Céline Amaudruz, Vizepräsidentin der Schweizerischen Volkspartei (SVP), sieht sich nach ihrer im Oktober 2026 erklärten Kandidatur für den freiwerdenden Bundesratssitz von Guy Parmelin mit wachsendem internen Widerstand in der Partei und Kritik an der Amtsführung konfrontiert. Die Spannungen verdeutlichen tiefe Gräben zwischen der nationalen Parteileitung und ihrem westselbstschweizerischen Flügel.
Kandidatur von Céline Amaudruz löst parteiinternen Widerstand aus
Als erste Bewerberin trat Céline Amaudruz im Oktober 2026 für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin an. Die 47-jährige Genfer Nationalrätin, die seit 2011 im Parlament sitzt und seit 2016 als Parteivizepräsidentin amtet, wollte mit ihrer raschen Kandidatur Fakten schaffen. Doch ihr Vorpreschen stieß im engsten Machtzirkel der SVP auf erheblichen Widerstand. Hinter vorgehaltener Hand wurden Zweifel an ihrer Führungsstärke und ihrem Arbeitseifer laut berichtet die Aargauer Zeitung. Zudem warfen Kritiker ihr Abweichungen von der Parteilinie in gesellschaftspolitischen Fragen vor, wie etwa beim Vaterschaftsurlaub.
Der halbe Bundesratskandidat Thomas Aeschi betonte in der Sonntagspresse, man benötige im Bundesrat eine führungs- und durchsetzungsstarke Persönlichkeit, die sich konsequent für die Kernthemen der Partei einsetzt. Auch der ehemalige Nationalrat Roger Köppel kritisierte die Genferin scharf und riet der Parteileitung davon ab, sie auf das offizielle Ticket zu nehmen gemäss Berichten von Watson. Die Fraktion wird am 20. November über die offizielle Nominierung entscheiden.

Neben der Genferin bewerben sich im Rennen um Parmelins Nachfolge unter anderem Ständerat und Ex-Parteichef Marco Chiesa sowie die Nationalräte Rémy Wyssmann und Michael Graber sowie die Regierungsräte Jean-Pierre Gallati, Franz Ruppen und Pierre Alain Schnegg. Céline Amaudruz ist dabei bisher die einzige Favoritin der SVP vom Genfer Seebecken, während der Genfer Kantonalpräsident Lionel Dugerdil drohte, eine Nichtberücksichtigung ihrer Kandidatur würde eine sehr deutliche Reaktion der welschen Sektionen nach sich ziehen. Die Volkspartei verzeichnet in der Westschweiz inzwischen Wähleranteile von durchschnittlich 20 Prozent.
Kritik an Mandaten, Ethos-Stiftung und geschäftlichen Verbindungen
Neben den parteiinternen Querelen gerieten auch Amaudruz’ Mandate in der Privatwirtschaft ins Visier der Beobachter. Die unabhängige Anlagestiftung Ethos empfahl wiederholt ihre Abwahl als Verwaltungsratspräsidentin der Groupe Minoteries, eines börsenkotierten Mühlenkonzerns, an dem ihre Familie eine bedeutende Beteiligung hält analysiert die Mediengruppe Blick. Direktor Vincent Kaufmann bemängelte die mangelnde Unabhängigkeit des Verwaltungsrats sowie eine Häufung von Mandaten, die als Overboarding eingestuft wurde.
Kaufmann wies zudem auf mögliche Interessenkonflikte hin. Als Nationalrätin reichte Amaudruz parlamentarische Vorstöße ein, die auf eine Schwächung der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma abzielten. Die Behörde hatte zuvor Missstände bei ihrer früheren Arbeitgeberin, der Bank Reyl, beanstandet. Im März übernahm Amaudruz zudem ein Mandat im Verwaltungsrat der Spitalimmobiliengesellschaft Infracore, die zum Firmenimperium des umstrittenen Investors Antoine Hubert gehört berichtet die Neue Zürcher Zeitung. Hubert sah sich in der Vergangenheit mit Vorwürfen konfrontiert, die seine Firmengruppe jedoch zurückwies.

Rückendeckung aus der Romandie und von Frauenorganisationen
Trotz des heftigen Gegenwindes lässt sich die Genferin nach eigenen Angaben nicht beirren. In einem schriftlichen Statement an den Sender RTS erklärte sie, die Angriffe bestärkten sie in ihrer Entschlossenheit und zeigten lediglich, dass sie mit Widrigkeiten umzugehen wisse wie Watson weiter ausführt.
Rückenwind erhält Amaudruz vor allem aus der Westschweiz und von Frauenorganisationen. Mehrere Parlamentarier orteten hinter der Kritik eine herablassende Haltung deutschsprachiger Parteikollegen gegenüber der Romandie. Nationalrat Jean-Luc Addor beklagte ein offenes Bashing durch eine deutschsprachige Elite. Auch Maya Graf, Co-Präsidentin des Dachverbands Alliance F, kritisierte die Auswahl der potenziellen Nachfolgekandidaten scharf: Angesichts von sieben Männern auf der Auswahlliste sei es inakzeptabel, dass die grösste Schweizer Partei es nicht fertigbringe, die weibliche Hälfte der Bevölkerung adäquat abzubilden. Alliance F fordert daher nachdrücklich, dass Amaudruz einen Platz auf dem offiziellen Ticket erhält berichtet das Portal Bote.
Unterstützung erhält die Genfer Nationalrätin auch von Parteikolleginnen wie der Luzerner Nationalrätin Vroni Thalmann-Bieri, genannt «Mami», die sich positiv zur Bereitschaft ihrer Amtskollegin äusserte, wenngleich sie eine eigene Kandidatur für den Fall, dass die Partei sie auf das Ticket nehmen wolle, ebenfalls nicht gänzlich ausschliesst. Prominente Absagen gab es im Vorfeld unter anderem von der Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli, dem Nationalrat Pascal Schmid und der Ständerätin Esther Friedli. Grünen-Ständerätin Maya Graf betonte derweil, dass niemand im Parlament so viele Bundesratswahlen miterlebt habe wie sie selbst und dass Politikerinnen, die wie Amaudruz bislang mit Samthandschuhen angefasst worden seien, nun faire Chancen erhalten müssten.
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