In dem komplexen Berufungsprozess fordern die Verteidiger die Einstellung des Verfahrens, wobei sie insbesondere auf eine mögliche Verjährung der Anklagepunkte sowie Verfahrensmängel bei der Erstellung der Anklageschrift pochen.
Mit ihm im Saal befand sich auch der Mitbeschuldigte Beat Stocker, der aufgrund körperlicher Einschränkungen im Rollstuhl zum Gericht kam.
Strategie der Verteidigung: Verjährung und Verfahrensfehler
Die Verteidigung setzt bereits zum Auftakt auf eine aggressive Strategie. Das zentrale Argument ist hierbei die Verjährung einzelner Anklagepunkte.
Besonders der Kauf der Firma Commtrain steht im Fokus. Der Anwalt von Vincenz, Lorenz Erni, macht geltend, dass dieser Teil des Falls verjährt sei. Es geht um den Vorwurf, Vincenz und Stocker hätten sich vorab an Commtrain beteiligt und anschließend die Übernahme durch die Kreditkartenfirma Aduno beeinflusst, für die beide gearbeitet hatten, so der Tages-Anzeiger.
Neben der zeitlichen Komponente werden formale Fehler der Staatsanwaltschaft angegriffen. Die Verteidiger von Mitbeschuldigten wie Stéphane Barbier-Mueller und Andreas Etter kritisieren, dass die Staatsanwaltschaft einen externen Gutachter zur Prüfung der Anklage beigezogen habe. Zudem wird behauptet, dass wichtige Dokumente, darunter relevante E-Mails, dem Gericht nicht vollständig vorgelegt wurden, was zu einem unvollständigen Bild der Sachlage geführt habe.
Reaktion der Staatsanwaltschaft und gerichtliche Details
Staatsanwalt Jean-Richard-dit-Bressel wies die Vorwürfe energisch zurück. Er verteidigte den Beizug eines Gutachters als faire Arbeitsweise, die mit der Nutzung anderer Hilfsmittel vergleichbar sei und nicht als unzulässiges Doping
zu werten sei, berichtet der Tages-Anzeiger. Zudem bestritt er, dass den Beschuldigten entlastende Beweise vorenthalten worden seien; dies sei im Verfahren mehrfach geprüft worden.
Das Gericht hat die enorme Komplexität des Falls in die Planung einbezogen. Laut nau.ch sind vorsorglich zehn Prozesstage zwischen dem 10. und 21. August angesetzt, mit zusätzlichen Reserveterminen bis zum 4. September. Die Verhandlungen begannen vor rund hundert Zuschauern, wobei das Interesse im Verlauf des ersten Vormittags spürbar nachließ und Teile des Publikums sowie Juristen den Saal bereits vor der Mittagspause verließen.
Juristischer Hintergrund: Vom Bezirksgericht zum Obergericht
Der aktuelle Prozess ist das Ergebnis einer langen juristischen Kette. Im April 2022 verurteilte das Bezirksgericht Zürich Pierin Vincenz zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten. Beat Stocker erhielt damals eine Strafe von vier Jahren, berichtet nau.ch unter Berufung auf die Plattform J.

- Betrug und Bestechung: Vorwürfe der passiven Bestechung sowie mehrfache qualifizierte ungetreue Geschäftsbesorgung.
- Firmenübernahmen: Heimliche Beteiligungen an Unternehmen, deren Übernahme durch Raiffeisen oder Aduno später beeinflusst worden sein soll.
- Private Ausgaben: Die Nutzung von Geschäftskreditkarten für private Zwecke.
Das Zürcher Obergericht hatte das erstinstanzliche Urteil im Jahr 2024 zunächst wegen behaupteter Verfahrensmängel aufgehoben. Erst eine Entscheidung des Bundesgerichts im Februar 2025 ebnete den Weg für den jetzigen Berufungsprozess, indem es feststellte, dass die Anklageschrift ausreichend bestimmt war und keine Übersetzungsrechte verletzt wurden.
Beteiligte und aktuelle Prozessdynamik
Neben den Hauptfiguren Vincenz und Stocker sind weitere Personen in das Verfahren involviert. So nimmt die Tochter des Mitbeschuldigten Peter Wüst am Prozess teil, da dieser nach dem erstinstanzlichen Urteil verstorben ist. Auch der Gründer der Beteiligungsgesellschaft Investnet, Andreas Etter, ist Teil des Verfahrens.

Die Verteidiger koordinieren ihre Anträge eng, um Wiederholungen zu vermeiden. Während der erste Tag primär juristischen Vorfragen und Anträgen gewidmet war, wird erwartet, dass sich das Gericht ab Dienstag direkt an die Angeklagten wenden wird, insbesondere an Pierin Vincenz, um die Vorwürfe detailliert zu erörtern.
Ob das Obergericht den Anträgen auf Verfahrenseinstellung aufgrund der Verjährung folgt oder die ursprünglichen Verurteilungen bestätigt, bleibt derzeit offen. Ein Datum für die Bekanntgabe des Urteils wurde noch nicht genannt.
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