Zum Inhalt springen
Unterhaltung

Am Morgen Vorgelesen“: 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann

Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 2026 100 Jahre alt. Anlässlich dieses Jubiläums strahlt NDR Kultur vom 22. Juni bis 3. Juli die Lesereihe „Am Morgen Vorgelesen“ aus. Die Sendung beleuchtet Bachmanns Weg von der Lyrik zur Prosa und ihre Rolle als eine der bedeutendsten Stimmen der Nachkriegsliteratur.

Die Lesereihe „Am Morgen Vorgelesen“ beim NDR

Die Lesereihe „Am Morgen Vorgelesen“ beim NDR
Photo: SZ.de
Zwischen dem 22. Juni und dem 3. Juli 2026 widmet NDR Kultur Ingeborg Bachmann eine zehnteilige Lesereihe. Täglich von 8.30 Uhr bis 9 Uhr präsentieren Volker Hanisch, Maren Kroymann, Marit Beyer und Sonja Beißwenger ausgewählte Erzählungen der Autorin. Die Beiträge stehen nach der Ausstrahlung für sieben Tage zum Nachhören bereit oder sind über die ARD Sounds App abrufbar. Die Auswahl an Texten spiegelt Bachmanns Entwicklung wider. Während sie in den 1950er-Jahren durch Gedichte wie Alle Tage, Die gestundete Zeit, Erklär mir, Liebe und Reklame Bekanntheit erlangte, verschob sie ihren Fokus später auf die Prosa. Ein wichtiger Übergang war das Jahr 1958, in dem sie das Hörspiel Der gute Gott von Manhattan veröffentlichte. Besondere Bedeutung messen Literaturhistoriker den Erzählbänden Das dreißigste Jahr aus dem Jahr 1961 sowie Simultan von 1972 bei. Diese Werke gelten als Meilensteine der deutschsprachigen Literatur seit 1945.

Die Sprache der Gewalt und die „Gaunersprache“

Die Sprache der Gewalt und die „Gaunersprache“
Photo: taz.de
Bachmanns Werk ist mehr als reine Lyrik; es ist eine Auseinandersetzung mit Machtstrukturen. Laut einer Analyse von taz.de kreist ihr Schreiben primär um die Gewalt, die in der Sprache selbst steckt. Bachmann thematisierte eine sogenannte Gaunersprache – eine Form der Kommunikation, die Wahrheiten verzerrt und den Einzelnen in der Arbeitswelt oder der Kleinfamilie entmenschlicht. Diese Perspektive stützte sie auf die Theorien von Adorno und Horkheimer. In ihrer Erzählung Alles beschreibt sie etwa eine Gewaltspirale innerhalb der Familie, in der ein Kind durch Hass zum Menschen geschlagen wird. Die Suche nach absoluter Wahrhaftigkeit war für die Autorin ein zentrales Motiv. Sie sah in der Philosophin Simone Weil ein Vorbild für diesen tödlichen Ernst.

Biografische Abgründe: Celan und die Familiengeschichte

GeDENK-Konzert zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann in Fresach
Das Leben von Ingeborg Bachmann war von extremen Gegensätzen geprägt, die sich in ihren Beziehungen widerspiegelten. Wie tagesschau.de berichtet, war insbesondere die Verbindung zu Paul Celan durch einen unüberbrückbaren historischen Abgrund belastet: Während Celan als Überlebender des Holocaust galt, war Bachmann die Tochter eines überzeugten NSDAP-Anhängers. Ein 2008 veröffentlichter Briefwechsel zwischen den beiden zeigt die Schwierigkeit, eine gemeinsame Sprache für diese gegensätzlichen Familiengeschichten zu finden. Diese Spannung zwischen persönlicher Liebe und politischer Geschichte zieht bis heute Forscher und Leser an. Ihr Leben endete abrupt im Jahr 1973 im Alter von 47 Jahren. Die Todesursache war ein tragischer Unfall: Bachmann schlief mit einer brennenden Zigarette ein und erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Moderne Rezeption und das Erbe in Klagenfurt

Moderne Rezeption und das Erbe in Klagenfurt
Photo: tagesschau.de
Trotz der Jahrzehnte bleibt Bachmanns Werk aktuell, was sich insbesondere in der digitalen Kultur zeigt. Viele ihrer prägnanten Sätze werden heute in sozialen Medien geteilt. Ein Beispiel ist die oft zitierte These: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Auch in ihrer Heimatstadt Klagenfurt wird das Erbe gewürdigt. Der Friedenspreisträger Anselm Kiefer widmete der Autorin zum 100. Geburtstag eine Skulptur. Diese ist mit einem Zitat aus Bachmanns Frankfurter Poetikvorlesungen von 1959 versehen: Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht. Die heutige Einschätzung ihrer Bedeutung ist hoch. Die Schriftstellerin Helga Schubert, die die Eröffnungsrede beim Bachmann-Preis hielt, bezog sich in einem Interview auf den Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, Bachmann sei die bedeutendste deutschsprachige Dichterin seit 1945 – zu dem Ergebnis bin ich jetzt auch gekommen.Helga Schubert, Schriftstellerin, via tagesschau.de Laut einem Beitrag von SZ.de war Bachmann für ihre Zeit zu frei und klug. Ihr Image als zarte Poetin, das oft durch ihre Affären mit Max Frisch und Paul Celan zementiert wurde, verdeckt laut Kritikern oft ihre Rolle als frühe Feministin und scharfe Analytikerin gesellschaftlicher Gewalt. Bachmanns Vermächtnis bleibt eine Herausforderung an die Sprache: die Forderung, dass Worte nicht nur schmücken, sondern die Wahrheit aushalten müssen.

Find more reporting in our Unterhaltung section.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Sophie Krueger

Über den Autor

Sophie Krueger leitet das Unterhaltungsressort von Germanic Nachrichten. Ihr Schwerpunkt liegt auf Film, Streaming, Popkultur und prominenten Entwicklungen mit redaktioneller Einordnung und sauberer Quellenlage.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.