Ein innovatives Pilotprojekt in Belp BE erprobt seit drei Wochen eine viertägige Schulwoche mit verkürzten Ferien. Für 21 Kinder der Basisstufe entfallen klassische Einzellektionen zugunsten durchgehender Betreuung, gemeinsamer Kochprojekte und eines festen schulfreien Freitags, während Eltern von einem spürbar entlasteten Familienalltag berichten.
Schulversuch in Belp BE für 21 Kinder im Alter von vier bis acht Jahren
In der bernischen Gemeinde Belp hat für 21 Kinder im Alter von vier bis acht Jahren ein außergewöhnlicher Schulversuch begonnen. Nach monatelanger Vorbereitung startete der Betrieb einer Klasse, die nach einem völlig neuen Zeitmodell unterrichtet wird. Statt des üblichen Rhythmus besuchen die Kinder die Schule an vier Tagen pro Woche. Im Gegenzug verkürzt sich die Ferienzeit von den in der Schweiz üblichen 13 Wochen auf nur noch sechs Wochen im Jahr.
Das Modell hinter dem Schulversuch in Belp BE
Das Projekt basiert auf Freiwilligkeit und wurde in enger Absprache mit den betroffenen Eltern entwickelt. Ziel des Versuchs ist es, die Organisation des Familienalltags spürbar zu erleichtern. In der Schweiz klafft eine erhebliche Lücke zwischen den dreizehn Schulferienwochen und den vier bis sechs Wochen Urlaub, die Arbeitnehmenden in der Regel zustehen. Viele Familien stehen vor der Herausforderung, während der restlichen Ferien Betreuungsmöglichkeiten zu organisieren oder Urlaubstage aufzusparen.
Durch die Umwandlung eines Teils dieser Ferien in einen festen schulfreien Tag pro Woche – Eltern entschieden sich einhellig für den Freitag – soll diese Belastung sinken. Das System soll insbesondere helfen, die Arbeitszeiten der Eltern besser zu kombinieren; so könnten Eltern beispielsweise ein Arbeitsmodell wählen, bei dem einer zu 100% und der andere zu 80% arbeitet, wie Daniela Schädeli, Verantwortliche Famille et formation
in Belp, am Montag in La Matinale von RTS erklärte.
Un jour de congé fixe par semaine simplifierait la vie per parents. L’un pourrait ainsi travailler à 100% et l’autre à 80%, par exemple
, erklärt Daniela Schädeli.
Haute école pédagogique bernoise begleitet den Versuch im Kanton Bern
Das Projekt ist vom Kanton Bern offiziell für drei Jahre bewilligt worden. Bei positiven Ergebnissen besteht die Option einer Verlängerung auf bis zu sechs Jahre. Begleitet und wissenschaftlich dokumentiert wird der Versuch von der Haute école pédagogique bernoise, wobei die Ergebnisse im Rest der Schweiz ebenfalls genau beobachtet werden.
Erste Zwischenbilanz nach drei Wochen Unterricht
Nach den ersten drei Wochen fällt das Echo bei den beteiligten Familien durchweg positiv aus. Klassische Einzellektionen wurden durch einen durchgetakteten, aber flexibleren Alltag ersetzt, der auch die Mittagspause abdeckt. Die Mütter schildern einen gelungenen Start, bei dem die Kinder fast täglich mit einem Strauss an Erfahrungen
nach Hause kommen und eigene Ideen einbringen können – wie etwa das Einstudieren einer Zirkusvorstellung oder den Besuch eines Blumengeschäfts.
Besonders die neu geschaffene Kochgruppe kommt bei den Kindern an. Die Menüs werden spielerisch per Globustippen ausgewählt, wobei Themen wie Indien oder der Orient bereits an der Reihe waren. Die Kinder bereiten Zutaten vor und verfassen Menüpläne. Manuela berichtete gegenüber 20 Minuten, dass ihre Tochter nach Hause kommt, viel erzählt und happy ist und die Lerninhalte wie im Spiel verinnerlicht: Sie lernen spielerisch, ohne zu merken, dass sie gerade etwas lernen.
Auch die Mutter der fünfjährigen Lisa berichtet, dass sich ihre Tochter immer freut, wenn sie in die Kochgruppe eingeteilt ist, und zu Hause begeistert Gerichte wie ein Linsen-Dal nachkochen möchte.
Auch der neu geschaffene freie Freitag erfüllt seinen Zweck als Aktivitäts- und Erholungstag. Familien nutzen ihn für Ausflüge auf Spielplätze oder in Museen, wo an diesen Wochentagen weniger Andrang herrscht, oder als Tag zum Herunterfahren vor dem Wochenende. Dennoch bleibt abzuwarten, wie die Kinder mit der Situation umgehen werden, wenn sie in die Schule gehen müssen, während andere Kinder frei haben.
Stimmen aus der Wissenschaft und offene Fragen
Bildungswissenschaftlerin Margrit Stamm äußert sich zu den Auswirkungen des neuen Modells
Trotz des gelungenen Starts mahnen Bildungsexperten zur Wachsamkeit. Die Bildungswissenschaftlerin Margrit Stamm weist darauf hin, dass sich die Auswirkungen des neuen Modells auf die Kinder zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beantworten lassen und im Moment lediglich Hypothesen formuliert werden können. Zwar könnten ruhigere Tagesabläufe, weniger Wechsel zwischen Schule und Betreuung sowie ein regelmässig freier Freitag positiv wirken.

Kritisch zu beobachten sei dagegen, ob die langen Tage gerade für jüngere Kinder ermüdend werden und ob trotz der verkürzten Ferien genügend längere Phasen für Erholung, freies Spiel und unverplante Familienzeit bleiben
, so Bildungsexpertin Margrit Stamm. Entscheidend bleibt letztlich, wie die Kinder mit den längeren Schultagen und der veränderten Rhythmisierung im Alltag langfristig umgehen.
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