Autofahrer in Moskau müssen sich derzeit auf stundenlange Wartezeiten und strenge Abgabemengen einstellen. An zahlreichen Zapfsäulen im Großraum der russischen Hauptstadt reichen die Autoschlangen bis zu einen Kilometer (0,6 Meile) weit, wie Berichte von Reuters-Augenzeugen bestätigen. Viele Stationen blieben gänzlich geschlossen oder boten zeitweise ausschließlich Diesel an.
Kilometerlange Schlangen und leere Zapfsäulen an Moskauer Tankstellen
Die Engpässe treffen die Metropole in einer zweiten Welle einer Krise, die durch hohe saisonale Nachfrage und ukrainische Angriffe auf Ölraffinerien ausgelöst wurde. Während landesweite Versorgungsengpässe, die im Mai zu greifen begannen und im Juli fast alle russischen Regionen erfassten, im Juni in Moskau durch eine Lockerung der Einschränkungen vorübergehend abgefedert werden konnten, berichten Autofahrer nun von chaotischen Zuständen.
Wir waren bereits an fünf Tankstellen und es gab keinen Treibstoff. Letzte Woche gab es noch Sprit, und jetzt ist wieder keiner da. German, Moskauer Einwohner
Taxifahrer schildern die Situation ähnlich drastisch. Um überhaupt noch Treibstoff zu finden, müsse man wahrscheinlich durch die halbe Moskauer Region fahren und selbst dann zwei bis drei Stunden in einer Schlange warten, wie der Taxifahrer Marat gegenüber Medien schilderte. Andere Anwohner wie der Moskauer Artur zeigen sich dagegen optimistisch und gehen davon aus, dass sich die Lage in einer Woche oder zwei wieder normalisiert.
Drohnenangriffe auf Ölraffinerien als Auslöser der Energiekrise
Hintergrund der akuten Versorgungsprobleme ist eine Serie ukrainischer Luftangriffe auf russische Raffinerien. Die gezielten Attacken auf kritische Industrieanlagen zielen darauf ab, Moskaus Kriegsanstrengungen zu schwächen und die Einnahmen aus dem Energiesektor zu reduzieren. Vor dem Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine im Jahr 2022 hatte es keine Drohnenangriffe auf Öleinrichtungen – oder auf irgendwelche Einrichtungen im Landesinneren Russlands – gegeben. Trotz dieser Angriffe hat der Kreml keinen U-Turn vollzogen und setzt den als spezielle militärische Operation bezeichneten Krieg fort.

Die Angriffe beschränken sich dabei längst nicht mehr nur auf den Energiesektor. Auch ukrainische Angriffe auf Distributionszentren von Wildberries – Russlands Pendant zu Amazon – verursachen Störungen für Käufer und wirtschaftliche Schmerzen für Verkäufer. Präsident Wladimir Putin räumte diese Woche ein, dass Angriffe auf Industrieanlagen und Infrastruktur offensichtlich Schaden anrichten, was man sehe und verstehe. Gleichzeitig spielte der Kremlführer die Probleme herunter und betonte, dass es keine kritischen Konsequenzen durch solche Angriffe gegeben habe und gebe, womit kein Grund zur Panik bestehe.
Importe und Qualitätslockerungen als staatliche Gegenmaßnahmen
Um die inländischen Bestände aufzubessern und den Mangel zu bewältigen, greift der Kreml zu drastischen Schritten: Russische Behörden haben Exporte von Benzin und Diesel verbannt, Kraftstoffqualitätsanforderungen gelockert und mit dem Import von Erdölprodukten begonnen. Der russische Vize-Premierminister Alexander Novak bestätigte am Mittwoch, dass Russland – normalerweise ein Nettoexporteur von Treibstoff und Rohöl – mit den Kraftstoffimporten begonnen hat.

Zudem hat die Regierung vorübergehend die Produktion und den Verkauf von minderwertigerem Benzin wie Euro 2 autorisiert, welches schneller herzustellen ist. Euro 2 enthält bis zu 50 Mal mehr Schwefel als moderner Euro-5-Kraftstoff und war in Russland im Jahr 2013 verboten worden.
Für moderne Autos kann der regelmäßige Gebrauch von minderwertigem Benzin den Druck auf die Einspritzdüse, Zündkerzen, O2-Sensoren, den Katalysator und Rußfilter erhöhen. Euro 2 tötet einen Motor nicht bei einer einzigen Betankung. Aber es verringert die Sicherheitsmarge drastisch. Rossiyskaya Gazeta, Regierungszeitung
Ob die behördlichen Maßnahmen ausreichen, um die Schlangen an den Zapfsäulen langfristig aufzulösen, bleibt abzuwarten. Für die Bevölkerung im Alltag ist der Krieg längst greifbar geworden – nicht nur an den Fronten, sondern direkt an den Tankstellen der Hauptstadt.