Die finnische Polizei ermittelt wegen des Verdachts auf Umweltdelikte gegen eine Google-Tochtergesellschaft. Grund dafür ist die ungenehmigte Rodung von Hunderttausenden Bäumen und massiver Flächeneingriffe für geplante Rechenzentren in Nordfinnland, die im Oktober 2026 zu behördlichen Baustopps und scharfer Kritik führten.
Ermittlungen gegen Tuike Finland und behördliche Baustopps
Die finnischen Behörden gehen den Vorfällen im ländlichen Nordfinnland inzwischen strafrechtlich nach. Wie die Polizei am Donnerstag, den 29. Oktober 2026, mitteilte, hat die zuständige Untersuchung der Umweltdelikte begonnen. Im Fokus stehen dabei die Aktivitäten der Google-Tochter Tuike Finland Oy, die auf künftigen Rechenzentrums-Arealen umfangreiche Eingriffe vorgenommen hat.
Bereits am 6. Oktober hatte die finnische Aufsichtsbehörde LVV angeordnet, die Vorbereitungen an den Standorten sofort einzustellen. Laut den behördlichen Anordnungen zur Arbeitseinstellung waren die geforderten Umweltverträglichkeitsprüfungen vor den massiven Erdarbeiten nicht abgeschlossen worden. Die Ermittlungen konzentrieren sich vor allem auf Mängel beim Abwasser- und Baustellenmanagement.

Die finnische Aufsichtsbehörde (LVV), welche die Aufsicht über Umweltgenehmigungen und -bewertungen innehat, ordnete am 6. Oktober an, dass Tuike Finland jegliche vorbereitenden Maßnahmen einstellen muss, die die Umwelt an den Standorten Muhos sowie dem etwa 100 Kilometer südöstlich gelegenen Otanmäki verändern.
Tommi Muilu, Leiter der Umweltabteilung bei der finnischen Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde, erklärte in einer Pressemitteilung, dass die Maßnahmen nach Auffassung der Behörde die Umwelt verändern und Auswirkungen hervorrufen würden, deren Identifizierung und Bewertung zu den Hauptzielen des UVP-Verfahrens gehören. Die Behörde setzte dem Projektunternehmen der Google-Tochter, Tuike Finland Oy, eine Frist bis zum 23. Oktober zur vollständigen Einstellung der bedeutenden vorbereitenden Arbeiten.
Ausmaß der Rodungen in Muhos und Otanmäki
Die Dimensionen der Waldflächenräumungen haben im ganzen Land für Bestürzung gesorgt. Im Gebiet der Gemeinde Muhos wurden etwa 330 Hektar Land bearbeitet, während in Otanmäki fast 200 Hektar betroffen waren. Naturschützer schätzen, dass dabei allein in Muhos rund 250.000 Bäume gefällt wurden; in Otanmäki kamen schätzungsweise 150.000 weitere Bäume hinzu. Insgesamt wurden damit schätzungsweise 400.000 Bäume auf einer Fläche von mehr als 500 Hektar entfernt.
Die beauftragten Bagger entfernten an manchen Stellen sogar die oberste Bodenschicht, wodurch braunes Schmutzwasser in umlaufende Bäche und Flüsse geriet, die den Oulujoki speisen. Weil die Rodungen vor Abschluss der gesetzlich vorgeschriebenen Verfahren stattfanden, darf das geschlagene Holz nach Angaben von Umweltverbänden nicht an holzverarbeitende Betriebe verkauft werden.
Hanna Halmeenpää, die Vorstandsvorsitzende des Finnischen Naturschutzbundes (SLL), äußerte gegenüber den Medien, dass sie das Ausmaß der Rodungen zunächst nicht glauben konnte, da ihr ein solcher Vorgang von keinem anderen Unternehmen in Finnland jemals zuvor zu Ohren gekommen war. Sie kritisierte das Vorgehen als pure Arroganz und erklärte, dass der Konzern das große Land einfach gekauft und ohne Umschweife mit dem Schlagen begonnen habe. Auch die Ökologin Mari Annala vom finnischen Naturschutzbund zeigte sich bei der Betrachtung von Drohnenaufnahmen fassungslos über die entwaldeten Flächen. Vesa Hyyryläinen, ein weiterer Vertreter der Organisation SLL, wies darauf hin, dass die im umliegenden Wald heimische Tierwelt, darunter brütende Spechte, vertrieben worden sei.

Entschuldigung des Unternehmens und Reaktionen vor Ort
Google-Landeschef Antti Järvinen räumte die Fehler ein und sprach eine Entschuldigung aus. Das Unternehmen betonte jedoch, man habe in gutem Glauben gehandelt.
Wir haben in gutem Glauben im Rahmen des Forstgesetzes gehandelt, Naturprüfungen durchgeführt und Maßnahmen zum Schutz schützenswerter Gebiete ergriffen.
Antti Järvinen, Finnland-Chef von Google, über Tuike Finland
Lokale Anwohner reagierten fassungslos auf das Vorgehen des Technologiekonzerns. Ein Einwohner aus Muhos kritisierte das Vorgehen scharf als amerikanische Art ohne jeden Sinn. Zudem berichteten Anwohner, dass durch den Verlust des Lebensraums Wildtiere wie Wölfe in die Nähe von Dörfern getrieben wurden.
Anni Ranta, eine Anwohnerin aus Otanmäki, deren Familie seit Generationen in dem Ort lebt, berichtete, dass Wölfe in das Dorf gekommen seien, weil sämtliche Wildtiere aus dem Wald geflüchtet waren. Ein weiterer Einwohner namens Antti Jakonen kritisierte, dass das Vorgehen amerikanischer Art ohne Sinn sei, und forderte das Unternehmen auf, bei der Wiederherstellung der lokalen Lachspopulation zu helfen, die Jahre zuvor durch Wasserkraftprojekte zerstört worden war. Als Reaktion auf die Kritik kündigte Google an, auf einer Fläche von 130 Hektar in Muhos Baumpflanzungen durchzuführen und die Landschafts- sowie Biodiversitätspläne voranzutreiben.
Das Milliarden-Investment und die politische Debatte in Finnland
Die Vorfälle belasten die politische Führung des Landes, die den Ausbau der Digitalinfrastruktur massiv unterstützt. Die betroffenen Standorte sind Teil eines geplanten Investitionsprogramms von Google im Wert von 13 Milliarden Euro in künstliche Intelligenz und Rechenzentren in Finnland. Premierminister Petteri Orpo hatte die Vereinbarungen im September als strategisch wichtig bezeichnet, bezeichnete die Ereignisse in Muhos im Nachhinein jedoch als kalte Dusche.
Kritiker wie Jussi Kangasharju, Professor für Informatik an der Universität Helsinki, bezweifeln den gesamtwirtschaftlichen Nutzen solcher Großprojekte für die lokale Bevölkerung, da die Anlagen primär internationale Kunden bedienen. Begleitet wird die Debatte von einer landesweiten Petition, die bereits mehr als 93.000 Unterschriften zählt und strengere Regeln sowie eine Ausgleichsabgabe für Umweltschäden fordert. Das Thema dürfte im Vorfeld der Parlamentswahlen im kommenden April eine zentrale Rolle spielen.

Premierminister Petteri Orpo hatte im September bei der Bekanntgabe des Großinvestments erklärt, dass Finnland ein attraktives Ziel für Investitionen bleibe und die Entscheidung von Google ein klares Zeugnis für die Stärken des Landes darstelle. Neben der direkten Zusammenarbeit mit der nationalen finnischen Stromübertragungseinrichtung Fingrid und der Regierungsagentur Business Finland hat Google zudem einen langfristigen Vertrag über 22 Jahre mit dem Energiekonzern Fortum geschlossen, um die Laufzeit des Atomkraftwerks Loviisa zu verlängern, welches rund zehn Prozent des finnischen Stroms liefert. Trotz dieser wirtschaftlichen Verknüpfungen hat die Affäre um die zerstörten Wälder eine heftige gesellschaftliche Debatte über die massiven Rechenzentrumsprojekte im Land ausgelöst.
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