Massnahmen das globale Finanzsystem schwer belasten könnten, zumal China den Grossteil der iranischen Ölexporte abnimmt und Washington bei kritischen Rohstoffen unter Druck setzen kann.
Die prekäre Lage in der Straße von Hormus und die Sorgen der Golfstaaten
Die anhaltenden Störungen in der für den Welthandel vitalen Straße von Hormus belasten weiterhin die globalen Energiemärkte. Obwohl die US-Marine versucht, Tanker durch das Nadelöhr zu geleiten, liegt der Schiffsverkehr deutlich unter Vorkriegsniveau. Die dadurch verursachten Transportprobleme und die gestiegenen Ölpreise schlagen sich direkt in den Verbraucherpreisen weltweit nieder und treffen auch die Wirtschaft im Nahen Osten hart.

Für die arabischen Anrainerstaaten im Golf bedeutet die Pattsituation eine drastische Zunahme der Unsicherheit. Während saudi-arabische und emiratische Ölexporteure unter den Behinderungen leiden, suchen die Regionalmächte nach neuen sicherheitspolitischen Wegen. Ein Beispiel dafür ist das jüngst in Mekka unterzeichnete Verteidigungsabkommen zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan, mit dem Riad seine Bündnisse über die traditionellen US-Sicherheitsgarantien hinaus erweitert.
Politische Risiken für Washington vor den Kongresswahlen
Die festgefahrene Situation im Nahen Osten birgt auch innenpolitische Gefahren für Präsident Trump. Am 3. November stehen in den Vereinigten Staaten die Zwischenwahlen (Midterms
) an, bei denen das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt werden. Da der Iran-Krieg in der US-Öffentlichkeit von Beginn an unpopulär war und die anhaltende Inflation die Wähler belastet, sehen sich die Republikaner im Wahlkampf mit offenen Flanken konfrontiert.

Ob die US-Regierung mit ihren verschärften Sanktionen den erhofften Kurswechsel in Teheran erzwingen kann oder ob der Konflikt langfristig ungelöst bleibt, ist wenige Wochen vor dem Urnengang völlig offen.
Verwandte Artikel