Die Initiative der afrikanischen Staatengruppe kritisiert die weitverbreitete Mercator-Projektion wegen extremer Größenverzerrungen und wirft ihr eine eurozentrische Verzerrung des globalen Weltbildes vor.
Karten gehören zu den unsichtbaren Architekturen unseres Alltags. Sie prägen, wie die Welt und die Verhältnisse der Kontinente zueinander wahrgenommen werden. Doch die traditionellen Darstellungen, insbesondere die im 16. Jahrhundert vom Flamen Gerhard Mercator entworfene Zylinderprojektion, verzerren die tatsächlichen Größenverhältnisse massiv. Während Länder in hohen Breitengraden wie Grönland oder Europa auf Mercator-Karten gewaltig erscheinen, schrumpfen Kontinente in Äquatornähe optisch zusammen.
Dieser Zustand soll sich nun ändern. Die Resolution richtet sich an Regierungen, Bildungseinrichtungen, internationale Organisationen und Technologiekonzerne, macht die herkömmlichen Karten jedoch nicht illegal.
Togo und die Afrikanische Union als treibende Kräfte bei den Vereinten Nationen
Die diplomatische Initiative zur Neuausrichtung des globalen Kartenbildes ging von Togo aus. Der togolesische Außenminister Robert Dussey brachte die Resolution im Namen der afrikanischen Staatengruppe ein. Im Vorfeld der Abstimmung in der UN-Generalversammlung betonte er, dass die Debatte im Kern den Blick auf globale Gerechtigkeit und Repräsentation berühre.
„A map is never neutral. It shapes perceptions, influences how the place of peoples and continents in the world is understood, and may, sometimes from the earliest years of schooling, perpetuate representations that do not correspond to geographic reality.“
Die Afrikanische Union hatte die Kampagne im August 2025 offiziell gebilligt und Togo mit der Führung der diplomatischen Bemühungen betraut wie die Berichterstattung über den Entstehungsprozess der Resolution festhält. Begleitet wurde der diplomatische Vorstoß von einer Online-Petition unter dem Hashtag #CorrectTheMap auf der Plattform Change, die rund 11 000 Unterschriften sammelte. Zudem hatte Togo am Vorabend der Abstimmung alle UN-Mitgliedstaaten zu einem Empfang geladen, um einen möglichst breiten Konsens zu schmieden.
Mercators Erbe und die Geografie der Verzerrung
Um zu verstehen, warum die Vereinten Nationen und afrikanische Staaten den Wandel einfordern, lohnt der Blick auf die Mathematik der Kartenprojektionen. Jede flache Darstellung einer runden Erdkugel erzwungenermaßen Verzerrungen, vergleichbar mit dem Versuch, die Schale einer Orange glatt und ohne Risse auf eine ebene Fläche zu drücken.
Die klassische Mercator-Projektion entstand im 16. Jahrhundert für die Seefahrt. Gerhard Mercator schuf eine winkeltreue Karte, bei der Kurse als gerade Linien eingezeichnet und Schiffe sicher gesteuert werden konnten. Doch der Preis dafür ist enorm: Je weiter sich ein Gebiet vom Äquator entfernt, desto stärker bläht es sich auf. Die nördlichen und südlichen Polargebiete wirken gigantisch, während Regionen in Äquatornähe schrumpfen.
Ein drastisches Beispiel verdeutlicht die Dimensionen: Afrika erstreckt sich über den Äquator und misst rund 30,37 Millionen Quadratkilometer. Grönland umfasst im Vergleich dazu etwa 2,166 Millionen Quadratkilometer. Auf einer traditionellen Mercator-Karte erscheinen beide Landmassen jedoch nahezu gleich groß. In der Realität ist der afrikanische Kontinent rund vierzehn Mal so groß wie das dänische Außengebiet.
Lorenz Hurni, Professor für Kartographie an der ETH Zürich und Chefredaktor des Schweizer Weltatlas, weist darauf hin, dass diese visuelle Dominanz im Norden historische Spuren hinterlassen hat. Durch das Abschneiden der Karten an den Rändern erschien Europa unweigerlich im Zentrum der Welt. Dies habe dem Eurozentrismus Vorschub geleistet, weshalb die neue Empfehlung der Vereinten Nationen aus Sicht der Flächengerechtigkeit als ein fairer Schritt zu bewerten sei wie der ETH-Experte im Interview mit SRF News darlegt.
Die Entwicklung der «Equal Earth»-Projektion
Die Kritik an der Mercator-Karte ist keineswegs neu. Bereits im Jahr 1973 versuchte der deutsche Historiker Arno Peters, mit der stark beworbenen Gall-Peters-Projektion eine flächentreue Alternative durchzusetzen. Zwar bildete dieser Entwurf die Länder flächengetreu ab, doch er erntete heftige Kritik von Fachleuten wegen starker Verzerrungen der kontinentalen Formen, besonders in den niedrigen Breitengraden.
Im März 2017 kündigten öffentliche Schulen in der US-Stadt Boston an, auf flächentreue Karten umzustellen. Als der Softwareentwickler Bojan Šavrič vom kalifornischen Unternehmen Esri, Tom Patterson vom US National Park Service und Bernhard Jenny von der Monash University davon erfuhren, suchten sie nach einer eleganteren Lösung wie das Wissenschaftsportal Spektrum.de berichtet.

Die drei Fachleute entwickelten im Jahr 2018 die «Equal Earth»-Projektion, die im Fachjournal International Journal of Geographic Information Science veröffentlicht wurde. Bei dieser pseudozylindrischen Projektion bleiben die Breitenkreise gerade Linien, während die Formen und Proportionen der Kontinente in ein ästhetisch ansprechendes und ausgewogenes Verhältnis gebracht werden wobei die genauen mathematischen und grafischen Schritte in der Fachliteratur dokumentiert sind. Die Karte korrigiert die Flächenverzerrungen, ohne dass die Umrisse der Länder unnatürlich in die Länge gezogen wirken.
Auswirkungen auf Schulen, Institutionen und die globale Wirtschaft
Die Resolution der Generalversammlung erzwingt keinen sofortigen Bann der Mercator-Karte, die nach wie vor für die Navigation unverzichtbar bleibt. Dennoch markiert der Beschluss einen symbolischen und praktischen Wendepunkt. Befürworter betonen, dass eine veränderte Darstellung in Schulbüchern, digitalen Plattformen und internationalen Organisationen das Bewusstsein für die tatsächlichen Dimensionen des globalen Südens schärfen wird.
Für afrikanische Staaten geht es dabei auch um wirtschaftliche Realitäten. Kartografische Darstellungen beeinflussen unterbewusst, wie Investoren und internationale Akteure das Gewicht, die Märkte und das Potenzial von Regionen einschätzen. Indem die Vereinten Nationen nun offiziell Karten empfehlen, die den wahren Maßstab abbilden, soll das wirtschaftliche und demografische Gewicht Afrikas im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit korrigiert werden.
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