Nach einem fünfwöchigen Mordprozess berät die Jury im Fall Lindsay Clancy weiter über ein Urteil. Zwölf Geschworene in Massachusetts sind sich uneinig über die Vorwürfe des dreifachen Kindsmords im Jahr 2023, während Richter William Sullivan auf eine Entscheidung drängt.
Nach einem wochenlangen Gerichtsverfahren im US-Bundesstaat Massachusetts ringen zwölf Geschworene weiterhin um ein Urteil im Fall Lindsay Clancy. Die 36-jährige ehemalige Pflegekraft wird beschuldigt, ihre drei kleinen Kinder im Januar 2023 im Keller ihres Familienhauses getötet zu haben. Der Prozess hat die Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten tief bewegt und wirft nun die Frage auf, ob das Verfahren in einem Fehlverfahren (Mistrial) enden könnte.
Das Ringen der Jury und die Anweisungen von Richter William Sullivan
Die aus neun Frauen und drei Männern bestehende Jury hat dem Richter an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mitgeteilt, dass sie sich nicht auf eine einstmimmige Entscheidung einigen kann. Nach fünf Tagen der Beratung sandten die Geschworene eine zweite Mitteilung an das Gericht, wonach sie unentschlossen sind. Richter William Sullivan reagierte darauf am Mittwochnachmittag mit einer formellen Anweisung und forderte das Gremium auf, die Beratungen fortzuführen, wobei einige Mitglieder laut Bericht mit frustriertem Gesichtsausdruck reagierten.
It is desired that the case be decided,
Judge William Sullivan told the panel on Wednesday afternoon, after members sent him a second note saying they are undecided after five days.
Unter dem Recht in den USA muss die Jury einen Entschluss einstimmig über jeden Zweifel erhaben (beyond a reasonable doubt
) treffen. Gelingt dies nicht, kann der Richter ein Fehlverfahren erklären, wodurch der Prozess ohne Urteil beendet wird.
Die Kernfrage: Postpartale Psychose oder geplante Tat?
Die Kernfrage: Postpartale Psychose oder geplante Tat?
Die Verteidigung bestreitet nicht, dass Lindsay Clancy ihre Söhne und ihre Tochter getötet hat. Das rechtliche Argument stützt sich jedoch auf eine schwere psychische Erkrankung: Clancy habe zum Tatzeitpunkt an einer postpartalen Psychose gelitten, in deren Verlauf halluzinatorische Stimmen ihr befohlen hätten, die Kinder zu töten. Sie sei daher unfähig gewesen, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.
Die Staatsanwaltschaft widerspricht dieser Darstellung entschieden. Nach Ansicht der Anklage handelte Clancy vorsätzlich und kalkuliert. Als Beleg dafür wird angeführt, dass sie ihren Ehemann kurz vor der Tat aus dem Haus schickte, was auf eine bewusste Planung hindeutet. Unter dem Recht von Massachusetts muss die Staatsanwaltschaft beweisen, dass die Angeklagte trotz ihrer Erkrankung für ihre Taten strafrechtlich verantwortlich war.
Die fünf Optionen der Geschworenen
Nicht schuldig: Eine vollständige Freisprechung gilt Beobachtern zufolge als äußerst unwahrscheinlich, da sie alle Anklagepunkte aufheben würde.
Nicht schuldig wegen Unzurechnungsfähigkeit: Dieses Urteil hätte eine unbefristete Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung zur Folge.
Mord ersten Grades: Setzt den Nachweis von Vorsatz sowie extremer Grausamkeit voraus und zieht eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne Bewährung nach sich.
Mord zweiten Grades: Greift bei Tötungsdelikten mit Bösartigkeit oder extremer Rücksichtslosigkeit ohne vorherige Planung und ermöglicht eine Bewährung nach Verbüßung einer Haftstrafe.
Totschlag: Gilt für unabsichtliche Handlungen oder Kurzschlussentscheidungen ohne Planung und sieht eine Höchststrafe von 20 Jahren pro Anklagepunkt vor.
Aussagen von Elyse Hershon und Heather Cucolo zum Verfahren
Zu den möglichen Strafen erklärte die Strafverteidigerin Elyse Hershon gegenüber der BBC, dass es im Kern darum gehe, wo die Beschuldigte den Rest ihres Lebens verbringen wird. The case really comes down to where she is going to serve the rest of her life; the defence thinks it should be a psychiatric facility, the prosecution thinks it should be in a state prison,
sagte Hershon.
Zur Einordnung der härtesten Verurteilung erklärte Heather Cucolo, eine Professorin an der New York Law School und Expertin für Recht im Bereich psychischer Gesundheit, dass die Geschworenen Clancy für ein solches Urteil im Grunde als a monster in the jury's eyes
ansehen müssten.

Im Falle von Mord zweiten Grades merkte Cucolo an, dass die Geschworenen möglicherweise nicht von einer längerfristigen Planung überzeugt sind, sondern stattdessen annehmen, dass Clancy eine Gelegenheit zur Tatzeit bewusst ergriff. „For this verdict, the jurors may not be convinced that the actions leading up to the murder rose to the level of pre-planned [or] premeditated but that instead, Clancy consciously saw an opportunity to commit the killings at the specified time,“ erklärte Cucolo.
Hinsichtlich des Totschlagsmerkmals fügte Cucolo hinzu, dass diese Option der Jury erlaubt zu akzeptieren, dass die Morde nicht geplant oder kalkuliert waren, sondern Clancy eine spontane Entscheidung traf. This option allows the jury to accept that the murders were not planned or calculated but that instead Clancy made a split-second decision to act,
so Cucolo.
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