Israel hat eine geheime Spezialeinheit namens NILI ins Leben gerufen, um jeden Teilnehmer der Angriffe vom 7. Oktober 2023 aufzuspüren, zu töten oder festzunehmen. Mithilfe von KI und Gesichtserkennung werden Tausende Personen ins Visier genommen. Bis Mai 2026 wurden bereits Hunderte Beteiligte im Gazastreifen, im Libanon und im Iran eliminiert.
Die NILI-Einheit und die Liste der Gejagten
Die israelische Sicherheitsarchitektur hat nach dem Massaker vom 7. Oktober eine Operation gestartet, die in ihrer Konsequenz beispiellos ist. Wie The Jerusalem Post berichtet, wurde hierfür eine Elite-Taskforce namens NILI ins Leben gerufen. Der Name ist ein hebräisches Akronym für „Netzach Yisrael Lo Yeshaker“, was übersetzt bedeutet: „Der Ewige von Israel lügt nicht“.
Dieser Name ist Programm: Er signalisiert, dass kein Opfer vergessen und kein Täter übersehen wird. Die Einheit führt eine Liste mit „Tausenden von Namen“ von Terroristen, die an den Angriffen beteiligt waren oder diese geplant haben. Das Ziel ist die vollständige Neutralisierung jedes einzelnen Namens auf dieser Liste, unabhängig vom Rang oder der Bedeutung der Person innerhalb der Organisation.
Die Strategie verfolgt einen klaren präventiven Zweck. Shalom Ben Hanan, ein ehemaliger hochrangiger Beamter des Shin Bet, betonte die Signalwirkung dieser Operation:
„Die klare Botschaft an alle zukünftigen Feinde ist, noch einmal über den Preis einer terroristischen Operation wie dieser nachzudenken.“
Shalom Ben Hanan, ehemaliger Beamter des Shin Bet, via The Jerusalem Post
Die Liste umfasst sowohl die Hamas-Führung als auch einfache Kämpfer und sogar Zivilisten, die aus eigenem Antrieb an der Invasion des südlichen Israels teilnahmen.
KI-gestützte Jagd: Gesichtserkennung und digitale Spuren
cluster (priority): News18
Die Identifizierung der Täter gleicht einer digitalen Rekonstruktion des gesamten Tages. Laut News18 stützt sich die Kampagne massiv auf Überwachungstechnologie, abgefangene Kommunikation und digitale Beweise, die die Angreifer selbst hinterlassen haben.
Das Vorgehen ist systematisch:
Visuelle Analyse: Geheimdienstmitarbeiter analysieren Videos von Mobiltelefonen und GoPros, die von den Militanten während der Angriffe aufgenommen und in sozialen Netzwerken hochgeladen wurden.
Biometrie: Gesichtserkennungssoftware gleicht diese Aufnahmen mit Datenbanken ab, um Identitäten festzustellen.
Metadaten: Mobilfunkdaten und Funkzellenabfragen werden genutzt, um die Bewegungen der Beteiligten zu tracken.
Interrogationen: Verhöre von im Gazastreifen festgehaltenen Gefangenen ergänzen das digitale Bild.
Um eine Fehlentscheidung zu vermeiden, haben die israelischen Behörden eine strikte Beweislast festgelegt. Ein Individuum wird erst dann für eine gezielte Operation markiert, wenn mindestens zwei unabhängige Beweisstücke vorliegen, die die Person am Tatort eines der Gräueltaten vom 7. Oktober platzieren. Sobald diese Schwelle erreicht ist, erfolgt die Markierung für die Eliminierung – oft ohne vorherigen Prozess.
Von Traktorfahrern bis zu Nukhba-Kommandanten
Israels geheimer Plan für Irans nächsten Anführer – und warum er am ersten Tag scheiterte
Die operative Umsetzung der NILI-Liste zeigt, dass für die israelischen Geheimdienste keine Zeitverjährung existiert. Ein bezeichnendes Beispiel, das The Times of Israel anführt, ist der Fall eines Mannes aus Gaza, der gefilmt wurde, wie er während des ersten Angriffs mit einem Traktor den Grenzzaun durchbrach. Fast zwei Jahre später wurde er durch einen israelischen Luftschlag getötet, während er eine schmale Stadtstraße entlangging.
Dieser Fall unterstreicht die Doktrin der Einheit: „kein Teilnehmer wird als zu unbedeutend erachtet“. Die Jagd erstreckt sich gleichermaßen auf die operative Elite. So wurde kürzlich Ali Sami Muhammad Shakra eliminiert, ein Zugskommandant der Elite-Nukhba-Einheit der Hamas, der an der Entführung mehrerer Geiseln aus einem Straßenschutzbunker nahe Re’im beteiligt war.
Besonders prominent war die Eliminierung von Izz al-Din al-Haddad, dem Chef der Hamas im Gazastreifen und einem der letzten hochrangigen Militärkommandanten, die mit dem 7. Oktober in Verbindung standen. Er wurde letzte Woche bei einem Luftschlag getötet; seine Beisetzung fand am 16. Mai 2026 in Gaza-Stadt statt.
Geopolitische Reichweite und die Logik der Vergeltung
cluster (priority): The Jerusalem Post
Die Operation NILI ist nicht auf den Gazastreifen beschränkt. Die Jagd hat eine regionale Dimension angenommen, die bis nach Beirut und Teheran reicht. Laut Berichten von Firstpost wurden so auch hochrangige Hamas-Planer im Ausland ausgeschaltet, darunter Saleh al-Arouri im Januar 2024 in Beirut sowie der politische Chef der Hamas, Ismail Haniyeh, Monate später in Teheran.
Hinter diesen Operationen steht eine tief verwurzelte psychologische Komponente. Michael Milstein, ein ehemaliger hochrangiger israelischer Militärgeheimdienstoffizier für palästinensische Angelegenheiten, analysiert dies als kulturelle Notwendigkeit in der Region:
„Rache ist ein wichtiger Teil des Diskurses im Nahen Osten. Es geht darum, wie ernst man einen in seinem Umfeld nimmt. Unglücklicherweise ist dies die Sprache dieser Nachbarschaft.“
Michael Milstein, ehemaliger Militärgeheimdienstoffizier
Interne Quellen belegen zudem, dass die Priorisierung der Ziele oft emotional gesteuert ist. Ein Sicherheitsbeamter beschrieb die gezielte Tötung von Terroristen, deren Tod den Familien der Opfer Trost spenden würde, als eine Art „Behandlung für die Seele“.
Status quo unter dem Waffenstillstand
Trotz des seit Oktober bestehenden Waffenstillstands im Gazastreifen wurde die Kampagne nicht beendet. Die Struktur der Taskforce hat sich jedoch gewandelt. Während die Einheit anfangs massiv aufgestellt war, wurde sie inzwischen auf eine kleine Anzahl von Operativen reduziert. Diese fungieren nun primär als Informationsknotenpunkt, die präzise Zieldaten an die Kommandeure weitergeben, die für die Operationen in Gaza verantwortlich sind.
Die politische Führung sieht das Ziel in greifbarer Nähe. Premierminister Benjamin Netanyahu erklärte kürzlich, Israel sei „nah daran, die Eliminierung der Verantwortlichen abzuschließen“, um sicherzustellen, dass Gaza „nie wieder eine Bedrohung“ für den Staat Israel darstelle.
Die Operation NILI markiert einen Wendepunkt in der israelischen Sicherheitsstrategie. Weg von rein reaktiven Maßnahmen, hin zu einer algorithmisch gesteuerten, lebenslangen Verfolgung jedes Beteiligten. Für die Betroffenen bedeutet dies, dass die digitale Spur des 7. Oktober zu einem dauerhaften Todesurteil geworden ist, das unabhängig von Friedensverträgen oder geografischen Grenzen vollstreckt wird.
Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.
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