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Gesundheit

Chronische Nierenkrankheiten bleiben in Deutschland oft jahrelang unbemerkt

Chronische Nierenkrankheiten verlaufen oft jahrelang unbemerkt und bleiben in Deutschland laut einer Auswertung von Blut- und Urinproben der NAKO-Studie durch das Universitätsklinikum Freiburg weitgehend undiagnostiziert, obwohl Millionen Menschen betroffen sind und moderne Therapien das Fortschreiten der Schäden bremsen könnten.

Nierenerkrankungen beginnen schleichend und bleiben über lange Zeit völlig symptomlos, wie Experten betonen. Wer von einem Funktionsverlust betroffen ist, spürt davon im Alltag meist nichts, da die Nieren ihre lebenswichtigen Aufgaben wie die Blutreinigung und Harnproduktion unauffällig verrichten. Typische Beschwerden wie Übelkeit, Appetitmangel oder Herz-Kreislauf-Probleme zeigen sich nach Angaben aus der medizinischen Fachberichterstattung erst dann, wenn das Organ bereits schwer geschädigt ist und eine Dialyse oder Spenderniere erforderlich werden kann.

Millionen Betroffene in Deutschland und eine hohe Dunkelziffer bei CKD

Etwa zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden schätzungsweise an einer chronischen Nierenkrankheit, wobei die Tendenz laut einem Artikel der WELT steigt. Bundesweit sind nach diesen Angaben bereits 100.000 Menschen auf eine regelmäßige Blutwäsche angewiesen, während weitere 20.000 mit einer Spenderniere leben. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt zudem, dass weltweit fast 700 Millionen Menschen von der Erkrankung betroffen sind. Allein in Deutschland beziffert die Epidemiologin Anna Köttgen die Zahl der Betroffenen auf etwa 8 Millionen.

Wie groß die Lücke in der Diagnose ist, verdeutlicht eine Untersuchung im Rahmen der NAKO-Studie. Ein Team um Anna Köttgen und Peggy Sekula vom Institut für Epidemiologie und Prävention am Universitätsklinikum Freiburg wertete die Blutproben von 195.000 Erwachsenen sowie die Urinproben von 35.000 dieser Teilnehmer aus. Das mittlere Alter der untersuchten Personen lag bei 50 Jahren. Unter Einbeziehung der besonders aussagekräftigen Harnuntersuchungen zeigte sich, dass gut jeder Sechste beziehungsweise 18,4 Prozent auffällige Werte aufwiesen, die auf eine Nierenerkrankung hindeuten.

Von diesen Personen gaben jedoch lediglich fünf Prozent an, jemals eine entsprechende Diagnose erhalten zu haben. Die weitaus meisten Betroffenen ahnten demnach nichts von ihrer Erkrankung, was die Studienleiterin auf eine mangelhafte Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten hinweist und im Deutschen Ärzteblatt International veröffentlicht wurde.

Demografie und hohe Kosten im Gesundheitssystem

Für eine gesicherte Diagnose einer chronischen Nierenkrankheit reichen einmalige Messungen nicht aus; die Werte müssen laut den Fachleuten über mindestens drei Monate hinweg auffällig bleiben. Die Niere selbst leistet im gesunden Zustand Enormes: Sie produziert täglich rund 180 Liter Primärharn, von dem der Körper 178 Liter wieder aufnimmt.

Angesichts der demografischen Entwicklung und des steigenden Anteils älterer Menschen in der Bevölkerung gewinnt die Früherkennung stark an Bedeutung. Eine späte Behandlung zieht nicht nur erhebliche gesundheitliche Belastungen für die Patienten nach sich, sondern verursacht auch enorme Kosten. So schlug allein die Versorgung von Patienten mit chronischen Nierenkrankheiten in Deutschland im Jahr 2020 mit Gesundheitskosten von mehr als 24 Milliarden Euro zu Buche, was etwa fünf Prozent der damaligen Gesamtausgaben entsprach wie die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie mitteilte.

Unbekannte Ursachen und globale Risiken bei CKDu

Neben den klassischen Verläufen gibt es weltweit eine rätselhafte Epidemie von Nierenerkrankungen, die sich nicht durch herkömmliche Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck oder Infektionen erklären lässt. Diese Form wird als chronische Nierenkrankheit ungeklärter Ursache, Mesoamerikanische Nephropathie oder CKD nontraditionellen Ursprungs bezeichnet nach Angaben des National Institute of Environmental Health Sciences.

Die tückische Erkrankung trifft vor allem landwirtschaftliche Arbeiter in heißen und feuchten Regionen wie Mittelamerika, Sri Lanka und Indien. Sie gilt als progressiver und fataler Funktionsverlust der Nieren, der in den letzten fünf Jahren mit mehr als 20.000 Todesfällen in Verbindung gebracht wurde. Mit steigenden globalen Temperaturen sind landwirtschaftliche Arbeitskräfte, die anhaltender Hitzestressbelastung ausgesetzt sind, möglicherweise noch stärker gefährdet.

Forschungsansätze und Umwelteinflüsse im Fokus

Wissenschaftler untersuchen derzeit intensiv, welche Rolle Umweltfaktoren, genetische Einflüsse und berufliche Belastungen bei der Entstehung dieser Sonderformen spielen.

Chronische Nierenkrankheiten bleiben in Deutschland oft jahrelang unbemerkt
Photo: niehs.nih.gov
  • Früher Beginn: Untersuchungen von Biomarkern im Urin von Jugendlichen in Nicaragua deuten darauf hin, dass Nierenschäden möglicherweise bereits in der Kindheit oder vor dem Eintritt in die landwirtschaftliche Arbeit entstehen können laut geförderten Studien des National Institute of Environmental Health Sciences.
  • Hitzestress und Dehydration: Bei Zuckerrohrarbeitern in Guatemala und Nicaragua zeigten sich akute Nierenverletzungen unter intensiven Hitzebedingungen. Zwar wirkt ausreichende Hydratation schützend, sie konnte jedoch nicht sämtliche Verletzungen verhindern.
  • Schadstoffbelastung: In ländlichen Regionen prüfen Forscher Zusammenhänge zwischen einer Belastung durch toxische Schwermetalle wie Cadmium und Arsen und dem Auftreten von Nierenerkrankungen.
  • Großangelegte Studien: Die Agricultural Health Study untersucht als weltweit größte Studie zu Landwirten und deren Familien in Iowa und North Carolina zusammen mit Gesundheitsbehörden mögliche gesundheitliche Spätfolgen durch Pestizide wie das National Institute of Environmental Health Sciences berichtet.

Experten betonen, dass moderne Behandlungsstrategien das Fortschreiten von Nierenschäden häufig bremsen können, sofern die Diagnose rechtzeitig gestellt wird. Angesichts hoher Dunkelziffern und neuer Risikofaktoren bleibt die frühzeitige Erkennung der entscheidende Schlüssel, um schwerwiegende Folgeschäden zu verhindern.

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Dr. Lena Hartmann

Über den Autor

Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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