Indiens Wirtschaft wuchs im abgelaufenen Quartal um 7,8 Prozent, angetrieben von starker Inlandsnachfrage und einem deutlichen Anstieg der Investitionen.
Wachstumsschub im ersten Quartal und veränderte Investitionsdynamik
Die indische Wirtschaft verzeichnet weiterhin ein beachtliches Tempo. Wie aus offiziellen Daten vom Montag hervorgeht, wuchs das Bruttoinlandsprodukt in dem im Juni beendeten Quartal um briskante 7,8 Prozent. Getragen wurde dieser Aufschwung vor allem durch das verarbeitende Gewerbe, den Bausektor sowie den Dienstleistungssektor, während die private Inlandsnachfrage eine verlässliche Stütze blieb.
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung bei den Investitionen. Die Bruttoanlageinvestitionen als Indikator für Staats- und Unternehmensausgaben kletterten um 11,9 Prozent auf ein Rekordhoch und machen mittlerweile etwas mehr als ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung aus. Soumya Kanti Ghosh, Chefökonom der State Bank of India, erklärte in einer Analyse, dass im Hintergrund zahlreiche Investitionen stattfinden, die jedoch kein Großprojektvolumen aufweisen und daher nicht mit dramatischen Ankündigungen einhergehen. Der private Sektor habe in den vergangenen Jahren massiv in erneuerbare Energien und Rechenzentren investiert.
Staatliche Infrastrukturprojekte und steigende Unternehmenskredite
Während die Privatwirtschaft allmählich Fahrt aufnimmt, hat in den vergangenen Jahren vor allem der Staat die wirtschaftlichen Lasten getragen. Die staatlichen Investitionen (Capex) im laufenden Fiskaljahr bis März 2027 haben sich im Vergleich zu den Jahren 2014 bis 2015 mehr als versechsfacht und belaufen sich auf 12,2 Billionen Rupien beziehungsweise 128 Milliarden US-Dollar, um den Bau von Straßen, Häfen und Brücken voranzutreiben.
Parallel dazu zeigen sich auch bei den Unternehmen neue Investitionsbereitschaften. Die Bankkredite an Industrie und Dienstleistungen zogen zuletzt an. Die Kreditvergabe an mittlere Unternehmen stieg im Juli auf den Rekordwert von 4,8 Billionen Rupien beziehungsweise 50,4 Milliarden US-Dollar, was einem Zuwachs von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat entspricht, wie Daten der Reserve Bank of India belegen. Große Konzerne wie Tata Steel Ltd. und die Adani Group haben in den vergangenen Monaten Investitionspläne angekündigt, die von der verarbeitenden Industrie bis hin zur Energie- und Infrastrukturbranche reichen.
Sektoren im Überblick und Einschätzungen von Analysten
- Verarbeitendes Gewerbe: Wuchs um 9,2 Prozent nach 7,3 Prozent im Vorquartal.
- Bausektor: Verzeichnete ein Wachstum von 7,7 Prozent.
- Energiewirtschaft: Legte um 8,9 Prozent zu.
- Dienstleistungen: Blieben der stärkste Sektor mit einem Anstieg von 10 Prozent, angeführt von Finanz-, Immobilien-, IT- und professionellen Dienstleistungen mit einem Plus von 12,1 Prozent.
- Exporte: Stiegen im Vergleich zum März-Quartal um 12 Prozent (zuvor 3,7 Prozent).
Angesichts dieser Kennzahlen haben Beobachter ihre Prognosen angepasst. Die Analysten Upasana Chachra und Bani Gambhir von Morgan Stanley hoben ihre Wachstumserwartung für das gesamte Fiskaljahr auf 7,3 Prozent an und verwiesen darauf, dass die Stärke in Produktion und Investitionen zu der Einschätzung passt, dass Indien vor einem neuen Investitionszyklus steht. Auch Soumya Kanti Ghosh erhöhte seine Jahresprognose um 70 Basispunkte auf 7,3 Prozent.
Herausforderungen auf dem Weg zur Industrienation
Trotz der robusten Dynamik mahnen Experten zur Vorsicht. Der Anteil der Produktion an der Gesamtwirtschaft liegt derzeit bei 17 Prozent und damit weiterhin unter dem von Premierminister Narendra Modi ausgegebenen Ziel von 25 Prozent. Um dem Ziel näher zu kommen, Millionen neuer Arbeitskräfte für die junge Bevölkerung zu beschäftigen und die sogenannte Falle des mittleren Einkommens zu umgehen, muss das Land nach Ansicht von Ökonomen das hohe Tempo über die nächsten zwei Jahrzehnte halten.

Zudem steht die Geldpolitik vor einem Balanceakt. Während die starken Konjunkturdaten der Reserve Bank of India mehr Spielraum im Kampf gegen die Inflation geben, warnen Marktbeobachter vor verfrühten Zinsschritten. Debopam Chaudhuri von der Piramal Group gab zu bedenken, dass die privaten Investitionen erst kürzlich wieder begonnen haben anzuziehen. Die Erholung sei noch in einer frühen Phase und benötige ein unterstützendes finanzielles Umfeld, um aus eigener Kraft tragfähig zu werden.
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