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Technik und Wissenschaft

Bewusstsein entsteht nicht im Gehirn

Ein roter Apfel wirkt im Alltag vertraut: Licht trifft auf die Netzhaut, Nervenzellen senden elektrische Signale, das Gehirn verarbeitet Formen und Farben. Doch an irgendeinem Punkt entsteht aus diesen rein physikalischen Reizen das persönliche Erleben von Rot. Dazu kommen Gedanken, Erinnerungen, Schmerz, Angst oder das Gefühl eines eigenen Ichs. Wie aus rund 1,4 Kilogramm Gewebe ein solches inneres Erleben erwächst, kann die Wissenschaft bis heute nicht vollständig erklären.

Christof Koch stellt die Erzeugungstheorie infrage

Christof Koch vom Allen Institute in Seattle beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesem ungelösten Rätsel. Nichts in der Wissenschaft erklärt bislang, wie rund 1,4 Kilogramm Gehirngewebe lieben, hassen, träumen, sich etwas vorstellen, Angst haben oder auf ihre Zukunft hoffen können, fasst Koch das Problem zusammen. Demnach könnte das Gehirn Bewusstsein gar nicht selbst herstellen. Stattdessen gehöre Bewusstsein zu den grundlegenden Eigenschaften der Wirklichkeit, während das Gehirn lediglich bestimme, wie es erlebt wird.

Die Grenzen der Integrated Information Theory

Bereits im Jahr 2016 hatten Koch, Giulio Tononi, Melanie Boly und Marcello Massimini in Nature Reviews Neuroscience die sogenannte Integrated Information Theory (IIT) vorgestellt. Die Theorie besagt, dass Bewusstsein nicht allein aus der Aktivität einzelner Nervenzellen erklärt werden kann. Entscheidend ist vielmehr die Art und Weise der Verschaltung. Informationen müssen sich voneinander unterscheiden lassen und gleichzeitig zu einem Ganzen verbunden bleiben, das sich nicht auf einzelne Bestandteile reduzieren lässt.

Als besonders anschauliches Gegenbeispiel gilt das Kleinhirn. Obwohl es einen enormen Anteil der Nervenzellen des menschlichen Gehirns enthält, verlieren Menschen bei schweren Schäden dort nicht automatisch ihr Bewusstsein. Die Nature-Arbeit verweist laut den Berichten sogar auf einen dokumentierten Fall, in dem das Kleinhirn vollständig fehlte. Die bloße Anzahl an Nervenzellen reicht der Theorie zufolge also nicht aus, um zu erklären, wo Bewusstsein entsteht.

Vom analytischen Idealismus zu neuen Experimenten

Inzwischen geht Koch in seinen Überlegungen noch weiter und beschäftigt sich mit dem analytischen Idealismus. Dieses philosophische Modell betrachtet Bewusstsein nicht als Produkt von Materie, sondern als fundamentale Eigenschaft der Realität. Das Gehirn nähme in diesem Bild die Rolle eines Filters oder Formgebers ein. Eine enge Verbindung zwischen physischem Zustand und Erleben streitet Koch dabei nicht ab: Verletzungen, Krankheiten, Narkosen oder elektrische Stimulation können das Bewusstsein nach wie vor verändern oder komplett ausschalten.

Zu diesem Perspektivwechsel trug laut eigener Schilderung auch ein persönliches Erlebnis an einem Strand bei, bei dem sich für kurze Zeit die Grenze zwischen seiner eigenen Person und der Umgebung auflöste. Koch bezeichnete dies als die bedeutungsvollste Erfahrung meines Lebens, betont jedoch ausdrücklich, dass er darin keinen wissenschaftlichen Beweis sieht.

Die wichtigste Aufgabe für die Zukunft besteht darin, diese Einsichten in empirisch überprüfbare Hypothesen zu übersetzen.

Da der analytische Idealismus bislang keine etablierte naturwissenschaftliche Theorie ist und als metaphysischer Ansatz gilt, gibt es derzeit keinen experimentellen Nachweis für eine Existenz von Bewusstsein unabhängig vom Gehirn. Ob sich aus den neuen Überlegungen konkrete Vorhersagen und testbare Experimente ableiten lassen, bleibt damit die entscheidende Frage für die kommende Forschung.

Bewusstsein entsteht nicht im Gehirn – sondern im Gewebe des Universums?
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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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