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Karl Lueger-Statue nun geneigt, um Antisemitismus zu kontextualisieren

Die Stadt Wien hat am 11. Juni 2026 die künstlerisch gestaltete Statue des ehemaligen Bürgermeisters Karl Lueger am Wiener Stubenring wieder freigegeben. Das Denkmal wurde im Projekt „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ um 3,5 Grad geneigt, um den Antisemitismus Lueger’s zu kontextualisieren. Das Projekt kostete insgesamt 776.000 Euro und stieß auf heftigen Protest jüdischer Studierender.

Die Bronzestatue des von 1897 bis 1910 amtierenden Bürgermeisters Karl Lueger steht wieder an ihrem Platz, doch die gewohnte Symmetrie ist verschwunden. Nach einer baulichen Anpassung, die im Januar begann, ist das Monument nun sichtbar nach rechts geneigt. Laut ORF Wien folgt dieser Eingriff einer Idee des Künstlers Klemens Wihlidal, der die Neigung um genau 3,5 Grad als bewussten Bruch mit der bisherigen unkritischen Würdigung konzipiert hat. Wihlidal beschreibt die Intervention als einen „Denkmalsturz im Freeze-Modus“. Die leichte Schräglage soll Passanten irritieren und sie dazu zwingen, sich kritisch mit der Person Lueger und dessen antisemitischer Rhetorik auseinanderzusetzen. Das Ziel ist es, dass das Monument nicht mehr als Ehrung, sondern als öffentliches Zeichen gegen Rassismus, Diskriminierung und Hetze wahrgenommen wird.

Die Kostensteigerung des Projekts Schieflage

Die Kostensteigerung des Projekts Schieflage
Photo: MeinBezirk.at
Die finanzielle Umsetzung der Kontextualisierung zog eine eigene Debatte nach sich. Während ursprünglich eine Summe von 500.000 Euro kommuniziert wurde, belaufen sich die Gesamtkosten im Zeitraum von 2022 bis 2026 laut MeinBezirk.at auf rund 776.000 Euro. Die entstandenen Mehrkosten werden von der Kunstinstitution KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) getragen. Neben der Neigung der Statue umfassten die Arbeiten auch notwendige Restaurierungsmaßnahmen an der Bronzeoberfläche. Die Kostenstruktur im Überblick:
Posten Betrag / Detail
Ursprünglich kommunizierte Kosten 500.000 Euro
Endgültige Gesamtkosten (2022–2026) 776.000 Euro
Träger der Mehrkosten KÖR (Kunst im öffentlichen Raum)

Strategie der Zurückhaltung statt offizieller Eröffnung

Strategie der Zurückhaltung statt offizieller Eröffnung
Photo: Der Standard
Die Stadt Wien verzichtet bewusst auf eine feierliche Einweihung des Projekts. Auf die Frage von Journalisten, warum keine offizielle Eröffnung stattfinde, reagierte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) mit einer klaren Absage. „Was sollen wir denn dann feiern? Ich halte Zurückhaltung für die adäquate und angemessene Reaktion auch auf das Kunstwerk. Jetzt lassen wir das mal im öffentlichen Raum wirken und schauen, was das mit uns macht“ Veronica Kaup-Hasler, Kulturstadträtin, via NÖN.at Kaup-Hasler begründete die Entscheidung gegen eine vollständige Entfernung der Statue mit dem Argument, dass Leerstellen in der Stadtlandschaft die Geschichte nicht löschen, sondern unsichtbar machen. Durch die bauliche Intervention sei das Monument transformiert worden: Aus einem Denkmal sei ein Mahnmal geworden. Trotz der Vergangenheit der Statue, die mehrfach beschmiert wurde, wird die Stadt weder Videoüberwachung noch Polizeischutz installieren. Die Verwaltung setzt darauf, dass die Gesellschaft die Wirkung des Kunstwerks ohne äußere Absicherung annimmt.

Proteste der Jüdischen Hochschüler und Kritik der Grünen

Hannes Swoboda spricht über Antisemitismus in Österreich und das Dr. Karl Lueger Denkmal
Die künstlerische Lösung wird von Teilen der jüdischen Gemeinschaft und der politischen Opposition als unzureichend abgelehnt. Während der Präsentation des Projekts am 11. Juni protestierten die „Jüdischen österreichischen HochschülerInnen“ (JöH) mit einem lautstarken Pfeifkonzert. Wie Der Standard berichtet, kritisieren die JöH, dass die Statue trotz jahrelanger Forderungen der Jüdischen Gemeinde weiterhin im öffentlichen Raum steht. Die geringfügige Neigung verändere die Wirkung des Denkmals kaum und sei daher nicht ausreichend, um die historische Last zu bewältigen. Auch die Wiener Grünen bezeichnen die Maßnahme als ungenügend. Kultursprecherin Ursula Berner argumentiert, dass ein gekipptes Denkmal immer noch eine Bühne für einen Antisemiten biete. Laut vienna.at bezeichnete sie die Präsenz der Statue im Jahr 2026 für viele Jüdinnen und Juden als „Schlag ins Gesicht“. Die Forderung der Partei bleibt die vollständige Entfernung der Statue aus dem öffentlichen Raum und die Überführung in einen musealen Kontext.

Historische Einordnung und Vermittlungsprogramm

Die visuelle Neigung wird durch eine sprachliche Kontextualisierung ergänzt. Eine Texttafel, die vom Zeithistoriker Oliver Rathkolb verfasst wurde, informiert Besucher auf Deutsch und Englisch über die Person Karl Lueger und die Hintergründe der künstlerischen Intervention. Um den Ort als Raum für lebendige Erinnerungskultur zu etablieren, ist ein begleitendes Vermittlungsprogramm geplant:
  • Sommer 2026: Start von Workshops zum Thema „Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart“ in Kooperation mit dem Bildungsverein „Lernen in gesellschaftlichen Spannungsfeldern“.
  • Herbst 2026: Implementierung eines spezifischen Schwerpunkts für Schülerinnen und Schüler.
Die Juryvorsitzende Eva Maria Stadler bezeichnete den gesamten Prozess, der unter Einbeziehung der Stadtverwaltung und der Bezirksvertretung verlief, als „Lehrstück für die Verteidigung demokratischer Werte“. Die Stadt hofft, dass die Kombination aus künstlerischer Irritation und historischer Aufarbeitung eine dauerhafte Diskussion über die Grundlagen des Antisemitismus anstößt.

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Jonas Becker

Über den Autor

Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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