Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) meldet für das Jahr 2026 einen außergewöhnlich starken Befall durch den Eichenprozessionsspinner in der Schweiz. Die giftigen Raupen breiten sich in deutlich mehr Regionen aus als in den Vorjahren, wobei insbesondere in Schaffhausen und Zürich bereits weite Waldgebiete betroffen sind.
Was vor zwei Jahren noch als punktuelles Problem galt, hat sich zu einer flächendeckenden Belastung entwickelt. Während im Jahr 2024 lediglich vereinzelte Spitaleinlieferungen, etwa in Rünenberg BL, verzeichnet wurden, ist die Situation im Juni 2026 dramatisch eskaliert. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) berichtet von einer massiven Zunahme an Befallsmeldungen und Beratungsanfragen.
Besonders kritisch ist die Lage in der Ostschweiz. Hier ist erstmals ein gesamtes Waldstück über mehrere Hektaren hinweg befallen. Die Ausbreitung folgt keinem Zufallsmuster, sondern konzentriert sich auf gut besonnte Eichen in Siedlungsräumen und entlang von Waldrändern.
Die Ausbreitung in Schaffhausen und dem Mittelland
Der Kanton Schaffhausen steht derzeit im Zentrum der Beobachtungen. Lokale Forstdienste und kantonale Beamte haben eine systematische Suche nach Gespinstnestern eingeleitet, wobei ein besonderer Fokus auf stark frequentierten Orten wie Waldspielplätzen und Grillstellen liegt.
Die Liste der betroffenen Gemeinden wächst stetig:
Schaffhausen: Bestätigte Vorkommen in Gächlingen, Siblingen, Löhningen sowie Neunkirch und Trasadingen.
Zürich: In Bülach war unter anderem ein Freibad betroffen.
Bern: In der Gemeinde Münsingen besteht der Verdacht auf einen Befall.
Freiburg: Ein Auftreten wurde in Schmitten gemeldet.
Die Geschwindigkeit der Ausbreitung ist bemerkenswert. Laut der Schaffhauser Nachrichten wurden vorsorglich bereits mehrere Wanderwegabschnitte gesperrt, darunter die Gebiete Birchbühl, Pflumm und Aachbühl bis Buechebrunne. Umleitungen wurden vor Ort signalisiert, um Wanderer aus den Gefahrenzonen zu leiten.
Klimatische Faktoren hinter dem Rekordbefall
Photo: Schaffhauser Nachrichten
Die aktuelle Massenvermehrung ist kein biologischer Zufall. Ein wesentlicher Treiber war der trockene und warme Frühling, der insbesondere im April ideale Bedingungen schuf. Die frisch geschlüpften Raupen fanden reichlich junge Eichenblätter vor und konnten sich ungehindert entwickeln.
In Schaffhausen hielt dieser Trend über mehrere Jahre an, was die aktuelle Explosion der Population begünstigte. Da der Eichenprozessionsspinner eine wärmeliebende Schmetterlingsart ist, profitiert er direkt vom Klimawandel. Steigende Durchschnittstemperaturen ermöglichen es der Art, in Regionen vorzudringen und in einer Anzahl aufzutreten, die in der Nordalpenregion bisher untypisch war.
Die gesundheitlichen Risiken der Brennhaare
Unersättliche Raupen – Wenn ein Weichtier einen ganzen Wald vernichtet
Die Gefahr geht nicht vom Biss der Raupe aus, sondern von ihren spezialisierten Brennhaaren. Diese entwickeln sich ab dem dritten Larvenstadium, etwa im Mai und Juni. Die Haare enthalten das Nesselgift Thaumetopoein sowie das schmerzauslösende Kallikrein.
Die Risiken steigen mit dem Alter der Raupe. Bis zum sechsten und letzten Larvenstadium nehmen sowohl die Länge als auch die Anzahl der Brennhaare zu. Eine erwachsene Raupe kann mehr als 600.000 dieser giftigen Haare besitzen.
Besonders tückisch ist die Übertragungsweise. Man muss die Tiere nicht berühren, um Symptome zu entwickeln. Ein einfacher Windstoß kann die feinen Haare über mehrere hundert Meter verteilen. Zudem bleiben die Haare über mehrere Jahre hinweg giftig, sodass auch alte Nester eine Gefahr darstellen.
Die Symptome variieren je nach Empfindlichkeit:
Experten raten bei einem Ausschlag dazu, die betroffenen Stellen mit Wasser abzuwaschen. Rubbeln oder Kratzen muss unbedingt vermieden werden, da die Haare sonst tiefer in die Haut eindringen.
Maßnahmen und Bekämpfungsstrategien
Die Bekämpfung im Wald gestaltet sich schwierig. In bewaldeten Gebieten beschränkt sich die Reaktion meist auf die Absperrung befallener Zonen. Eine aktive Bekämpfung ist dort aktuell nicht möglich. Erst an Waldrändern, wo ohnehin gemäht wird, kommen Absaug- oder Abkratzverfahren zum Einsatz.
Im Siedlungsgebiet ist die Strategie aggressiver: Nester werden hier in der Regel konsequent entfernt. Aufgrund der notwendigen Schutzausrüstung dürfen diese Arbeiten jedoch nur von spezialisierten Firmen, dem Forstdienst oder der Feuerwehr durchgeführt werden.
Es muss daher erwartet werden, dass die gesundheitlichen Risiken gegen den Sommer hin weiter zunehmen.
Kantonsforstamt Schaffhausen
Die kritische Phase dauert bis zur Verpuppung der Raupen, die voraussichtlich Ende Juni erfolgt. Danach verlieren die Falter ihre giftigen Brennhaare. Bis dahin bleibt die Warnung an die Bevölkerung bestehen: Eichen sorgfältig auf Gespinste prüfen, befallene Bereiche weiträumig meiden und Funde umgehend an den lokalen Forstdienst oder kantonale Waldschutzbeauftragte melden.
Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.
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