Angesichts massiv gestiegener Energiekosten fordert der britische Branchenverband Energy UK von der Regierung ein gezielteres Unterstützungssystem für bedürftige Haushalte. Die bisherigen Entlastungen wie der Warm Home Discount reichen nach Angaben von Experten bei anhaltend hohen Rechnungen und Rekordschulden von Verbrauchern nicht mehr aus.
Steigende Energiepreise belasten britische Haushalte im kommenden Winter schwerer als in den Vorjahren. Wie der Branchenverband Energy UK am Mittwoch mitteilte, drohen Millionen Menschen Tarife, die ohne zusätzliche staatliche Eingriffe nicht mehr tragbar sind. Die Organisation fordert deshalb ein vollständig neues und agileres Modell für soziale Rabatte im Energiesektor.
Rekordschulden bei Versorgern und drohender Preisanstieg
Die finanzielle Belastung der Verbraucher hat historische Höchststände erreicht. Laut Daten des Regulators Ofgem aus dem späten Winter türmten sich bei den Energieversorgern offene Forderungen von Kunden auf die Rekordsumme von 4,7bn Pfund nach den Angaben von Ofgem. Verschärft wird die Situation durch den GroBhandelspreisanstieg infolge des im Februar begonnenen Iran-Krieges sowie durch europaweite Hitzewellen, die den Bedarf an Klimatisierung und Stromerzeugung in die Höhe trieben.
Das Energieberatungsunternehmen Cornwall Insight prognostiziert, dass die von Ofgem vierteljährlich festgesetzte Preisobergrenze zu Beginn des Winters um vier Prozent steigen wird. Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits im Juli zu einer Erhöhung um 13 Prozent geführt hatte. Diese Preissteigerungen drohen die Entlastung durch den von Premierminister Andy Burnham angekündigten Wegfall der Mehrwertsteuer auf Haushaltsstrom im Oktober wieder aufzuwiegen.
Kritik am bestehenden Warm Home Discount
Bislang erhalten Haushalte mit geringem Einkommen über den Winter einen einmaligen Abschlag von 150 Pfund, den die Energieversorger selbst verwalten und über eine Umlage auf alle Rechnungen finanzieren. Energy UK betont jedoch, dass diese Hilfe am tatsächlichen Bedarf vorbeigeht. Zwar erreiche der Rabatt rund sechs Millionen Kunden, doch weitere 2,5 Millionen Haushalte benötigten dringend Unterstützung, weil sie aufgrund von medizinischen Bedingungen oder schlecht isolierten Gebäuden deutlich mehr Energie verbrauchen.
Dhara Vyas, Vorstandsvorsitzende von Energy UK, erklärte, dass die Versorger zwar weiterhin alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihren Kunden zu helfen, aber neben den anhaltend hohen Rechnungen auch Rekordschulden verdeutlichten, wie das gegenwärtige System daran scheitere, den Bedürftigen die richtige Unterstützung zukommen zu lassen.
Vyas plädiert stattdessen für ein modifiziertes Sozialrabattsystem, das zu einem System führen würde, das für alle besser funktioniert.
Finanzierungsfragen und Kosten eines neuen Modells
Das von Energy UK entworfene Konzept würde sich auf rund 1,9bn Pfund belaufen. Das wäre nahezu das Doppelte der Aufwendungen für das gegenwärtige System, könnte aber einzelnen Haushalten Hilfen von bis zu 450 Pfund verschaffen laut Berechnungen von Energy UK. Als Finanzierungswege stehen entweder die Fortführung einer Umlage über die Energierechnungen oder eine vollständige Übernahme durch Steuermittel im Raum.

Ob die Politik diesen Weg einschlägt, bleibt offen und wirft Fragen zur Datenverknüpfung und Finanzierung auf. Kritiker verweisen auf die enormen Kosten vergangener Krisen: Während der Energiepreisspitzen nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hatte die konservative Regierung rund 40bn Pfund an Staatsausgaben aufgewendet. Dennoch erhält der Vorstoß Unterstützung von Sozialverbänden.
Adam Scorer, Vorstandsvorsitzender von National Energy Action, betonte, dass sie dringend einen neuen Ansatz bräuchten; es gäbe viele Details zu klären, aber wenn die Regierung den Menschen in Energiearmut wirklich Luft zum Atmen verschaffen wolle, müsse sie sich dieser Herausforderung stellen und mit Energieunternehmen und Wohltätigkeitsorganisationen zusammenarbeiten, um etwas zu entwerfen, das wirklich den Anforderungen entspricht.
Verwandte Artikel