Lateinamerikanische Kartelle nutzen zunehmend günstige kommerzielle Drohnen für Schmuggel, Territorialüberwachung und tödliche Angriffe. Laut einem Bericht der NGO ACLED verzeichnete die Region seit 2018 rund 670 Drohnenvorfälle. Kolumbien, Mexiko und Brasilien entwickeln sich dabei zu den Hauptschauplätzen einer rasanten kriminellen Aufrüstung, auf die Regierungen mit neuen Sicherheitsmaßnahmen reagieren.
Kriminelle Organisationen in Lateinamerika haben Drohnen längst von einfachen Schmuggelwerkzeugen in hochfunktionale Waffen verwandelt. Was einst als unkomplizierter Ersatz für Brieftauben an Gefängnismauern begann, hat sich zu einem regionenweiten technologischen Wettrüsten ausgeweitet. Kriminelle Innovationen überholen dabei jede staatliche Regulierung, da die kommerziellen Geräte online frei erhältlich sind und von Banden problemlos für Angriffe oder Überwachungszwecke angepasst werden.
Kolumbien und Mexiko als Epizentren der Drohnenkriegsführung
Die Sicherheitslage in Ländern wie Kolumbien und Mexiko zeigt, wie tiefgreifend die unbemannten Flugobjekte die Taktiken bewaffneter Gruppen verändert haben. Laut einem aktuellen Bericht des Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED-Bericht) hat es seit dem Jahr 2018 rund 670 Drohnenvorfälle in Lateinamerika gegeben. Rund drei Viertel dieser Zwischenfälle ereigneten sich allein im laufenden Jahr.
Mit 368 registrierten Vorfällen führt Kolumbien die Statistik an und gilt als regionales Labor für Drohnen-Innovationen, gefolgt von Mexiko mit 272 und Brasilien mit 16 Fällen. Während in Kolumbien vor allem Dissidenten der FARC und die ELN Drohnen verwenden, um Sicherheitskräfte anzugreifen, ist in Mexiko vor allem das Sinaloa-Kartell aktiv. Die meisten Zwischenfälle konzentrieren sich auf ländliche Regionen in der Nähe von Kokaanbaugebieten und wichtigen Drogenhandelsrouten.
Spezialisierte Einheiten und Drohneneinsatz durch das CJNG in Mexiko
In Mexiko hat das kriminelle Wettrüsten besonders militärische Züge angenommen. Das Jalisco Cartel New Generation (CJNG) geht dabei so systematisch vor, dass es eine eigene Abteilung für den unbemannten Luftverkehr unterhält.
„Drones serve multiple functions, including intelligence, surveillance, and reconnaissance, as well as command and control in clashes between cartels, against Mexican state forces, or even against self-defense groups. They have also been used for aerial bombings, direct attacks, and propaganda or psychological warfare operations,“
Robert Bunker, co-founder of the Small Wars Journal
Das CJNG verfügt über eine spezialisierte Einheit namens „Drone Operators“, die auf Drohnenkriegsführung spezialisiert ist. Die Mitglieder tragen entsprechende Aufnäher mit ihrem Namen und Insignien und demonstrieren ihre Fähigkeiten über soziale Medien. Der Einsatz von improvisierten Sprengsätzen, die von Drohnen abgeworfen werden, konzentriert sich vor allem auf die mexikanischen Bundesstaaten Michoacán, Chihuahua und Guanajuato.”
Vom Gefängnisschmuggel zur öffentlichen Waffe
Die Nutzung aus der Luft begann nach Angaben des Thinktanks InSight Crime ursprünglich im Verborgenen. Drohnen wurden in Brasilien und anderen Ländern eingesetzt, um Schmuggelware über Gefängnismauern zu transportieren und frühere Schmuggelmethoden abzulösen. Dabei gelangten Waffen, Rauschgift, Lebensmittel, Alkohol und Mobiltelefone in die Justizvollzugsanstalten.
Die Behörden verzeichnen seit Jahren massive Beschlagnahmungen. So fing die Polizei bereits 2014 am São José dos Campos Provisional Detention Center eine Drohne mit 250 Gramm Kokain ab. Im Jahr 2019 stellte die Polizei im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul 43 Drohnen sicher, die für den Transport von vier Kilogramm Betäubungsmitteln und 68 Mobiltelefonen genutzt worden waren. Auch in Panama meldete das Ministerium für öffentliche Sicherheit für das Jahr 2023 die Beschlagnahme von 1.587 Drohnen an Haftanstalten. Die Korruption im Vollzug treibt diese Praxis zusätzlich an: Im Dezember 2021 wurden sieben Bedienstete des kolumbianischen Gefängnisinstituts INPEC strafrechtlich verfolgt, weil sie den Schmuggel via Drohne in einem Gefängnis im Norden des Landes unterstützt hatten.
Gegenmaßnahmen von Regierungen und neue Bedrohungen
Angesichts der rasanten Entwicklung versuchen Regierungen in ganz Lateinamerika, mit Anti-Drohnen-Systemen und verstärkter Überwachung nachzurüsten. Während Kolumbien und Mexiko mit Unterstützung der USA an technischen Abwehrlösungen arbeiten, treiben politische Veränderungen in der Region ebenfalls neue Strategien voran. In Kolumbien kündigte der neue Präsident Abelardo De La Espriella an, die Sicherheitskräfte im Kampf gegen den Drogenhandel zu modernisieren und dabei auch auf Drohnentechnologie zu setzen, wie die Berichterstattung des ORF zeigt.

Wie gefährlich die Situation ist, zeigt die Drohung von Gangboss Jimmy Chérizier, genannt „Barbecue“, in Port-au-Prince in Haiti. Nach einem behördlichen Razzia-Einsatz kündigte er Vergeltung mit Sprengstoffdrohnen an.”
„You have used explosive-laden drones to kill me, I can use explosive-laden drones to kill anyone in the country,“
Jimmy Chérizier, gang leader
In Haiti beispielsweise führte der Einsatz von Polizeidrohnen nach Angaben von Beobachtern zum Tod zahlreicher Zivilisten, was die Brisanz des unregulierten Luftraums in Krisengebieten weiter verschärft.
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