Nach zehneinhalb Monaten Umbauzeit ist der jüdische Stadttempel in der Wiener Seitenstettengasse in dieser Woche im Beisein von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Christian Stocker offiziell wiedereröffnet worden. Die Restaurierung der historischen Synagoge kostete 10,5 Millionen Euro und fällt mit dem 200-jährigen Bestehen des Gotteshauses zusammen.
Die größte Synagoge Österreichs hat ihre Tore nach einer umfassenden und 10,5 Millionen Euro teuren Sanierung für die Öffentlichkeit geöffnet.
Finanzierung und symbolische Bedeutung zum 200-jährigen Jubiläum
Die Kosten für die aufwendigen Instandsetzungsarbeiten wurden auf drei Parteien aufgeteilt. Je ein Drittel der Gesamtsumme übernahmen der Bund, die Stadt Wien sowie Hunderte private Spender aus dem In- und Ausland. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Oskar Deutsch, betonte während der Feierlichkeiten die emotionale Bedeutung der Rückkehr: Wir sind wieder daheim.
Gleichzeitig verwies er darauf, dass das Gemeindeleben trotz der Schließung während der Bauphase nie zum Erliegen gekommen sei.
Die 10,5 Millionen Euro flossen nicht nur in eine optische Auffrischung, sondern vor allem in die technische Modernisierung. Nach Angaben der IKG wurden der Brandschutz und die Barrierefreiheit grundlegend verbessert sowie die Eingangsbereiche neu organisiert. Unter der Bima, dem erhöhten Lesepult für die Tora, kam während der Arbeiten historischer Budapester Marmor zum Vorschein, der gemeinsam mit den Steinsockeln und Oberflächen originalgetreu adaptiert wurde, um den Charakter des 200 Jahre alten Bauwerks zu bewahren.
Überlebender der Novemberpogrome und mahnende Worte gegen Antisemitismus
Der Stadttempel nimmt in der österreichischen Geschichte eine Sonderstellung ein. Er ist die einzige Wiener Synagoge, die die Novemberpogrome des Jahres 1938 unbeschadet überstanden hat. Möglich wurde dies vor rund 200 Jahren durch strenge Bauauflagen, die damals vorschrieben, dass das Gebäude äußerlich wie ein gewöhnliches Zinshaus wirken musste, wie wien.ORF.at dokumentiert.
Trotz der historischen Bedeutung nutzten Redner den Festakt für deutliche Warnungen vor einer Zunahme des aktuellen Antisemitismus. IKG-Präsident Deutsch erklärte dazu, dass der Hass lediglich die Worte und Chiffren wechsle, während anstelle des Begriffs „der Jude heute oftmals Israel verunglimpft werde. Bundeskanzler Stocker schloss sich dieser Einschätzung an und betonte, dass es die zentrale Aufgabe des Staates bleibe, dafür zu sorgen, dass Jüdinnen und Juden in Österreich sicher und selbstverständlich leben können.
Gäste aus Politik und Religion sowie kommende Bauphasen
Der Festakt brachte neben der staatlichen Führung auch Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften zusammen. Neben Bundespräsident Van der Bellen und Bundeskanzler Stocker nahmen unter anderem der Zweite Nationalratspräsident Peter Haubner und die Dritte Präsidentin Doris Bures an der Feier teil. Vertreter der FPÖ fehlten hingegen, da die IKG jeglichen offiziellen Kontakt mit der Partei aufgrund rechtsextremer Tendenzen verweigert. Auch religiöse Repräsentanten wie der Linzer Bischof Manfred Scheuer, die evangelisch-lutherische Bischöfin Cornelia Richter und der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Ümit Vural, wohnten dem Festakt bei.

Die postalischer Würdigung folgte ebenfalls dem Jubiläum: Die Österreichische Post veröffentlichte eine Sonderbriefmarke mit dem Motiv des renovierten Innenraums, die zu einem Preis von zwei Euro in einer Auflage von 150.000 Stück erscheint. Die Arbeiten rund um das Areal sind indes noch nicht vollständig abgeschlossen. In kommenden Bauphasen sollen das angrenzende Gemeindezentrum sowie die Fassade saniert werden, bevor ab dem Winter des Jahres 2026 auch reguläre öffentliche Führungen durch die historische Synagoge angeboten werden sollen.