Während sich die Sicherheitslage verbessert hat, verzeichnen Berichte gravierende Rückschritte bei Frauenrechten, Bildung und Versorgung, verschärft durch extreme Armut und Millionen Rückkehrer aus den Nachbarländern.
Am 15. August 2021 nahmen die islamistischen Taliban in einer Blitzoffensive die afghanische Hauptstadt Kabul ein. Fünf Jahre nach diesem historischen Umbruch zeigt eine Bestandsaufnahme des Landes ein zwiespältiges und alarmierendes Bild. Während Berichte von einer verbesserten Sicherheitslage ohne unmittelbare Explosionen und Krieg sprechen, leidet die Bevölkerung unter katastrophalen humanitären Bedingungen. Die Not umfasst nach Angaben von Hilfsorganisationen gleichzeitig Konflikte, Hunger und die Folgen schwerer Naturkatastrophen.
Chronische Not und katastrophale humanitäre Lage in Afghanistan
Afghanistan mit seinen mehr als 48 Millionen Einwohnern steckt in einer schweren wirtschaftlichen und humanitären Krise. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnte zuletzt vor einer Unterernährung ungesehenen Ausmaßes. Demnach waren 47 Prozent der Minderjährigen im ersten Quartal des laufenden Jahres unterernährt.
„Meistens gibt es in einem Land Konflikte, eine Hungersnot oder eine Naturkatastrophe. In Afghanistan gibt es all das gleichzeitig.“
Thamindri de Silva, World Vision International
Sie leitet das Büro der Hilfsorganisation World Vision International in der westafghanischen Stadt Herat. Die Not dort sei so chronisch und groß, dass sie sich kaum mit anderen Krisengebieten vergleichen lasse. Dennoch gelten internationale Hilfsprogramme für das Land als massiv unterfinanziert. Hinzu kommen verheerende Naturkatastrophen: Das Land leidet massiv unter den Folgen des Klimawandels. In diesem Jahr forderten Dutzende Todesopfer bei Überflutungen, während jahrelange Dürren gleichzeitig zu drastischen Ernteausfällen führen. Effektive Schutz- und Vorsorgemaßnahmen scheitern nach Angaben von Beobachtern an fehlenden Mitteln und mangelnder politischer Planung.
Die Entrechtung von Frauen und Mädchen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Besonders drastisch stellt sich die Situation für Frauen und Mädchen dar, die seit der Machtübernahme systematisch aus dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben gedrängt werden. Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan kritisierte im ARD-Hauptstadtstudio: Die Lage in Afghanistan ist extrem bedrückend, insbesondere die Situation von Frauen und Mädchen.
Die Taliban hätten schätzungsweise 2,4 Millionen afghanische Mädchen von weiterführenden Schulen ausgeschlossen, was als dramatisch eingestuft wird.
Amnesty International zieht angesichts dieser systematischen Ausgrenzung ein gravierendes juristisches Fazit. Die Organisation spricht offen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Theresa Bergmann erklärte im BR24-Interview, dass Folter, willkürliche Inhaftierungen, Auspeitschungen, Körperstrafen, Steinigungen und öffentliche Hinrichtungen mittlerweile wieder an der Tagesordnung sind. Die Entrechtung von Frauen und Mädchen sei so umfassend und systematisch, dass dieser Tatbestand erfüllt sei.
Im Alltag schränken strenge Bekleidungsvorschriften und das Erfordernis eines männlichen Begleiters bei Arztbesuchen oder in der Öffentlichkeit den Bewegungsraum von Frauen massiv ein. Berichte der Vereinten Nationen dokumentieren Bestrafungen von Geschäftsinhabern, die Frauen ohne männliche Begleitung bedienten. Zwar wird die Härte der Auslegung regional unterschiedlich gehandhabt — in der Hauptstadt Kabul bewegen sich Frauen laut Beobachtungen teilweise auch allein im öffentlichen Raum –, doch das generelle Verbot höherer Bildung für Frauen stößt auf tiefe Verzweiflung.
„Als Vater schäme ich mich vor meinen Töchtern, dass ich ihnen nicht die Grundlagen für ihre weitere Ausbildung bieten kann. Das ist eine Hilflosigkeit, die ich noch nie in meinem Leben verspürt habe.“
Nadschib, Journalist in Kabul
Massive Rückkehrwellen aus Pakistan und dem Iran
Die innenpolitischen Probleme werden durch eine demografische Last aus den Nachbarländern verstärkt. Nach UN-Angaben sind seit September 2023 fast 5,9 Millionen Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt, was einem Bevölkerungsanstieg von zehn bis zwölf Prozent entspricht. Ausgelöst wurde diese Welle vor allem dadurch, dass die Nachbarländer Pakistan und Iran ihre Regelungen für Afghanen drastisch verschärften. Viele Flüchtlinge traten den Weg in die Heimat an, um einer offiziellen Abschiebung zuvorzukommen.
Die wirtschaftliche Lage der Rückkehrer ist prekär: Mehr als 90 Prozent von ihnen leben nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks von weniger als fünf US-Dollar am Tag. Die Wirtschaft des Landes liegt weitgehend am Boden, die medizinische Versorgung gilt unter Experten als dramatisch unzureichend, und die Medienfreiheit ist durch Repressionen gegen Journalisten fast vollständig erloschen.
Kontroverse Abschiebungen und private Hilfsinitiativen aus Deutschland
In Deutschland steht Afghanistan vor allem im Kontext der Asyl- und Abschiebepolitik im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Seit der Machtübernahme der Taliban hat die Bundesrepublik 233 Menschen nach Afghanistan abgeschoben. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums erklärte auf Anfrage, der Fokus liege dabei auf der Rückführung von Straftätern, ohne sich jedoch ausschließlich darauf zu beschränken. Es handele sich um die konsequente Umsetzung geltenden Rechts. Auf technischer Ebene stehe das Ministerium mit Vertretern der afghanischen De-facto-Regierung in Kontakt, auch wenn offizielle diplomatische Beziehungen nicht existieren.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren diese Praxis scharf. Theresa Bergmann von Amnesty International bezeichnete Abschiebungen in das Land als klar völkerrechtswidrig, da Afghanistan in keinem einzigen Fall als sicher gelten könne. Kritik kommt auch aus zivilgesellschaftlichen Organisationen. Moha Hasani, Vorstandsvorsitzender des in Feldkirchen bei München ansässigen Vereins Ein Herz für Afghanistan
, der 2010 als Geflüchteter nach Deutschland kam, lehnt jeglichen politischen Dialog mit den Machthabern ab. Er fordert, dass die deutsche Politik beim Schicksal der afghanischen Bevölkerung nicht länger wegschaut.
Um der Bildungskrise und dem Verbot für Mädchen entgegenzuwirken, organisiert und finanziert der Verein in zahlreichen Dörfern sogenannte geheime Schulen. Dort unterrichten Lehrkräfte heimlich Mädchen. Trotz der permanenten Angst vor Entdeckung und Verfolgung durch die Taliban setzen die Beteiligten auf diesen Widerstand, motiviert durch den unbedingten Willen der betroffenen Kinder nach einer schulischen Zukunft.
