Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas ist im Alter von 83 Jahren verstorben. Bekannt für monumentale Werke wie das Buch der Erinnerung und die Parallelgeschichten, lebte er seit Jahrzehnten zurückgezogen in dem ungarischen Dorf Gombosszeg und galt mehrfach als Anwärter auf den Literaturnobelpreis.
Ein Leben im Zeichen der Literatur und des Rückzugs nach Gombosszeg
Péter Nádas hat sich zeitlebens gegen die Nacherzählbarkeit seiner Texte gewehrt. Seine Werke zeichnen sich durch eine enorme Detailgenauigkeit aus, bei der sich eine einzelne Szene oder ein Fußweg über Seiten dehnen kann, während sich die Gedanken der Figuren entfalten oder Rückblenden öffnen. Wer Péter Nádas liest, braucht einen langen Atem und muss sich einlassen auf eine Literatur, die sich beharrlich gegen die Nacherzählbarkeit wehrt, denn, wie Nádas in seinem Essayband „Schreiben als Beruf“ konstatiert: „Die thematische Literatur ist ein anderes Paar Schuhe, das ich nicht benutze“. Diese Präzision speiste sich auch aus seiner Arbeit als Fotograf im Buch „Schöne Geschichte der Fotografie“, in dem sich Fotografie und Literatur überkreuzen. Ein besonders prägnantes Motiv seines fotografischen Œuvres ist der Birnbaum in dem kleinen Dorf Gombosszeg, wo er seit 1984 zurückgezogen lebte.”””
Zusammen mit seiner Ehefrau Magda Šalamon bewohnte er ein traditionelles Bauernhaus, das aus Lehm und Holz errichtet wurde, an den malerischen Hängen des Göcsej-Hügellandes im Südwesten Ungarns. Nádas war kein Landmensch, aber 1968, nach dem Einmarsch der Armeen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei, wollte er nicht mehr Journalist sein und weg aus der Stadt. So ist er dann in sein Gombosszeg gekommen, in dem er jetzt mit 83 Jahren verstorben ist.
Vom Holocaust-Überlebenden zum Monumentalautor
Geboren wurde Péter Nádas am 14. Oktober 1942 in Budapest; den Holocaust überlebte das Kleinkind mit seiner Familie in Verstecken und mit gefälschten Papieren. Doch nach 1945 war von der jüdischen Herkunft nie die Rede – die Eltern wollten Kommunisten und gleichberechtigte ungarische Staatsbürger sein. Seine Jugend war von schweren Schicksalsschlägen geprägt: Die Mutter von Péter Nádas starb, als er 13 Jahre alt war, und mit 16 war er Vollwaise – sein Vater beging Suizid. Diese biografischen Hintergründe spiegeln sich in seinen Arbeiten wider, darunter in seiner erst mit jahrzehntelanger Verspätung übersetzten Debüterzählung „Die Bibel“, in der er die Atmosphäre seiner Funktionärsfamilie ausleuchtet, sowie in dem Buch „Der eigene Tod, in dem er seinen eigenen Herzinfarkt beschreibt.
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Sein internationaler Durchbruch im deutschsprachigen Raum gelang ihm als feste Größe der ungarischen und immer mehr auch der europäischen Literatur mit dem 1991 erschienenen „Buch der Erinnerung“, an dem er fast zwölf Jahre gearbeitet hatte. Im selben Jahr wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet, und immer wieder war er bei den wichtigsten Literaturveranstaltern des Landes zu Gast. Zu seinem 80. Dabei hat er auch die spirituelle Ebene seines Werkes betont und sein „Buch der Erinnerungals Beschreibung einer entspiritualisierten Welt interpretiert.
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Umfangreiche Spätwerke und die Verbindung von Geschichte und Detail
Das literarische Schaffen von Nádas umfasst mehrere monumentale Veröffentlichungen, welche die Zeiträume und Handlungsstränge zu verknüpfen wussten. Zu den umfangreichen Werken der vergangenen Jahre zählen die Parallelgeschichten – ein über tausend Seiten starkes Monumentalwerk, in dem Holocaust und stalinistischer Terror nicht direkt vorkommen. Ein weiteres Erinnerungsbuch mit dem Titel „Aufleuchtende Details“ (auf Deutsch 2017), ein weiteres Monumentalwerk von fast 1300 Seiten, benennt wiederum genau ein anderes Grundprinzip seines Erzählens und handelt von dieser Zeit, womit es die „Parallelgeschichten“ ergänzt. Die 2022 auf Deutsch erschienenen „Schauergeschichtenzeigen eindringlich, wie lange sein Erzählen bei einer einzelnen Szene verweilen kann, während sich etwa das Jäten einer Zeile des Weingartens oder ein Fußweg schier endlos dehnen.
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In den vergangenen Jahren wurde er mehrfach als chancenreicher Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Im vorigen Jahr gewann ihn jedoch sein Landsmann László Krasznahorkai. Nun ist Péter Nádas im Alter von 83 Jahren verstorben.
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