Eine Untersuchung von Forschern der SWPS-Universität in Polen aus dem Jahr 2026 zeigt, dass zufriedene Paare deutlich weniger das Bedürfnis haben, einander mit weissen Lügen zu schonen. Entgegen früheren psychologischen Annahmen wünschen sich glückliche Partner in alltäglichen Konfliktsituationen häufiger die ungeschminkte Wahrheit als unglückliche Beziehungen.
Wer in einer Partnerschaft nach dem Rezept für dauerhaftes Glück sucht, setzt laut landläufigem Verständnis oft auf Diplomatie. Kleine Schummeleien im Alltag gelten gemeinhin als nützliches Schmiermittel für das Zusammenleben. Ob das selbstgezimmerte Regal schief hängt oder der neue Haarschnitt misslungen ist – die sogenannte weisse Lüge soll Gefühle schützen und Streit verhindern. Doch laut einer Untersuchung, die von einem Forschungsteam der SWPS-Universität in Polen um Sebastian Wnek und Katarzyna Cantarero im Jahr 2026 vorgelegt wurde, greift diese Annahme zu kurz.
Experiment mit Paaren in langjährigen Beziehungen
Für ihre Untersuchung befragten die Psychologen mehrere hundert Menschen, die in langjährigen Beziehungen leben, zu verschiedenen Alltagssituationen. Die Studienteilnehmer sollten sich in konkrete Zwickmühlen hineinversetzen. In einem Szenario traten Partner beispielsweise in einem zeitlichen Wettkampf gegeneinander an, wobei die befragte Person hoffte, das Rennen gewonnen zu haben, der Partner aber vermutlich schneller unterwegs war. Bei der anschliessenden Frage, ob sie in einer solchen Situation lieber die Wahrheit oder eine freundliche Unwahrheit hören möchten, zeigte sich ein überraschendes Bild.

Unglückliche Partnerschaften greifen häufiger zur Unwahrheit
Entgegen der ursprünglichen Erwartung der Forscher wünschte sich der Grossteil der Befragten in den meisten Szenarien die ehrliche Antwort. Noch deutlicher fiel der Unterschied beim Beziehungsstatus aus: Der Wunsch nach schonenden Unwahrheiten war bei glücklichen Paaren am geringsten ausgeprägt. Wer hingegen mit seiner Partnerschaft unglücklich ist, neigt laut den erhobenen Daten eher dazu, die Wahrheit als Bedrohung wahrzunehmen. Solche Paare ziehen die freundliche Flunkerei sowohl beim Hören als auch beim Erzählen vor, da sie dem eigenen Fundament offenbar weniger zutrauen, Konflikte auszuhalten.
Einordnung durch die Psychotherapeutin Franca Cerutti
Zu den Dynamiken hinter solchen Verhaltensweisen äussert sich regelmässig die Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin Franca Cerutti in ihrer Kolumne zur Psychologie des Alltags. Sie hält fest, dass Ehrlichkeit bei der Frage, was Menschen in einer Partnerschaft am wichtigsten ist, regelmässig an vorderster Stelle landet – direkt neben Intelligenz und Humor. Dennoch greifen viele Menschen aus Rücksichtnahme zu Notlügen, um Nähe und Harmonie künstlich aufrechtzuerhalten.
Vertrauen als Basis für klare Worte
Die Daten der polnischen Forscher verdeutlichen jedoch, dass der Wunsch nach Ehrlichkeit weniger davon abhängt, wie stark der generelle Wert der Wahrheit geschätzt wird. Ausschlaggebend ist vielmehr das Vertrauen in die eigene Beziehung. Wer unzufrieden ist, stuft die Wahrheit als gefährlicher ein. Wer hingegen in einer stabilen Partnerschaft lebt, sucht weniger nach beschönigenden Ausreden. Die klassischen Figuren des Alltags – etwa die Person nach dem Friseurbesuch oder der Partner mit dem selbstgebauten Möbelstück – wollen demnach keine harten Notlügen, sondern eine Basis, auf der klare Worte ohne Furcht vor Beziehungsbruch ausgesprochen werden können.