Archäologen haben in einer spanischen Höhle fast 600 hölzerne Funde und Abdrücke aus der Zeit vor 40.000 bis 62.000 Jahren untersucht. Die Auswertung belegt, dass die materielle Kultur der Neandertaler keineswegs nur aus Stein bestand, sondern die Holzverarbeitung eine zentrale Rolle im Alltag einnahm.
Jahrzehntelang prägten steinerne Werkzeuge das wissenschaftliche Bild der Altsteinzeit. Organisches Material wie Holz verrottet in der Regel spurlos, wodurch ein Großteil des prähistorischen Werkzeugrepertoires unsichtbar blieb. Eine umfassende Untersuchung von Funden aus dem Abric Romaní, einem Abris in der Nähe von Barcelona, rückt dieses einseitige Bild nun zurecht.
Abric Romaní und die fossilen Abdrücke in Travertin
Das Felsdach liegt auf der Klippe einer porösen Kalksteinformation, die als Travertin bekannt ist. Wenn mineralreiches Wasser herabfließt, bildet sich eine harte Schicht, die organische Reste luftdicht einschließt. Nach Angaben der Ausgrabungen unter Leitung von Experten wie Palmira Saladié vom katalanischen Institut IPHES-CERCA und der Universitat Rovira i Virgili zogen sich die systematischen Arbeiten über mehr als vier Jahrzehnte hin. Dabei wurden insgesamt 597 hölzerne Überreste und Abdrücke aus 16 archäologischen Schichten dokumentiert.

Bereits im Jahr 1995 hatten Forscher begonnen, die hohlen Abdrücke in der Sedimentstruktur mit Harz auszugießen, um präzise Negative der längst zersetzten Hölzer zu erhalten. Die Sammlung umfasst 597 hölzerne Überreste und Abdrücke, die aus einer Tiefe von 19 sandigen Schichten stammen, welche seit 1983 freigelegt wurden. Das geschützte Areal umfasst eine Fläche von etwa 300 Quadratmetern.
Waffen, Rindenbehälter und ein rätselhafter Keulenkopf
Ein Exemplar war etwa 2,4 Meter lang, während ein anderer Speer eine Länge von knapp zwei Metern aufwies und nahe drei Rothirschschädeln samt Geweihen lag.
Dieses keulenartige Artefakt weist einen klaren Griff und ein dickeres, spitzes Ende auf, weshalb es an eine Keule oder Keule erinnert. Neben diesem Unikat entdeckten die Wissenschaftler vier verkohlte Rindenbehälter, die in der Nähe alter Feuerstellen lagen und möglicherweise Nahrung transportierten oder Glut aufnahmen. Vier veränderte Funde umfassten zudem Pfosten, darunter eine mehr als 4,8 Meter lange Stange mit abgehackten Ästen, die als Teil eines Windschutzes gedeutet wird, während gekreuzte Hölzer über einem anderen Feuer einen Dreifuß gebildet haben könnten.

Vergleich der Funde und technologische Tragweite
Die von den Forschern analysierten Objekte umfassen Jagdwaffen, Haushaltsgegenstände, Behälter, spitz zulaufende Gegenstände und Elemente zur Organisation von Wohnräumen. Neben den Hauptexemplaren fanden die Archäologen auch kleine Holzsplitter in mehreren archäologischen Schichten, die weitere Belege für die Holzbearbeitung liefern.
Die Holzauswahl erfolgte dabei gezielt nach den Eigenschaften des Materials. Überwiegend nutzten die Handwerker die schottische Kiefer, die robust und dennoch leicht zu bearbeiten ist, was den schnellen Ersatz von Werkzeugen ermöglichte. Maria Gema Chacón vom selben Institut betonte, dass die Herstellung langer, gerader Schäfte und deren präzise Formgebung zu spitzem Jagdgerät Planung, handwerkliches Geschick und eine sorgfältige Rohstoffauswahl erforderten. Naoki Morimoto von der Universität Kyoto bezeichnete die erhaltenen organischen Funde als bemerkenswert und hob hervor, dass sie einen ansonsten verborgenen Aspekt der Neandertaler offenbaren.

Einordnung in die Kulturgeschichte der Altsteinzeit
Die nun vorgelegte Studie mit dem Titel „Neanderthal woodworking at Abric Romaní: Insights into the role of wood in a Middle Palaeolithic domestic context“ im Fachjournal Science Advances schließt eine große Lücke im Verständnis der frühen Menschheitsgeschichte. Die Autoren der Veröffentlichung sind Palmira Saladié, Maria Gema Chacón, A. Solé, E. Allué, J. Marín-Hernando, B. Gómez de Soler und Josep Vallverdú. Die Ergebnisse zeigen, dass die Holzbearbeitung ein fester und alltäglicher Bestandteil der Lebensweise im Mittelpaläolithikum war und die materielle Kultur der Neandertaler weitaus komplexer war, als es der reine Fund von Steinartefakten vermuten lässt.”
Der Archäologe Dirk Leder merkte bezüglich der Fundanalyse an, dass es ohne klare Schnittspuren oder Hinweise auf das Entfernen von Rinde bisweilen schwierig ist, natürlich abgefallene Äste sicher von gezielt bearbeiteten Hölzern zu unterscheiden. Dennoch verdeutlichen die Schichten des Abric Romaní, wie eng Feuer, Tierknochen, Steinwerkzeuge und Holzstrukturen in der Raumorganisation der Bewohner miteinander verknüpft waren.
Josep Vallverdú und seine Kollegen führten mit der Veröffentlichung die erste systematische Untersuchung von fast 600 hölzerne Exemplaren aus diesem Fundkontext durch, die das Bild der steinlastigen Archäologie nachhaltig korrigieren.
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