Wissenschaftler der McGill-Universität in Montreal haben eine bahnbrechende Methode entwickelt, um natürliche Killerzellen (NK-Zellen) so zu verstärken, dass sie aggressive Krebsarten wie Leukämie, Glioblastom, Nierenkrebs und den besonders resistenten dreifach-negativen Brustkrebs gezielt bekämpfen können. Die Studie, veröffentlicht am 23. Mai 2026, zeigt, dass durch das Blockieren zweier spezifischer Proteine die Wirksamkeit der NK-Zellen deutlich gesteigert werden kann – ohne die Zellen genetisch dauerhaft zu verändern. Dies könnte die Immuntherapie schneller, sicherer und kostengünstiger machen als bisherige Ansätze.
Ein Durchbruch ohne Gentechnik: Wie NK-Zellen Krebszellen gezielt angreifen
Die Forschungsteams um Michel L. Tremblay, Distinguished James McGill Professor für Biochemie und Leiter des Rosalind & Morris Goodman Krebsinstituts, haben einen entscheidenden Schritt in der Krebsimmuntherapie gemacht: Statt die Immunzellen genetisch umzubauen – ein Verfahren, das mit Risiken wie unkontrollierbaren Nebenwirkungen verbunden ist –, nutzen sie kleine Moleküle, um die Aktivität der NK-Zellen vorübergehend zu erhöhen. „Diese Methode ist besonders vielversprechend für Patient:innen, bei denen Standardtherapien versagt haben“, betont Tremblay. Die Studie, die in ScienceDaily detailliert beschrieben wird, zeigt, dass die behandelten NK-Zellen in präklinischen Tests menschliche Krebszellen aus verschiedenen aggressiven Tumoren erfolgreich zerstörten und das Tumorwachstum in Tiermodellen deutlich verlangsamten.

Ein besonderer Vorteil des neuen Ansatzes: Die NK-Zellen stammen aus Spender-Nabelschnurblut und können sofort eingesetzt werden, ohne dass jede Patient:in individuell behandelt werden müsste. „Diese Zellen sind sofort einsatzbereit“, erklärt Chu-Han Feng, Forscher am Krebsinstitut. „Das macht die Therapie nicht nur schneller, sondern auch kostengünstiger und sicherer.“ Bisherige Immuntherapien erfordern oft monatelange Vorbereitungen, da die Zellen des Patienten entnommen, modifiziert und wieder injiziert werden müssen – ein aufwendiger und teurer Prozess.
Warum dieser Ansatz die Krebsforschung revolutionieren könnte
Die neue Methode löst zwei zentrale Probleme der Krebsimmuntherapie: Erstens vermeidet sie die dauerhafte genetische Veränderung der Zellen, die bei vielen aktuellen Therapien eingesetzt wird. „Wenn etwas schiefgeht, können wir die Effekte schnell rückgängig machen“, sagt Tremblay. Zweitens macht die Verwendung von Spender-NK-Zellen die Therapie für Kliniken weltweit zugänglicher. „Wir haben die Zellen isoliert, kultiviert und gelagert, sodass sie für mehrere Patient:innen genutzt werden können“, erklärt Pierre Laneuville, Leiter des Zelltherapie-Labors am McGill University Health Centre.

Im Vergleich zu herkömmlichen Immuntherapien wie CAR-T-Zelltherapien, die oft Millionen von Dollar pro Patient:in kosten und Wochen bis Monate für die Herstellung benötigen, könnte diese neue Methode die Behandlung demokratisieren. „Die Kosten werden deutlich sinken, und die Therapie wird für mehr Menschen verfügbar“, sagt Feng. Besonders relevant ist dies für Krebsarten wie das Glioblastom oder den dreifach-negativen Brustkrebs, bei denen die Überlebensraten trotz intensiver Forschung weiterhin niedrig sind.
Die Studie unterstreicht zudem, dass die NK-Zellen nicht nur gegen solide Tumoren, sondern auch gegen Blutkrebs wie Leukämie wirksam sind. „Die Ergebnisse sind vielversprechend für Patient:innen, die bisher kaum Therapieoptionen hatten“, so Tremblay. Doch wie realistisch ist der Transfer in die klinische Praxis? Die Forscher arbeiten bereits mit Partnern aus der Pharmaindustrie zusammen, um die Methode in klinischen Studien zu testen. „Unser Ziel ist es, diese Therapie innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre für Patient:innen verfügbar zu machen“, sagt ein Sprecher des Krebsinstituts.
Was bedeutet das für die Zukunft der Krebsbehandlung?
Die Ergebnisse aus Montreal könnten die Krebsimmuntherapie grundlegend verändern. Bisherige Ansätze wie die CAR-T-Zelltherapie haben zwar beeindruckende Erfolge gezeigt, sind aber mit hohen Kosten und komplexen Herstellungsprozessen verbunden. Die neue Methode könnte diese Hürden überwinden und die Therapie für mehr Menschen zugänglich machen. „Dies ist ein Meilenstein, der zeigt, dass wir Immuntherapien ohne genetische Manipulation entwickeln können“, sagt Tremblay.

Doch es gibt auch Herausforderungen: Die Wirksamkeit muss in größeren Studien bestätigt werden, und die genaue Dosierung sowie mögliche Nebenwirkungen müssen noch genauer erforscht werden. Dennoch könnte diese Methode den Weg für eine neue Generation von Immuntherapien ebnen – schneller, sicherer und kostengünstiger als alles, was wir bisher hatten.
Wie steht die Krebsforschung weltweit zu diesem Durchbruch?
Die Studie aus Montreal stößt in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf großes Interesse. Experten betonen, dass die reversible Aktivierung von NK-Zellen ein vielversprechender Ansatz ist, der weniger Risiken birgt als genetische Veränderungen. „Dies könnte besonders für Patient:innen mit aggressiven Krebsformen ein Game-Changer sein“, sagt ein Immunologe, der nicht namentlich genannt werden möchte. Die Methode könnte auch die Forschung zu anderen Immunzellen wie T-Zellen vorantreiben und neue Therapieoptionen für Autoimmunerkrankungen oder chronische Infektionen eröffnen.

In den USA und Europa laufen bereits ähnliche Projekte, doch die McGill-Studie hebt sich durch ihre Einfachheit und Skalierbarkeit hervor. „Die Idee, Spender-NK-Zellen zu nutzen, ist nicht neu, aber die Kombination mit kleinen Molekülen, um ihre Aktivität gezielt zu steuern, ist ein echter Fortschritt“, sagt ein Forscher aus dem Bereich der Immuntherapie. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Methode in klinischen Studien die gleichen Erfolge bringt wie im Labor.
Während die Forschung weitergeht, bleibt die Hoffnung groß, dass diese bahnbrechende Methode bald Patient:innen weltweit zugutekommen wird. „Wir stehen am Anfang einer neuen Ära der Krebsbehandlung“, sagt Tremblay.
Was kommt als Nächstes?
Die nächsten Schritte sind klar: Die Forscher planen, die Methode in klinischen Studien zu testen, um ihre Sicherheit und Wirksamkeit beim Menschen zu bestätigen. Parallel dazu arbeiten sie mit Partnern aus der Industrie zusammen, um die Produktion der NK-Zellen zu optimieren und die kleinen Moleküle für den klinischen Einsatz zu entwickeln. „Unser Ziel ist es, diese Therapie innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre für Patient:innen verfügbar zu machen“, sagt ein Sprecher des Krebsinstituts.
Sollte die Methode erfolgreich sein, könnte sie nicht nur die Krebsbehandlung revolutionieren, sondern auch andere Bereiche der Medizin beeinflussen. Denn die reversible Aktivierung von Immunzellen könnte auch bei Autoimmunerkrankungen oder chronischen Infektionen eingesetzt werden. Die Forschung steht damit erst am Anfang – doch die Aussichten sind vielversprechend.
Eines ist bereits jetzt klar: Die Krebsforschung hat einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht. Die Frage ist nicht mehr, ob Immuntherapien die Zukunft der Krebsbehandlung sind – sondern wie schnell und für wie viele Patient:innen sie verfügbar werden.