Drei Monate nach dem sensationellen Meistertitel kämpft der FC Thun mit harten Abgängen, veränderten Machtverhältnissen durch Spielberater und einem enormen Erwartungsdruck, wie Berichte aus dem Berner Oberland am Sonntag bestätigen.
Nichts anderes als ein Märchen hat der FC Thun geschrieben. Als Aufsteiger haben die Thuner wohl nicht nur sich selbst, sondern auch die ganze Schweiz überrascht, und der kleine Klub aus dem Berner Oberland hat sogar international für Schlagzeilen gesorgt. Die Geschichte erinnert an Kaiserslautern in der Bundesliga 1997/98 oder Leicester City in der Premier League 2015/16, die ebenfalls als Aufsteiger Meister wurden. Doch wie sieht die Lage in Thun rund drei Monate, nachdem Captain Marco Bürki den Pokal in die Höhe gestemmt hat, aus? Die grosse Sensation bezahlen die Thuner teuer, nicht im finanziellen Sinn, sondern weil fast kein Stein auf dem anderen geblieben ist.
Der Abgang von Meistertrainer Mauro Lustrinelli und sechs Leistungsträgern
Angefangen hat alles mit dem Abschied von Meister-Trainer Mauro Lustrinelli. Nur wenige Tage nach dem letzten Saisonspiel wurde bekannt, dass der charismatische Tessiner seinen Herzensklub in Richtung Bundesliga werden verlassen wird. Der Wechsel lief ohne Nebengeräusche ab, der 50-Jährige hat sich die Zeit genommen, das Hinspiel der Champions-League-Quali gegen Dinamo Zagreb in seinem alten Wohnzimmer anzuschauen.
Doch nicht nur Lustrinelli hat Thun verlassen. Mit Ethan Meichtry (Genua), Elmin Rastoder (Panathinaikos), Michael Heule (Heidenheim), Valmir Matoshi (Sturm Graz), Leonardo Bertone (Luzern) und Christopher Ibayi (MAS Fès) haben gleich sechs Leistungsträger den Klub verlassen. Mehr oder weniger auf einen Schlag haben die Thuner 52 Tore und 25 Assists verloren. Zwar hat die gebeutelte Klubkasse die Einnahmen in zweistelliger Millionenhöhe dankend angenommen, reibungslos ist aber nicht jeder Transfer abgelaufen.
Präsident Andres Gerber spricht Machtwort gegen Berater-Machenschaften
Es ist gar so weit gegangen, dass Präsident Andres Gerber am Montag im Gespräch mit Blick ein Machtwort gesprochen hat. «Wir geben keine Leistungsträger mehr ab – und schon gar nicht zur direkten Konkurrenz. Das haben wir klubintern entschieden. Wir tragen gegenüber Mitspielern, Fans und Sponsoren des FC Thun Verantwortung», so der 53-Jährige.

Er selbst war jahrelang selbst Sportchef, kennt das Geschäft also bestens, trotzdem wurde er von einer Entwicklung überrascht. «Die Machtverhältnisse verschieben sich, Berater beeinflussen ihre Spieler teils aufs Gröbste, um einen Transfer zu erzwingen und so das schnelle Geld zu machen», erklärt Gerber. Er erlebe seine Spieler grundsätzlich als respektvolle, anständige und loyale Menschen. «Doch dann sollen sie nicht mehr trainieren oder gar streiken? Die Druckmittel einiger Berater werden immer perfider.»
Personeller Neuanfang in der sportlichen Leitung
Es sind ähnliche Töne, wie sie auch schon Ex-Sportchef Dominik Albrecht angestimmt hat – ebenfalls ein wichtiges Puzzleteil, das mitten in der heissen Transferphase weggebrochen ist. Anfang August machte Blick publik, dass sich Albrecht eine Auszeit nimmt. «Ich habe in den letzten Wochen noch intensiver gemerkt, dass ich aus familiären Gründen nicht mehr so weitermachen will. Ich habe in diesem Sommer meine Kinder fast nie gesehen. Dieser Spagat war das Herausforderndste am ganzen Job», erklärte Albrecht die Gründe dafür. Der 48-Jährige stellt zwar klar, dass es sich nicht um ein Burnout handelt, doch auch er teilte gegen Mechanismen im Business aus: «Ich konnte Verhaltensweisen von aussen nicht mit mir vereinbaren. Ich bin genervter und habe auch eine gewisse Sättigung verspürt.» Es sei geplant, dass Albrecht nach seiner Auszeit im Herbst zurückkehrt, allerdings nicht mehr in operativer, sondern in strategischer Funktion.

Mit Gian-Luca Privitelli hat ein neuer Trainer eine Mannschaft übernommen, die nach dem Höhenflug mit einer ganz anderen Erwartungshaltung umgehen muss. Gelingt es, den Schwung mitzunehmen, oder holt die Realität den vermeintlichen Underdog wieder ein? Die Fallhöhe ist hoch.
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