Ein Schusswechsel vor einer Synagoge in Belleville in der kanadischen Provinz Ontario hat am Sonntagabend während der Yom-Kippur-Feierlichkeiten einen Polizisten schwer und einen mutmaßlichen Angreifer lebensgefährlich verletzt. Die Ermittlungsbehörden prüfen derzeit ein mögliches antisemitisches Motiv, während Politiker aus dem ganzen Land die Tat scharf verurteilen.
Schüsse vor der Sons of Jacob Synagoge am Jom Kippur
Die gewaltsame Auseinandersetzung ereignete sich am Sonntagabend gegen 19:10 Uhr Ortszeit im kanadischen Belleville, rund 177 Kilometer östlich von Toronto. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich Mitglieder der jüdischen Gemeinde in der Sons of Jacob Synagoge an der Ecke Bleeker Avenue und Victoria Avenue versammelt, um den Beginn des höchsten jüdischen Feiertags Jom Kippur zu begehen. Vor dem Gebäude war postvertragsgemäß ein ziviles Polizeifahrzeug stationiert, das die Gemeinde nach Angaben des Gemeindepräsidenten Norm Weddum bereits eine Woche zuvor für die Großveranstaltung angefordert hatte.
Der mutmaßliche Täter, der 29-jährige Sean Ward aus dem benachbarten Quinte West, näherte sich dem Ort des Geschehens nach ersten Ermittlungen mit einem Pick-up-Truck und eröffnete das Feuer mit einer Schrotflinte auf den vor dem Gebäude positionierten Polizisten Const. Jeff Smith. Der Beamte erwiderte das Feuer, woraufhin ein zweiter, kurz darauf eingetroffener Streifenwagen ebenfalls Schüsse abgab. Insgesamt fielen nach Schätzungen der Ermittlungsbehörden 20 bis 30 Schüsse, wobei mehrere Kugeln umliegende Fahrzeuge und Wohnhäuser trafen.

It was boom, boom, boom.
Norm Weddum, Präsident der Sons of Jacob Synagoge, gegenüber CBC News
Gemeindepresident Weddum schilderte die dramatischen Momente im Inneren des Gotteshauses, als er gerade Gemeindemitglieder empfing. Nach den ersten Detonationen lief er in den Eingangsbereich, wo die Schüsse noch deutlicher zu hören waren. Er beschrieb, dass sie daraufhin in das Auditorium der Synagoge zurückgelaufen seien, die Türen hinter sich geschlossen hätten, um kein sichtbares Ziel zu bieten, und sich flach auf den Boden geworfen hätten, während draußen die Schüsse weitergingen.
Kritischer Zustand bei verletztem Polizisten und mutmaßlichem Täter
Bei dem Schusswechsel wurden sowohl der diensthabende Polizeibeamte als auch der mutmaßliche Schütze schwer verletzt. Const. Jeff Smith, der dem Belleville Police Service seit 2013 angehört, erlitt schwere Verletzungen und musste in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Laut Angaben der stellvertretenden Polizeichefin Sheri Meeks befindet er sich auf der Intensivstation in einem kritischen, aber mittlerweile stabilen Zustand. Die Ärzte und die Polizeiführung zeigten sich vorsichtig optimistisch hinsichtlich seines Genesungsverlaufs.

Der mutmaßliche Angreifer Sean Ward wurde in lebensgefährlichem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach Angaben von Kristy Denette, einer Sprecherin der provinzianischen Spezialeinheit zur Untersuchung von Polizeiunfällen (Special Investigations Unit, SIU), wurde der Verdächtige am Tatort medizinisch reanimiert. Ermittler der Polizei suchten am Montag das Wohnhaus auf, das Ward in Quinte West mit seiner Mutter bewohnt. Ehemalige Arbeitgeber und Nachbarn erklärten gegenüber kanadischen Medien, dass der 29-Jährige früher im kanadischen Militär in Alberta gedient hatte. Bislang haben die Behörden noch keine formellen Anklagen gegen ihn bekannt gegeben.
Ermittlungen der SIU und Fragen nach dem Motiv
Da an dem Schusswechsel Polizeibeamte beteiligt waren, hat die unabhängige Untersuchungskommission SIU die Ermittlungen zu den Umständen der Schussabgabe übernommen. Die SIU sichert derzeit Körperkamera- und In-Car-Kameraaufnahmen der beteiligten Beamten aus, um den genaueren Ablauf zu rekonstruieren. Die Belleville Police Service hält sich derweil mit eigenen Verlautbarungen zur laufenden Untersuchung zurück.
Ob die Synagoge, der verletzte Beamte oder die jüdische Gemeinde gezielt ins Visier genommen wurden, wird von den Behörden noch geprüft. Auf einer Pressekonferenz am Montag wurde SIU-Sprecherin Kristy Denette gefragt, ob die Tat als ein von langer Hand geplanter Anschlag gegen die jüdische Gemeinschaft gewertet werden kann. Sie erklärte daraufhin, dass der gesunde Menschenverstand sage, dass dies wahrscheinlich der Fall sei.
Schärfere Sicherheitsvorkehrungen und politische Reaktionen in ganz Kanada
Die Tat löste landesweit Entsetzen und scharfe Reaktionen aus.

Mark Carney erklärte, dass die Regierung von Kanada alles in ihrer Macht Stehende tun werde, um die Strafverfolgungsbehörden dabei zu unterstützen, sicherzustellen, dass der Täter zur vollen Rechenschaft gezogen wird.
Mark Carney, Premierminister von Kanada
Carney verwies in diesem Zusammenhang auf einen zuvor bereits beklagten Anstieg des Antisemitismus in Kanada, der unter anderem zu Brandanschlägen auf Synagogen und Schussangriffen auf jüdische Einrichtungen geführt hatte. Die Regierung hatte daraufhin zusätzliche finanzielle Mittel für die Sicherheitsinfrastruktur von Glaubenseinrichtungen bereitgestellt. Auch Ontarios Premierminister Doug Ford zeigte sich auf Social Media erschüttert über die Tat vor der Sons of Jacob Synagoge und forderte eine strenge juristische Verfolgung der Verantwortlichen.
Als Reaktion auf den Vorfall kündigten Polizeibehörden wie der York Regional Service an, die Bestreifung von Synagogen und anderen religiösen Stätten in der Region vorsorglich zu verstärken, während die Aufarbeitung des Vorfalls in Belleville weiter fortgeführt wird.