Der kriselnde österreichische Faserhersteller Lenzing hat eine vollständig garantierte Kapitalerhöhung mit Bezugsrechten über rund 300 Millionen Euro gestartet. Die Maßnahme bringt drastische Abschläge für Altaktionäre mit sich, während im Zuge eines umfassenden Umbaus weltweit rund 2.000 Arbeitsplätze abgebaut werden.
Im Zentrum der Sanierung steht eine ordentliche Barkapitalerhöhung mit Bezugsrechten, mit der das Unternehmen einen Bruttoerlös von rund 300 Millionen Euro anstrebt. Die Transaktion, die den Aktienkurs stark belastete, zielt darauf ab, die Kapitalstruktur zu stärken und die Restrukturierungspläne des Konzerns abzusichern.
Konditionen und drastischer Kursabschlag bei der Kapitalerhöhung
Der Vorstand der Lenzing Aktiengesellschaft hat mit Zustimmung des Aufsichtsrats beschlossen, auf Grundlage der Ermächtigung der außerordentlichen Hauptversammlung vom 25. August 2026 eine ordentliche Barkapitalerhöhung mit Bezugsrechten für bestehende Aktionäre durchzuführen. Mathias Breuer, CFO der Lenzing Gruppe, erklärte dazu, dass man hiermit die Kapitalstruktur langfristig an den strategischen und operativen Prioritäten des Unternehmens ausrichtet. Im Rahmen des Angebots sollen 34.756.362 neue, auf den Inhaber lautende Stückaktien mit Gewinnberechtigung ab dem 1. Januar 2026 ausgegeben werden.

Der Bezugspreis für die neuen Papiere wurde auf 8,65 Euro je Aktie festgelegt. Laut Berechnungen entspricht dies einem Abschlag von 42,5 Prozent auf den theoretischen Kurs ohne Bezugsrechte auf Basis des Schlusskurses vom vorangegangenen Mittwoch. Das Bezugsverhältnis beträgt zehn zu neun, wodurch Inhaber von Bezugsrechten berechtigt sind, für jeweils zehn bestehende Aktien neun neue Papiere zu erwerben. Die Bezugsfrist läuft vom 6. Oktober 2026 bis zum 20. Oktober 2026.
An den Kapitalmärkten stieß der Schritt auf massiven Verkaufsdruck. Als Begründung nannte das Analysehaus gestiegene Rohstoffpreise für Baumwolle und Viskose sowie die bevorstehende Kapitalerhöhung. Für das Jahr 2026 rechnet Berenberg mit einem Verlust je Aktie von 1,62 Euro nach zuvor 0,57 Euro, und für die folgenden drei Geschäftsjahre erwartet das Institut keine Dividendenausschüttungen.

„Die Lenzing-Kapitalerhöhung setzt die Altaktionäre unter Zugzwang. Ein Bezugspreis von 8,65 Euro gegenüber einem letzten Börsenkurs von 20,80 Euro bedeutet einen kräftigen Abschlag – auch auf den Kurs ohne Bezugsrechte.“
Florian Beckermann, Präsident des Interessenverbands für Anleger (IVA)
Wer seine Bezugsrechte nicht ausübe, müsse mit einer erheblichen Verwässerung rechnen, warnte Anlegervertreter Beckermann. Gleichzeitig betonte er jedoch, dass die garantierte Durchführung der Kapitalmaßnahme durch die Kernaktionäre für Stabilität sorge. Analyst Sebastian Bray merkte an, dass der brasilianische Zellstoffkonzern Suzano hinsichtlich seiner Beteiligung an Lenzing eher eine abwartende Haltung einnimmt, anstatt weiter auf diese zu setzen.
Rolle der Großaktionäre und garantierte Finanzierung
Abgesichert wird die Kapitalerhöhung durch ein Konsortium aus Großaktionären. Das von der B&C-Gruppe und Suzano S.A. gebildete Syndikat, das aktuell indirekt rund 52,25 Prozent des Grundkapitals von Lenzing hält, hat sich unwirklich verpflichtet, anteilig zu seiner Beteiligung 18.159.291 neue Aktien zum Bezugspreis zu beziehen. Goldman Sachs Asset Management, das einen Anteil von 6,20 Prozent für drei Gesellschaften verwaltet, plante zudem, vor Beginn der Bezugsrechtsemission bestehende Aktien ohne Bezugsrechte im Rahmen einer Privatplatzierung zu verkaufen, um rund 18 Millionen Euro zur Finanzierung der eigenen Teilnahme zu erlösen.

Zusätzlich hat sich auch die Oberbank AG, bei der Martin Seiter im Aufsichtsrat sitzt, verpflichtet, alle ihre Bezugsrechte in Höhe von 1.493.524 Stück im Rahmen einer Barkapitalerhöhung auszuüben.
Strategische Neuausrichtung und weltweiter Stellenabbau
Hintergrund der finanziellen Notlage ist der eingeleitete Konzernumbau. Lenzing verfolgt die neue Strategie, das Nonwovens-Geschäft auszubauen und im Textilgeschäft auf Premium-Marktsegmente wie TENCEL™, LENZING™ ECOVERO™, VEOCEL™ und LENZING™ zu setzen, während unter Produktmarken vermarktet wird. Auch das Zellstoff- und Bioraffineriegeschäft soll gestärkt werden. Gleichzeitig zieht sich der Konzern aus dem Geschäft mit Standardfasern für Textilanwendungen zurück.
Diese Rosskur hat gravierende Folgen für die Belegschaft: Weltweit gehen im Zuge des Programms rund 2.000 Arbeitsplätze verloren. Im Rahmen der strategischen Neuausrichtung wird auch die Faserproduktion im Burgenland in Heiligenkreuz bis Ende 2026 eingestellt, wobei es laut Berichten rund 30 Interessenten aus dem In- und Ausland für den Standort gibt. In England soll die Produktion 2027 auslaufen. Flankierend strebt das Unternehmen Einsparungen in Höhe von 120 Millionen Euro gegenüber der Kostenbasis von 2025 an und will mittelfristig das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) um 150 Millionen Euro steigern, eine EBITDA-Marge von 20 % bis 25 % erreichen sowie die Nettoverschuldung auf weniger als das 2,5-fache des EBITDA senken.
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