Parodontitis verdoppelt laut aktuellen Studien das Risiko für Herzinfarkte – und die wissenschaftliche Evidenz wird immer überzeugender. Eine neue Metaanalyse zeigt: Wer an schweren Zahnfleischentzündungen leidet, hat ein 1,14- bis 2,2-fach erhöhtes Risiko für koronare Herzkrankheiten. Die Entzündungsbotenstoffe aus dem Mundraum greifen direkt die Gefäße an, fördern Arterienverkalkung und können so lebensbedrohliche Folgen haben.
Wie Bakterien aus dem Mund das Herz angreifen
Die Verbindung zwischen Parodontitis und Herzinfarkt ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines komplexen biologischen Prozesses. Wie Professor Thomas Beikler, Direktor der Poliklinik für Parodontologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), erklärt, gelangen bei einer unbehandelten Parodontitis nicht nur Entzündungsbotenstoffe ins Blut, sondern auch Bakterien wie Porphyromonas gingivalis. Diese Bakterien lagern sich an den Gefäßwänden ab und fördern die Entstehung von Arteriosklerose – die Gefäße werden starrer und enger, bis sie schließlich verstopfen können.
Eine im Mai 2026 veröffentlichte Studie identifizierte zudem einen spezifischen Signalweg, über den P. gingivalis schädliche Prozesse auslöst: Der NOX4/PPAR-γ/PGC-1α-Signalweg induziert Ferroptose, eine Form des programmierten Zelltods in Mikrogliazellen. Das beschleunigt nicht nur die Neuroinflammation, sondern steht auch im Zusammenhang mit kognitivem Abbau und einem erhöhten Risiko für Alzheimer. Die gute Nachricht: Eine konsequente Parodontitis-Behandlung senkt systemische Entzündungsmarker signifikant – der CRP-Wert sinkt um bis zu 30 Prozent, Interleukin-6 um 25 Prozent.
Warum Diabetes-Patienten besonders gefährdet sind
Bei Menschen mit Diabetes ist das Risiko für Parodontitis und deren Folgen besonders hoch. Professor Beikler nennt zwei Hauptgründe: Zum einen ist die Immunabwehr bei Diabetes oft beeinträchtigt, sodass sich bakteriell ausgelöste Entzündungen leichter ausbreiten. Zum anderen laufen Entzündungsreaktionen bei Diabetikern häufig verstärkt ab, ohne dass die auslösenden Bakterien effektiv bekämpft werden. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis – die Entzündungen im Mund fördern nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern verschlimmern auch den Diabetes selbst.
Eine Studie aus dem April 2026 mit über 568.000 Teilnehmern zeigte, dass schlechte Mundgesundheit in der Kindheit das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse im Erwachsenenalter messbar erhöht. Die finanziellen Anreize für Prävention sind enorm: Regelmäßige Prophylaxe bei Patienten mit Herzerkrankungen spart jährlich zwischen 510 und 630 Euro pro Patient. Bei Diabetikern liegen die Einsparungen sogar bei 840 bis 2.650 Euro pro Jahr.
Die Rolle der Zahnmedizin in der Herzprävention
Die Erkenntnisse sind so überzeugend, dass einige Experten bereits über ein systematisches Screening für Parodontitis bei Herzpatienten nachdenken. Professor Sebastian Kerber, Chefarzt am Rhön-Klinikum Campus Bad Neustadt, empfiehlt jungen Patienten mit vorzeitiger koronarer Herzerkrankung ohne klassische Risikofaktoren wie Rauchen oder Diabetes, sich nicht nur zahnmedizinisch untersuchen zu lassen, sondern auch den Fettstoffwechselparameter LP(a) bestimmen zu lassen. Dieser Parameter steht im Zusammenhang mit vorzeitiger Atherosklerose der Koronargefäße.
In den USA wird sogar diskutiert, ein Screening-Programm einzuführen, bei dem bei unklarem Herzinfarkt oder vorzeitiger koronarer Herzerkrankung der Zustand des Zahnhalteapparates erhoben wird – mit dem Ziel, weitere Herzereignisse zu verhindern. Kerber betont: „Eine Zahnentzündung kann nicht direkt einen Herzinfarkt auslösen, aber sie begünstigt die Entstehung von Atherosklerose.
Was die Behandlung bringt – und warum sie oft zu spät kommt
Die Daten sind klar: Eine konsequente Parodontitis-Behandlung kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich senken. Doch warum wird die Behandlung oft erst spät eingeleitet? Laut einer Studie sind mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland von Parodontitis betroffen – viele wissen jedoch nicht, dass ihre Zahnfleischentzündung langfristig lebensbedrohliche Folgen haben kann. Die Entzündungsbotenstoffe aus dem Mundraum greifen nicht nur das Herz an, sondern können auch Bluthochdruck und Herzmuskelentzündungen begünstigen.

Ein weiterer Risikofaktor sind hochverarbeitete Lebensmittel, die Konservierungsstoffe enthalten. Eine französische Studie mit über 112.000 Teilnehmern zeigte, dass diese Stoffe den Blutdruck in die Höhe treiben können – ein zusätzlicher Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Kombination aus schlechter Mundhygiene und ungesunder Ernährung beschleunigt den Entzündungsprozess und erhöht das Risiko für Herzinfarkte weiter.
Was kommt als Nächstes? Prävention als Schlüssel zur Herzgesundheit
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind so überzeugend, dass sie bald zu einer Veränderung der medizinischen Praxis führen könnten. Schon jetzt raten Kardiologen wie Professor Kerber Patienten mit Herzklappenfehlern oder unklaren Herzinfarkten zu einem Zahncheck. Doch bis es zu einer flächendeckenden Umsetzung kommt, wird es noch einige Jahre dauern. In der Zwischenzeit liegt die Verantwortung bei jedem Einzelnen: Regelmäßige Zahnpflege, eine entzündungshemmende Ernährung und der Verzicht auf Rauchen können das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich senken.
Die globalen Kosten oraler Erkrankungen belaufen sich auf rund 360 Milliarden Euro jährlich – doch die Investition in Prävention lohnt sich. Nicht nur, weil sie Leben rettet, sondern auch, weil sie die Gesundheitssysteme massiv entlastet. Die Frage ist nicht mehr, ob Parodontitis ein Risikofaktor für Herzinfarkte ist, sondern wie schnell wir diese Erkenntnis in die Praxis umsetzen.
Quellen: ad-hoc-news.de, apotheken-umschau.de, <a href="https://herzmedizin.
<!– /wp:paragraph Die Erkenntnis, dass Parodontitis ein zentraler Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellt, sollte daher den Ausgangspunkt für gezielte Präventionsprogramme und Aufklärungskampagnen in der Bevölkerung bilden.