In den Outsourcing-Zentren der Philippinen führt die Integration generativer KI zu einem paradoxen Effekt: Erfahrene Fachkräfte trainieren die Systeme, die anschließend ihre eigenen Stellen ersetzen. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind dort 12,7 Millionen Beschäftigte – mehr als jeder vierte Arbeiter – in Berufen tätig, die durch KI gefährdet sind.
Die philippinische Hauptstadt Manila, insbesondere das Geschäftsviertel Cubao, gilt seit zwei Jahrzehnten als Symbol für den Aufstieg des Landes zum globalen Zentrum für Business Process Outsourcing (BPO).
Das Paradoxon der KI-Schulung in Manila
Für viele Arbeitnehmer in der BPO-Branche beginnt der Jobverlust nicht mit einem plötzlichen Systemwechsel, sondern mit einer schleichenden Phase der „Optimierung“. Lisa berichtet, dass eine PR-Agentur damit beauftragt wurde, KI-generierte Inhalte zu erstellen, die sie und ihre Kollegen dann überarbeiten sollten, wobei ihre Fähigkeiten dazu genutzt wurden, die KI auf den Schreibstil des Unternehmens zu trainieren.”
„I feel like I dug my own grave,“ she says. „We were the ones who trained the artificial intelligence that replaced us.“
Lisa
Lisa, eine alleinerziehende Mutter, die 15 Jahre lang als Content-Writerin tätig war, wurde acht Monate nach ihrem letzten Stellenantritt und nur einen Monat vor der geplanten Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis entlassen. Ihre Erfahrung verdeutlicht eine neue Dynamik im Arbeitsmarkt: Die menschliche Expertise wird hier als Trainingsdatensatz für die eigene Obsoleszenz verwendet.
Strukturelle Risiken für die philippinische Wirtschaft
Die Verwundbarkeit der Philippinen ist im regionalen Vergleich außergewöhnlich hoch. Die ILO stellt fest, dass der Anteil der KI-exponierten Arbeitsplätze im Land der höchste in ganz Südostasien ist. Besonders gefährdet sind klassische Dienstleistungen wie Callcenter, Buchhaltung, Softwareentwicklung und Marketing-Copy-Services.
Jack Madrid, Präsident der IT and Business Process Association of the Philippines (IBPAP), bestätigt, dass die Branche die Technologie massiv adaptiert. Mehr als zwei Drittel der IBPAP-Mitglieder führen bereits KI-Pilotprojekte durch. Madrid warnt insbesondere vor der sogenannten Agentic AI
, die das Potenzial habe, Automierungsprozesse in einem weitaus beschleunigten Tempo voranzutreiben.
Zwischen Redeployment und Geheimhaltungsvereinbarungen
Während der Branchenverband IBPAP betont, dass die große Mehrheit der betroffenen Mitarbeiter innerhalb derselben Organisationen neu eingesetzt wurde, zeichnet sich in der Realität der Entlassenen ein anderes Bild ab. Viele ehemalige Angestellte fordern Anonymität, da sie im Gegenzug für Abfindungen Geheimhaltungsvereinbarungen unterzeichnet haben.
Diese rechtlichen Hürden und die Angst, in einem eng vernetzten Branchenumfeld keine neue Anstellung mehr zu finden, erschweren eine transparente Analyse des tatsächlichen Stellenabbaus. Die Betroffenen stehen vor der Herausforderung, dass die Jobs, die Millionen von Menschen in die Mittelschicht gehoben haben, nun durch skalierbare Software ersetzt werden.
Die aktuelle Lage in Manila lässt die Frage offen, welche sozialen Sicherungssysteme greifen, wenn die traditionellen Pfade des wirtschaftlichen Aufstiegs in den BPO-Zentren durch die Geschwindigkeit der KI-Implementierung versperrt werden.