Israel hat am Donnerstag etwa 420 Aktivisten der Gaza-Flottilla nach massiven internationalen Protesten abgeschoben. Der Auslöser war ein Video des Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir, das die entwürdigende Behandlung der Demonstranten zeigte. Westliche Regierungen und sogar der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu reagierten mit scharfer Kritik auf die provokanten Aufnahmen.
Massenabschiebungen nach Istanbul und die diplomatische Welle
Die diplomatischen Kosten für die israelische Regierung sind in den letzten 48 Stunden sprunghaft angestiegen. Nachdem die Flottilla am Mittwoch in internationalen Gewässern durch die israelische Marine abgefangen worden war, wurden die Teilnehmer am Donnerstag aus dem Land ausgewiesen. Laut Berichten der Associated Press landeten etwa 420 Aktivisten am Donnerstagabend in Istanbul. Die Demonstranten, die in grauen Trainingsanzügen und mit arabischen Keffiyehs eintrafen, zeigten bei ihrer Ankunft auf der Landebahn zwei Finger als Gruß und riefen „Free Palestine“. Einige von ihnen schienen zudem an den Beinen zu hinken.
Während die türkische staatliche Nachrichtenagentesi Anadolu berichtete, dass die Aktivisten für medizinische Untersuchungen vorgesehen waren, wuchs im diplomatischen Korridor der Unmut. Mehrere Staaten reagierten unmittelbar auf die Behandlung der Demonstranten:
Frankreich forderte die Freilassung aller Inhaftierten.
Italien verlangte eine offizielle Entschuldigung.
Spanien erklärte, eine solche Misshandlung seiner Bürger nicht zu tolerieren.
Großbritannien bezeichnete das Verhalten als Verstoß gegen grundlegende Standards von Respekt und Würde.
Inmitten dieser Spannungen wurde eine israelische Staatsbürgerin, Zohar Regev, die bereits an früheren Flottillen teilgenommen hatte, nach einer Gerichtsverhandlung wegen illegalen Einreises und unrechtmäßigen Aufenthalts freigelassen, so teilte das Legal Center for Arab Minority Rights in Israel (Adalah) mit.
Ben-Gvirs Provokationen und Netanyahus Zurechtweisung
cluster (priority): cbsnews.com
Der Kern des politischen Sturms ist ein Video, das der National Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir selbst veröffentlichte. Die Aufnahmen zeigen den Minister, wie er zwischen den festgenommenen Mitgliedern der „Global Sumud“-Flottilla umhergeht. In einem der Clips, den CBS News zufolge zeigt, wie er die Demonstranten verspottet, wedelt Ben-Gvir mit einer großen israelischen Flagge.
Itamar Ben-Gvir, via Social Media
Die Bilder sind drastisch: Aktivisten knien mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen und Köpfen, die den Boden berühren, in einem provisorischen Internierungslager auf dem Deck eines Schiffes oder im Hafen von Ashdod. In einem weiteren Video fordert Ben-Gvir den Premierminister sogar auf, ihm die Erlaubnis zu erteilen, die Aktivisten für eine „lange, lange Zeit“ inhaftieren zu dürfen. Er spottete über die Demonstranten: „Sie kamen hier voller Stolz an, wie große Helden. Schaut sie euch jetzt an.“
Diese öffentliche Inszenierung zwang Benjamin Netanyahu zu einer ungewöhnlich deutlichen Distanzierung von seinem Minister. Zwar verteidigte der Premierminister das Recht Israels, „provokative Flottillen von Hamas-Terroristen“ abzufangen, doch die Art und Weise der Behandlung durch Ben-Gvir sei „nicht im Einklang mit den Werten und Normen Israels“ gewesen. Netanyahu wies an, die Aktivisten so schnell wie möglich abzuschieben.
Berichte über körperliche Gewalt in der Haft
Während die Regierung die Vorwürfe von Misshandlungen offiziell bestreitet, zeichnen die Berichte der Betroffenen ein düsteres Bild. Besonders die Aussagen italienischer Staatsbürger haben die internationale Kritik befeuert. Der italienische Journalist Alessandro Mantovani, der als einer der ersten Aktivisten nach Hause geflogen wurde, beschrieb seine Erfahrung am Flughafen Fiumicino als traumatisch.
„‚Dich verprügeln‘ bedeutet, dass sie mir gegen die Beine getreten und ins Gesicht geschlagen haben. Das sind Leute, die wissen, was sie tun, deshalb habe ich keine großen sichtbaren Spuren. …
Aktivisten der Gaza-Flottille beschreiben Inhaftierung nach israelischem Abfangen
Alessandro Mantovani, via NBC News
Laut Berichten von NBC News beschrieb Mantovani die Haftbedingungen in einem Container als einen „Ort des Terrors“. Auch der italienische Abgeordnete Dario Carotenuto berichtete von den „längsten Sekunden“ seines Lebens, als israelische Sicherheitskräfte innerhalb der Haftanstalt Gewehre auf die Aktivisten richteten. In einem der von Ben-Gvir veröffentlichten Videos ist zudem zu sehen, wie ein gefesselter Aktivist, der „Free Palestine“ rief, von Sicherheitspersonal unmittelbar zu Boden gedrückt wird.
Diplomatische Isolation und interne Machtkämpfe
cluster (priority): apnews.com
Die Vorfälle haben nicht nur die Beziehungen zu europäischen Partnern belastet, sondern auch eine tiefe Kluft innerhalb der israelischen Regierung und des diplomatischen Apparats offengelegt. Die Reaktion aus den USA war besonders brisant: Mike Huckabee, der US-Botschafter in Israel, bezeichnete die Flottille zwar als „dummen Stunt“, warf Ben-Gvir jedoch vor, „die Würde seiner Nation verraten“ zu haben.
Auch innerhalb der israelischen Regierung ist der Tonfall gegenüber Ben-Gvir vernichtend. Außenminister Gideon Saar kritisierte den Minister auf der Plattform X und warf ihm vor, dem Staat durch seine „schändliche Performance“ bewusst Schaden zu zufügen.
Akteur
Position / Rolle
Kernbotschaft
Gideon Saar
Außenminister
Ben-Gvir schadet dem Ansehen des Staates.
Yechiel Leiter
Botschafter in den USA
Das „rücksichtslose Grandstanding“ diskreditiert Israel.
Mike Huckabee
US-Botschafter
Ben-Gvir hat die nationale Würde verraten.
Thameen al-Kheetan
UN-Menschenrechtssprecher
Die Festnahme auf See erscheint rechtswidrig.
Der Botschafter Israels in den USA, Yechiel Leiter, warnte davor, dass die „rücksichtslose Selbstdarstellung“ von Ben-Gvir die diplomatischen Bemühungen Israels mit einem „Vorschlaghammer“ zerstört. Für die israelische Diplomatie stellt sich nun die Frage, wie sie den Schaden an den internationalen Beziehungen beheben kann, während die innenpolitische Dynamik durch die populistischen Auftritte des Sicherheitsministers weiter destabilisiert wird.
Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.
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