Nur Tage nach dem tragischen Unfalltod seines 19-jährigen Bruders Finlay bei der Portugal-Rundfahrt ist Radprofi Joshua Tarling beim Auftakt-Zeitfahren der Vuelta a España an den Start gegangen.
Ein schwerer Abschied und der Entschluss zur Rückkehr ins Peloton
Acht Tage vor dem offiziellen Beginn der Spanien-Rundfahrt verlor die internationale Radsportwelt Finlay Tarling. Der erst 19-jährige Nachwuchsfahrer, der für das Entwicklungsteam der WorldTour-Mannschaft NSN an den Start ging, war während der achten Etappe der Portugal-Rundfahrt ums Leben gekommen. Der Teenager kollidierte bei dem Teilstück von Melgaço nach Fafe mit einem Lieferwagen, der nicht zum offiziellen Tross des Rennens gehörte, und erlag noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen. Rádio e Televisão de Portugal berichtete damals von einem Frontalzusammenstoß mit einem Auto auf der Gegenfahrbahn – dieser genaue Ablauf war von den Organisatoren zunächst nicht offiziell bestätigt worden. Infolge des tragischen Unglücks neutralisierten die Organisatoren den restlichen Verlauf des Rennens.
Finlay stand noch ganz am Anfang seiner Laufbahn und hatte im Juni im Einzelzeitfahren der britischen U23-Meisterschaften Bronze gewonnen. Die beiden Brüder teilten die Leidenschaft für den Radsport, standen sportlich aber auf unterschiedlichen Stufen ihrer Karriere. Während Joshua sich als Zeitfahrspezialist mit einem Etappensieg beim Giro d’Italia, Gold im Einzelzeitfahren bei den Europameisterschaften und einer Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft bereits bei Grand Tours und internationalen Meisterschaften einen Namen gemacht hat, war Finlay noch im Nachwuchsbereich unterwegs und arbeitete an seinem Weg in den Profizirkus.
Obwohl die Trauer in der Familie tief saß, entschied sich sein älterer Bruder Joshua Tarling für die Teilnahme an der Vuelta a España als Tribut an seinen Bruder. Seine Eltern Dawn und Michael Tarling teilten in einem Instagram-Post öffentlich mit: „Am Samstag wird Joshua die Vuelta fahren. Er hat sich entschieden, dies zu Ehren seines Bruders Fin zu tun, mit voller Unterstützung seiner Familie und umgedrängt von einem Team, das ihn bei jeder Entscheidung außergewöhnlich unterstützt hat.“ Das achtköpfige Aufgebot des Teams Netcompany Ineos, zu dem auch Oscar Onley gehört, nahm die Nominierung des 22-jährigen Walisers vor dem Start in Monaco vor. Netcompany Ineos war das letzte Team, das sein Vuelta-Aufgebot bekanntgab – weniger als 48 Stunden vor dem Start am Donnerstagnachmittag.”
Sportliche Meisterleistung unter extremen emotionalen Vorzeichen
Am Start vor den Türen des Casino Monte-Carlo lieferte der Zeitfahrspezialist eines der bemerkenswertesten Rennen seiner Laufbahn ab. Der 9,4 km lange und technisch anspruchsvolle Kurs kam dem britischen Profi entgegen, der im Juli im Alter von 22 Jahren erstmals in seiner Karriere bei der Tour de France an den Start gegangen war. Im Zielbereich kämpfte er sichtlich mit den Gefühlen.

Ich bin überglücklich. So glücklich, wie ich sein kann. Ich habe alles gegeben, was ich hatte. Mehr kann ich nicht tun.
Mit einer starken Zeit sicherte sich Tarling den dritten Rang im Einzelzeitfahren (+0:04 Minuten), geschlagene vier Sekunden hinter der Spitze, und übernahm direkt das Weiße Trikot des besten Jungprofis. Nach seiner Zielankunft saß Tarling länger auf dem Hotseat, ehe ihn sein Landsmann Ethan Hayter von Soudal Quick-Step ablöste. Hayter wiederum musste letztlich Topfavorit Tadej Pogacar von UAE Emirates-XRG den Vortritt lassen, neun Hundertstel trennten die beiden. Pogacar, der bei der Spanien-Rundfahrt das Grand-Tour-Triple komplettieren will, äußerte sich im Ziel anerkennend und bewegt über die Leistung seines Konkurrenten.
Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass er gewinnt. Natürlich wollte ich mein Bestes geben, aber es war irgendwie ein seltsamer Moment. Ich habe Josh wirklich die Daumen gedrückt
Rückhalt im Team und der Wunsch nach sportlicher Ablenkung
Hinter den Kulissen bewertete die sportliche Leitung die schwierige Entscheidung des Fahrers mit großem Respekt. Rennsportdirektor Geraint Thomas, der Tour-de-France-Sieger von 2018 und mittlerweile Sportdirektor bei Netcompany Ineos, erläuterte im Watts Occuring-Podcast die Hintergründe der Teilnahme seines Schützlings.

Joshua geht damit auf seine eigene Art um. Er ist ein starker Kerl. Er brennt darauf, die Vuelta zu fahren. Es war keine leichte Entscheidung für ihn und das Team; er wollte es wirklich.
Geraint Thomas würdigte seinen Schützling mit den Worten: „Ich könnte nicht stolzer sein.“ Auch Thomas betonte, dass der junge Waliser nach dem Verlust vor allem den gewohnten Alltag im Teambus gesucht habe, anstatt den ganzen Tag zu Hause zu sitzen. Ähnlich äußerte sich Teamkollege Luke Rowe, der überzeugt war, dass ein Sieg und Tribut an diesem Samstag in Monaco der beste Weg wäre, Finlay zu ehren. Joshua Tarling selbst brachte nach dem Rennen seinen Dank an die Familie zum Ausdruck: „Ich musste mich ablenken. Danke an meine Familie, dass sie mir den Segen gegeben hat, hierher zu fahren und einfach Radrennen zu fahren.”
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