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Wettstreit der Gerichtsmediziner im U-Ausschuss zur Causa Pilnacek

Im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Causa Pilnacek prallen am 25. Juni 2026 gegensätzliche medizinische Einschätzungen zum Tod des ehemaligen Sektionschefs aufeinander. Während der österreichische Gerichtsmediziner Christian Matzenauer ein Ertrinken als wahrscheinlich einstuft, kritisiert der Berliner Experte Michael Tsokos massive Versäumnisse bei der Spurensicherung und der zeitlichen Abfolge der Obduktion.

Die Diskrepanz zwischen Matzenauer und Tsokos

Die Diskrepanz zwischen Matzenauer und Tsokos
Photo: Der Standard
Im Zentrum des politischen Streits steht die Frage, wie Christian Pilnacek am 20. Oktober 2023 in einem Seitenarm der Donau in Rossatz starb. Der zuständige Sachverständige in Niederösterreich, Christian Matzenauer, kommt in seinem Gutachten zum Ergebnis, dass ein Ertrinken die Todesursache war. Laut Berichten des ORF gab es keine medizinischen Befunde, die gegen ein Ertrinken sprächen, weshalb aus medizinischer Sicht ein Suizid am wahrscheinlichsten sei. Ein anderes Bild zeichnet der Berliner Gerichtsmediziner Michael Tsokos. Er bezeichnete Matzenauers Bericht zwar als handwerklich gut gemachten, sah jedoch wesentliche Lücken. Tsokos betonte vor dem Ausschuss, dass Anzeichen für ein Ertrinken fehlten, die er in einem solchen Fall erwarten würde. Er stellte klar, dass er nicht von einem Tötungsdelikt ausgeht, aber die offiziellen Antworten als unzureichend empfinde. Michael Tsokos, Gerichtsmediziner, via VOL.AT Besonders kritisch bewertete Tsokos die Tatsache, dass ihm für seine Stellungnahme keine Lichtbilder der Leiche oder des Auffindungsortes vorlagen. Laut VOL.AT bezeichnete er dieses Fehlen von Fotos als ein massives Defizit in der Analyse.

Versäumnisse bei der Spurensicherung am Fundort

Versäumnisse bei der Spurensicherung am Fundort
Photo: ORF
Die Kritik an der österreichischen Ermittlungsarbeit konzentriert sich auf die ersten Stunden nach dem Fund der Leiche. Tsokos führte dem Parlament vor, dass in Berlin eine Obduktion innerhalb weniger Stunden erfolgt wäre. Im Fall Pilnacek dauerte es jedoch sechs Tage, bis die Obduktion stattfand. Zwar argumentiert Matzenauer, dass eine ausreichende Kühlung des Leichnams etwaige Nachteile verhindert habe, doch Tsokos sieht hier eine unnötige Verzögerung. Ein weiterer Streitpunkt ist die Temperaturmessung. Die Polizei erfasste weder die Körperkerntemperatur der Leiche noch die Wassertemperatur, was für die Bestimmung des Todeszeitpunkts entscheidend gewesen wäre. Während Matzenauer solche Messungen bei Wasserleichen als unüblich und nur begrenzt aussagekräftig bezeichnet, sieht Tsokos darin einen Fehler. Er forderte eine konsequentere Sicherung aller verfügbaren Daten, einschließlich Privatfotos von Feuerwehrleuten oder Polizisten vor Ort.

Die Rolle des dritten Gutachtens von Stefano Longato

U-Ausschuss zur Causa Pilnacek startet – erste Befragungen im Jänner
Um die offiziellen Ergebnisse zu prüfen, wurden private Gutachten in Auftrag gegeben. Eines davon stammt vom Tiroler Gerichtsmediziner Stefano Longato. Matzenauer räumte ein, dass Longatos Analyse in fast allen Aspekten mit seinem eigenen Gutachten übereinstimmte. Es gibt jedoch eine entscheidende Differenz in der Bewertung der Todesart. Während Matzenauer den Suizid für am wahrscheinlichsten hält, vermutet Longato eher einen Unfall. Warum Longato diese Einschätzung gegenüber dem Suizid bevorzugt, blieb laut Matzenauer nicht ausreichend begründet.

Politischer Schlagabtausch und Vorwürfe gegen die Exekutive

Politischer Schlagabtausch und Vorwürfe gegen die Exekutive
Der medizinische Disput wird von einem heftigen politischen Kampf zwischen der ÖVP und der FPÖ überlagert. Der Untersuchungsausschuss, der von der FPÖ initiiert wurde, soll klären, ob politische Interventionen die polizeilichen Ermittlungen beeinflusst haben. In einer Diskussion in der ZiB 2 wurde deutlich, wie tief die Gräben verlaufen. Andreas Hanger (ÖVP) bezeichnete den Ausschuss als Verschwendung von Steuergeldern. Demgegenüber steht die Position von Christian Hafenecker (FPÖ), der vermutet, dass Personen unter Druck gesetzt wurden. Die Presse berichtet zudem über Vorwürfe Hafeneckers, wonach im Innenministerium für 50.000 Euro Unterlagen erstellt wurden, die den Ausschuss als bloßes politisches Tribunal diskreditieren sollten. Neben den medizinischen Fragen bleiben weitere Unklarheiten bestehen, wie etwa der Verbleib eines Laptops von Christian Pilnacek. Während die ÖVP die Polizeiarbeit als gut bezeichnet, sieht die FPÖ eine gezielte Sonderbehandlung aufgrund der Prominenz der involvierten Personen. Christian Hafenecker, FPÖ-Abgeordneter, via Der Standard

Ausblick: Sommerpause und offene Fragen

Nach 23 Sitzungstagen geht der Untersuchungsausschuss nun in die Sommerpause. Die medizinischen Experten haben das Feld mit widersprüchlichen Einschätzungen hinterlassen: Einerseits die Bestätigung des Ertrinkens durch die österreichischen Gutachter, andererseits die scharfe Kritik an der methodischen Durchführung der Ermittlungen durch Michael Tsokos. Ob die Kritik an der Spurensicherung und die Diskrepanz zwischen Unfall und Suizid zu neuen Ermittlungsschritten führen, bleibt ungewiss. Fest steht, dass die Auseinandersetzung der Gerichtsmediziner die politische Debatte über die Professionalität der österreichischen Exekutive weiter befeuert hat.

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Jonas Becker

Über den Autor

Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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