Ukrainische Langstreckendrohnen haben Ende August 2026 erneut russische Ölraffinerien angegriffen und die Afipsky-Anlage im Krasnodar Krai schwer getroffen. Die Attacken drückten Russlands Rohölverarbeitung auf ein Mehrjahrestief. Als Reaktion unterzeichnete Präsident Wladimir Putin ein Dekret zur vorübergehenden staatlichen Verwaltung von kritischen Infrastrukturanlagen bei unzureichender Sicherheit.
Die anhaltenden ukrainischen Luftangriffe auf den russischen Energiesektor zeigen spürbare Wirkung. In der Nacht zum Dienstag zielten ukrainische Drohnen erneut auf die Afipsky-Ölraffinerie in Südrussland, wie der ukrainische Generalstab bestätigte. Gouverneur Weniamin Kondratjew berichtete über Telegram von heftigen Bränden auf dem Raffineriegelände sowie in mindestens zehn Privathäusern. Bei dem Angriff wurden zwei Menschen getötet und zwei weitere verletzt, während Trümmerteile auch auf einen nahegelegenen Bahnhof stürzten. Der ukrainische Generalstab bestätigte kurz darauf offiziell seinen Einsatz und teilte mit: „Ein Brand auf dem Gelände des Unternehmens wurde bestätigt. Das Ausmaß des Schadens wird ermittelt. Die Arbeit an wichtigen feindlichen Einrichtungen wird fortgesetzt“.”
Einbruch der Rohölverarbeitung und gezielte Treffer auf Cracker-Türme
Die Angriffe beschränken sich längst nicht mehr auf Lagertanks oder Pumpstationen. Nach Analysen des britischen Branchenspezialisten Energy Aspects fiel die durchschnittliche tägliche Rohölverarbeitung in Russland im Juli auf ein Mehrjahrestief von landesweit rund 3,6 Millionen Barrel, was einem Rückgang von noch einmal rund 150.000 Fass Rohöl pro Tag weniger als noch im Vormonat Juni entsprach. Zum Vergleich bewegte sich die Verarbeitungskapazität im langjährigen Mittel zwischen fünf und sechs Millionen Barrel pro Tag, wobei ein Barrel rund 159 Litern entspricht.
Ukrainische Streitkräfte nehmen gezielt wichtige feindliche Einrichtungen im russischen Hinterland ins Visier. Bis in den März hinein konnte die russische Ölindustrie die kriegsbedingten Ausfälle an einzelnen Standorten noch weitgehend ausgleichen, doch ab April nahmen die ukrainischen Luftangriffe weiter zu. Mitte des Monats traf es etwa den südrussischen Ölhafen Tuapse am Schwarzen Meer, und Mitte Mai setzten ukrainische Distanzschläge die Raffinerie bei Kstowo an der Wolga in Brand. Explosionen meldeten russische Behörden auch aus weiter entfernten Städten wie Saratow, Wolgograd, Sankt Petersburg, Orenburg, Orsk und sogar aus Ufa, das rund 1500 Kilometer von der Front entfernt liegt. Bei einem der ukrainischen Schwarmangriffe im Mai drangen ukrainische Drohnen sogar in den Großraum Moskau ein, und eine Raffinerie im Südosten des Stadtgebiets erlitt schwere Schäden, während die russische Luftabwehr machtlos wirkte. Die Afipsky-Raffinerie war in diesem Jahr bereits am 21. Januar, 14. März, 11. Juni und 14. Juli Ziel ukrainischer Angriffe gewesen.
Über die genaue Verarbeitungskapazität der getroffenen Anlage im Krasnodar Krai machen ukrainische Quellen unterschiedliche Angaben: Die Kyiv Independent beziffert sie auf rund 6,25 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr, während sie der Kyiv Post zufolge bei 7,2 Millionen Tonnen jährlich liegt. Beide Angaben entsprechen einem erheblichen Anteil an Russlands gesamter Raffineriekapazität, wobei die Anlage Benzin, Diesel, Gaskondensatdestillate, schwere Erdölrückstände und Schwefel produziert.
Präsidentendekret Nummer 604 und die Sorge vor Enteignung
Als Reaktion auf die zunehmenden Angriffe hat der Kreml die rechtlichen Schrauben angezogen. Der russische Präsident Wladimir Putin unterzeichnete ein Dekret, das dem Staat erlaubt, Objekte der kritischen Infrastruktur vorübergehend unter staatliche Verwaltung zu stellen, wenn deren Eigentümer ihre Sicherheit nicht gewährleisten, auch im Hinblick auf Bedrohungen von Angriffen mit unbemannten Luftfahrzeugen. Das auf dem offiziellen Portal für Rechtsakte veröffentlichte Dekret Nr. 604 „Über Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit von Objekten der kritischen Infrastruktur der Russischen Föderationbegründet diesen Schritt mit zunehmenden Sicherheitsbedrohungen für eben diese Objekte im Kontext des andauernden Kriegs gegen die Ukraine.
Als Objekte der kritischen Infrastruktur gelten laut dem am Tag der Unterzeichnung in Kraft getretenen Dekret Anlagen des Brennstoff- und Energiesektors, der Industrie, der Telekommunikation, der Energieversorgung einschließlich Atomenergie, der kommunalen Versorgung sowie der Transport- und Logistikinfrastruktur, potenziell gefährliche Objekte ohne nähere Definition sowie weitere Einrichtungen, die von besonderer Bedeutung für die Sicherheit, die wirtschaftliche Stabilität der Russischen Föderation und das Leben der Bevölkerung sind. Die im Dekret beschriebenen Maßnahmen greifen, wenn ein Unternehmen keine oder nicht rechtzeitig Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit ergreift, Sicherheitsvorschriften verletzt, eine Gefahr für die Sicherheit und das normale Funktionieren der Objekte schafft oder Beschädigungen nicht rechtzeitig behebt. Auffällig ist, dass der Staat in all diesen Fällen die temporäre Verwaltung aufgrund eines Auftrags des Präsidenten an die Regierung einführen kann, ohne Gerichtsentscheidung.
Nachdem sie dich bombardiert haben, kommt der Staat, wirft dir vor, du habest dich nicht gegen den Angriff geschützt, und nimmt dir deinen Besitz weg.
Abbas Galljamow, PolitologeWirtschaftliche Folgen und Unsicherheit in den Regionen
Neben der Anlage im Krasnodar Krai und dem parallelen Drohnenangriff auf die Region Rostow gerieten in den vergangenen Monaten auch Raffinerien in weiteren Landesteilen ins Visier. Das russische Dekret und die anhaltenden Distanzschläge haben zu spürbaren Folgen geführt, darunter Kraftstoffengpässe in mehreren Regionen und steigende Preise an den Tankstellen. Mehrere von unabhängigen russischen Medien befragte Experten sehen in Putins Dekret vor allem ein neues Instrument zur Umverteilung von Eigentum im Namen der Sicherheit. Der Anwalt Andrej Grivzow von der Kanzlei „Korvus“ betonte im Gespräch mit der BBC, die extrem weit gefasste Auslegung der Schutzmaßnahmen lasse offen, wer nach welchen Kriterien Verstöße feststellen werde. Auch der Politologe Abbas Galljamow warnt vor den Folgen für das Investitionsklima, während nach Einschätzung von Forbes befragten Fachleuten vor allem Sorge weckt, dass praktisch alles unter den Begriff Objekt der kritischen Infrastruktur fallen kann und viele Unternehmen in Russland verunsichert reagieren.”

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